• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Integration in Deutschland "Wir haben wahrlich nichts zu feiern"

3. Teil: "Sie schwelgen nur in Problemen!"

SPIEGEL ONLINE: Schlechte Schulergebnisse, keine Chancen auf dem Ausbildungsmarkt - wem schreiben Sie die Situation junger Migranten zu, Frau Kelek - der Mehrheitsgesellschaft oder der muslimischen Community selbst?

Kelek: Beiden. Aber ich habe von Deutschen schonungslose Selbstkritik gelernt - ganz anders ist es in der muslimischen Gemeinschaft.

Akgün: Sie schwelgen nur in Problemen. Ich halte es für ein Perpetuum Mobile, dass die Importbräute an der Integrationsmisere schuld sein sollen. Im vergangenen Jahr sind nur 9000 Leute als Ehepartner nach Deutschland eingereist.

Kelek: Wir können nicht immer sagen, es gibt auch noch die positive Seite. Missstände müssen klar beim Namen genannt werden. Jede zweite türkische Mutter in Deutschland ist eine Importbraut, was bedeutet, dass sie ihr Kind nicht in die Schule begleiten kann, weil sie kein Deutsch spricht. Wir haben wahrlich nichts zu feiern. Und nach einer neuen Umfrage sagen 50 Prozent aller befragten türkischen Männer in Deutschland, dass sie eine Braut aus der Türkei wollen. Sind die Frauen, die in Deutschland groß geworden sind, nicht gut genug? Ich bin mittendrin in der anatolischen Community, und ich kenne keine einzige Familie, die keine Braut geholt hat.

Akgün: Sie sehen nur das Dunkle, im Übrigen würde ich besagte Umfrage gerne einmal sehen. Ich glaube, dass ich die Realität ganz gut kenne: Ich habe 15 Jahre in Köln in allen sozialen Brennpunkten mit hohem Migrantenanteil als Psychologin und Familientherapeutin gearbeitet.

Kelek: Gerade in Köln. Da sitzen doch all die Fundamentalisten. Da kommt doch Herr Kaplan her.

Akgün: Ich bitte Sie! 85.000 türkischstämmige Menschen leben in Köln. Herr Kaplan war für die total uninteressant.

Kelek: Und wenn ich jetzt mit Milli Görüs käme, dann würden Sie auch sagen, die sind total uninteressant!

Akgün: Warum haben Sie eigentlich nie gefordert, dass die rechtliche Situation von türkischen Frauen, die nach Deutschland kommen, verbessert wird, dass sie einen eigenen Aufenthaltstitel bekommen? Schließlich haben Sie das Innenministerium beraten.

Kelek : Ich habe das Innenministerium nicht beraten, ich habe zwei Bücher über die Lage der türkischen Migranten geschrieben. Sie sind hier die Bundestagsabgeordnete, Sie sind die Islam- und Migrationsbeauftragte der SPD. Es wäre ihre Aufgabe, diese Probleme zu lösen.

Akgün: Und deshalb habe ich auch gegen das sogenannte neue Zuwanderungsgesetz gestimmt. Die Regelung zum Ehegattennachzug, die durch das CDU-geführte Innenministerium durchgesetzt wurde, halte ich nicht nur für diskriminierend - sie hilft den Frauen auch nicht.

Kelek: Sie hilft den Frauen sehr wohl. Durch die geforderten Sprachkenntnisse fördern wir die Selbständigkeit der Frauen. Im Innenministerium saß sieben Jahre lang ein SPD-Politiker, und es gab eine rot-grüne Regierung, die kaum etwas für türkische Frauen getan hat. Es ist ihr Versäumnis.

Akgün: Die rot-grüne Bundesregierung war die erste Regierung, die sich überhaupt mit Fragen von Zuwanderung und Integration beschäftigt hat und deutlich gemacht hat: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Wir haben die drei großen Gesetzespakete verabschiedet, nämlich das Zuwanderungsrecht, das neue Staatsbürgerschaftsrecht und das Antidiskriminierungsgesetz.

Kelek: Das hat den Frauen, den Importbräuten, aber gar nichts gebracht.

Das Gespräch führten Claus Christian Malzahn und Anna Reimann

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP