Von Philipp Wittrock, Gägelow
Die Hakenkreuze, die vor nicht allzu langer Zeit noch auf dem Ortsschild von Jamel zu sehen waren, sind heute verschwunden. "Das gehört denen, das hier, das auch", sagt Bürgermeister Wandel und zeigt auf die wenigen Häuser entlang der holprigen Forststraße. "Die Jungs fürs Grobe", steht in Frakturschrift auf diversen Firmenwagen, die in den Einfahrten parken. Einer hat einen Aufkleber am Heck: "Klagt nicht, kämpft!"
Wie schon beim Politikerbesuch zeichnet der Regen ein deprimierendes Bild der eigentlich grünen Umgebung, kein Mensch ist zu sehen, auf dem Spielplatz in der Mitte des kleinen Wendekreises am Ende des Ortes liegen Plastikeimer und -schaufeln herum. Irgendwo schlagen Hunde an. Das Gutshaus ist eine Ruine, der Dachstuhl ist teilweise eingestürzt. Eingezäunt steht es da, das Grundstück eine Schrott- und Müllkippe, Bauschutt ist von Brennnesseln überwuchert. "Lebensgefahr", warnt ein Schild am Gitter.
Im September vergangenen Jahres hat ein Unternehmen das Haus ersteigert, für 18.000 Euro. Auch Sven K. soll mitgeboten haben, stieg aber aus, als ihm der Preis zu hoch wurde. Bald meldete sich der neue Besitzer bei der Polizei. Er hatte Angst. "Er wollte sich sein neues Hab und Gut ansehen und hatte Bedenken, allein nach Jamel zu fahren", erinnert sich der Schweriner Polizeisprecher Klaus Wiechmann. Mit Streifenwageneskorte begutachtete er schließlich die trostlose Ruine. Was nun daraus werden soll, war beim neuen Eigentümer zunächst nicht zu erfahren.
Ein paar Schritte vom Gutshaus entfernt türmen sich auf einem Platz am Rande der Dorfstraße Holz und Abfälle. Seltener als früher entfachen die Dorfbewohner hier ein großes Feuer - illegal.
Ein Konzert als Neuanfang?
"Naja, so ist das halt auf dem Dorf, da brennt eben mal ein Feuer", sagt Horst Lohmeyer und zuckt mit den Schultern. Seit mehr als drei Jahren wohnt er mit seiner Frau Birgit in Jamel. Die Lohmeyers sind nicht rechts, niemand würde auf die Idee kommen, sie in diese Schublade zu stecken. Der Musiker mit den langen grauen Haaren und den DDR-Insignien am Revers hat mit seiner Frau, einer Autorin, den alten Forsthof aus dem 19. Jahrhundert am Dorfrand hergerichtet, irgendwann wollen sie die Scheune zum alternativen Kulturzentrum ausbauen. Erst nach und nach hatten sie 2004 von den Schlagzeilen erfahren, die Jamel als braunes Dorf machte. Abschrecken ließen sie sich nicht. "Wir sind nie bedroht worden", sagt Lohmeyer, nie habe er etwas mit K. zu tun gehabt.
Trotz der gesunden Distanz - die Lohmeyers wollen das Dorf nicht den Neonazis überlassen. Anfang Juli stellte das Ehepaar auf seinem Hof ein kleines Musikfestival auf die Beine. Unter dem Motto "Jamel rockt den Förster" traten an einem Wochenende Rock-, Latin- und Folk-Bands auf einer kleinen Bühne hinter dem Forsthof auf. Bei miesem Wetter kamen zwar nur rund hundert Zuhörer in die dörfliche Abgeschiedenheit - "aber es war ein schöner Anfang", sagt Horst Lohmeyer.
Trügerische Ruhe
Vor allem, weil alles ruhig blieb - kein Störer von rechts oder links suchte den Weg nach Jamel, wie manch einer zuvor befürchtet hatte. Offenbar in Sorge, gewaltbereite Linksradikale könnten das Konzert zum Angriff auf ihre Wagenburg nutzen, hatten die K.s am ersten Abend extra Wachen aufgestellt, die das Geschehen misstrauisch beäugten. Als der schwarze Block sich nicht blicken ließ, trauten sie sich am Sonntag sogar selbst zum Frühschoppen, "mit Kind und Kegel, ganz normal und friedlich", erinnert sich Lohmeyer.
Vielleicht ist das Konzert tatsächlich ein Anfang für Jamel, vielleicht auch der symbolische, wenn auch sehr späte Kurzbesuch der Politiker - Jahre nach der letzten Brandstiftung im Ort. Es ist ruhiger geworden in Jamel. "Es gibt derzeit keine Ermittlungen, weder staatsschutzrechtlich noch strafrechtlich", sagt Polizeisprecher Wiechmann. Schon seit Jahren zeigten Uniformierte dort immer wieder Präsenz, betont der Schweriner Beamte.
Aber Bürgermeister Wandel weiß auch, dass die Ruhe womöglich trügerisch ist - vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Rechtsradikalen sich die Vorherrschaft gesichert haben. Der Innenausschuss-Vorsitzende Norbert Nieszery (SPD) warnte nach der Kurzvisite im Januar: "Ruhe ist in Jamel nur, weil fast ausschließlich Neonazis im Ort wohnen."
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