Von Björn Hengst
Kurt, der Gewerkschaftsfreund
Berlin, SPD-Gewerkschaftsrat
Hört man SPD-Chef Beck und den DGB-Vorsitzenden Michael Sommer am späten Montagnachmittag im Atrium des Willy-Brandt-Hauses reden, mag man kaum glauben, zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften passe ein Blatt Papier. "Gute Arbeitsatmosphäre", "vertrauensvolles Klima", "da sind wir uns einig", "ausdrücklich bei Kurt Beck bedanken".
Es ist eine Salve von Nettigkeiten.
Selbstverständlich ist das nicht. Die Agenda-Politik des früheren Kanzlers Gerhard Schröder hat das Verhältnis von SPD und Gewerkschaften zerrüttet. Aber jetzt haben sie ein gemeinsames Thema und einen Gegner.
Das Thema ist der Mindestlohn, der Gegner die Union. Beck erwähnt einen Leitantrag, den die SPD auf dem Parteitag im Oktober verabschieden will. Der Titel: "Gute Arbeit". Und Sommer pestet gegen CDU und CSU: "Dass sich die Union aufspielt als Hüterin der Tarifautonomie, ist der Treppenwitz der Geschichte."
Beck hat einen verständnisvollen Blick aufgelegt.
Kurt, der Kämpfer
Hannover, Zukunftskonvent der SPD
Es soll ein Bild mit Symbolkraft sein: Vor ihm im Kuppelsaal des Hannover Congress Centrums sitzen die Delegierten, klatschen und schwenken rote Fahnen, hinter ihm auf dem Podium stehen Mitglieder des Parteivorstands - wenn Kurt Beck sich während seiner Rede zu ihnen umdreht, und er tut dies regelmäßig, dann nicken sie anerkennend.
Zustimmung von allen Seiten, das ist die Botschaft dieser Inszenierung. Eine Botschaft, die die Dauerkrisen-SPD gut gebrauchen kann. Heidemarie Wieczorek-Zeul nickt ihren Kopf während des Beck-Auftritts am Samstag so heftig, dass man Angst bekommt, sie könnte ein Schleudertrauma erleiden.
"Zukunftskonvent" heißt der Termin der 2500 SPD-Delegierten, sie debattieren über das neue Grundsatzprogramm, das die Partei im Herbst beschließen will. Es ist ein großes Wort für ein Treffen von 11 bis 17 Uhr.
Aber hält Beck auch eine große Rede?
Er steht in dunklem Anzug mit durchgedrücktem Kreuz auf der Bühne, als würde er direkt vom Kieser-Training kommen, und wird in seiner rund einstündigen Rede keinen Zweifel daran lassen, dass die Gegner der SPD auf allen Seiten lauern. Links die aus PDS und WASG hervorgegangene neue Linke. Rechts die Union, auch wenn sie derzeit noch Regierungspartner ist - aber beim Mindestlohn zum Beispiel trennt CDU/CSU und SPD eben Grundsätzliches, das macht Beck klar. "Wer vollschichtig arbeitet, muss in dieser Bundesrepublik davon auch leben können." Seine Partei werde "diese Auseinandersetzung am Ende gewinnen". Er meint den Mindestlohn-Streit mit der Union.
Schluss mit Singsang
Becks Stimme dröhnt laut durch die Halle, sein Gesicht ist rot angelaufen. Der Mann, der mit seinem pfälzischen Singsang meist wie ein lieber Onkel wirkt, kann Angreifer sein. Beck sagt, die CDU verfolge einen neoliberalen Kurs. Beck sagt, die SPD sei "das Original. Die anderen schaden der Linken in Deutschland".
So ähnlich steht es auf einem Transparent im Saal: "Das Original seit 1863. SPD". Wer dies so betonen muss, der hat Angst davor, dass die Konkurrenz einem das Patent streitig macht oder eine billige Kopie auf den Markt wirft. Die Linke tut der SPD weh. "SED-PDS-Nachfolgegruppierung", giftet Beck. Viele in dieser Partei hätten "das Gebot der Freiheit mit Mauer und Stacheldraht, mit Schießbefehl" beantwortet.
Beck bekommt viel Beifall. So viel, dass er die Daumen zur Siegerpose aufrichtet, noch einmal ans Mikro tritt und seine Parteifreunde bittet, die "Kräfte zu schonen. Es geht erst richtig los".
Was meint er? Den Zukunftskonvent? Die Profilierung der SPD? Seine möglichen Kanzlerambitionen? Und wohin geht es?
"Er braucht die Weinfeste"
Diese Fragen stellen sich nicht nur dem Beobachter. Auch mancher im Publikum ist ratlos geblieben.
"Zu defensiv, zu wenig programmatisch" sei Beck, sagt ein Delegierter aus Baden-Württemberg. "Es reicht nicht, Standards zu wiederholen." Der Mann ist 41, Rechtsanwalt, hängt an seiner Partei, hat aber Zweifel daran, dass Beck ein geeigneter Kanzlerkandidat wäre - und möchte seinen Namen deshalb nicht veröffentlicht sehen. "Weil ich dann als Nestbeschmutzer gelte."
Dann stellt er eine Frage: "Wissen Sie eine Alternative zu Beck?"
Braucht die Partei gar nicht, sagt Ralf Fuhrmann. Der SPD-Kreisvorsitzende aus Pforzheim, dünnes Haar, runder Bauch, ist ein Beck-Anhänger. "Weil er überzeugend die Politik der SPD vertritt", sagt der 44-Jährige. Auch ihm ist klar: "Beck ist nicht so charismatisch wie Schröder oder Stoiber." Ein Wahlkampf für Beck müsste anders aussehen: "Beck bringt man weniger über die Medien rüber. Er braucht die Weinfeste, es muss ein Wahlkampf direkt bei den Menschen werden."
Ein Wahlkampf für 80 Millionen Menschen - geführt auf Volksfesten. Ein merkwürdiger Plan.
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