Von Peter Wensierski
Zu den Überraschungen gehört für Projektleiter Uwe Sander, "dass die Zahlen oft sehr eindeutig anders als die gefühlten Wahrnehmungen sind". Über die Medien sei etwa der Eindruck entstanden, die Demonstranten seien aus aller Herren Länder nach Heiligendamm gekommen. Doch 91 Prozent der Teilnehmer waren aus Deutschland.
Die Masse der Demonstranten am Zaun vor Heiligendamm ist überdurchschnittlich gebildet. 70 Prozent gehen noch zur Schule oder studieren. Sander: "Dies spiegelt sich auch in den Elternhäusern der Jugendlichen wieder. 52 Prozent der Väter und 47 Prozent der Mütter haben einen Hochschulabschluss."
Die Demonstranten von Heiligendamm gehören mithin nicht zu den Verlierern der Globalisierung, dennoch geben 88 Prozent als Motiv ihrer Teilnahme "Perspektivlosigkeit" an. Projektmitarbeiter Matthias Witte erklärt das so: "An den Globalisierungsprotesten beteiligen sich vor allem die Jungen der Mittelschichten, aber auch ihre Eltern, die Angst vor dem sozialen Abstieg ihres Nachwuchses haben."
Generation unter "biografischem Schock"
Jugendforscher wie er und der Bielefelder Arne Schäfer sprechen von der Entstehung einer "prekären Generation", die unter einer Art "biografischem Schock" stehe, auf den sie schlecht vorbereitet ist. Die meisten kommen aus einer heilen Welt, haben ihre Kindheit in den Wohlstandszeiten der achtziger und neunziger Jahre verbracht, mit sozial gut situierten Eltern und angenehmen Beziehungen. Mit dem Eintritt ins Berufsleben werden sie von einer härteren Realität erfasst, "erleben eine dramatische Gleichzeitigkeit von Armut und Reichtum, Abstieg und Aufstieg, Schatten- und Sonnenseiten der Globalisierung", sagt Schäfer.
Schon nach der Gewalteskalation 2001 in Genua stellten italienische Politologen fest, dass es einenCommon Sense der Demonstranten gibt, ein tiefes Ungerechtigkeitsempfinden angesichts wachsender sozialer Ungleichheit.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die das Projekt finanziell fördert, hatte im Vorfeld erhebliche Bedenken: Würden die 250 Helfer, junge Rostocker Studenten, mit ihren Fragebögen von den militanten Demonstranten nicht schlicht verprügelt werden? Nichts dergleichen ist passiert. Der Rostocker Projektkoordinator Dirk Villányi: "Wir haben mindestens mit Zurückhaltung gerechnet, aber die Leute haben überraschend offen mitgemacht. Sie wollen mit ihren Inhalten nicht nur bei Demos wahrgenommen werden." Sogar viele aus dem schwarzen Block nahmen sich die Zeit und machten ihre Kreuzchen.
Anders als in früheren Protestwellen, die das Land erfassten, scheint die heutige Generation von Demonstranten für die Politik schwer berechenbar. Konnten früher Grüne oder Sozialdemokraten sich Demonstranten als Anhängerschaft zurechnen, scheinen sich die Engagierten der Gegenwart bewusst von diesen organisierten Formen der Politik abzusetzen. Sie wollen "keine vereinnahmenden Politorganisationen", sagt Jugendforscher Schäfer.
Die neue Protestgeneration konstituiert sich über das Internet. Dabei bleibt der Einzelne autonom - und dennoch verbunden mit einer Gemeinschaft, die sich dann zu ausgewählten Aktionen trifft. Zu rechnen sei allerdings mit ihr auf Dauer. "So verschwindet sie auch nach Heiligendamm nicht, die Politik muss immer wieder mit ihr rechnen."
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