Von Philipp Wittrock, Wismar
Auch wenn das Ziel ein gemeinsames ist, immer wieder gibt es Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Interessen unter dem Dach des Netzwerks zu bündeln. Besonders Stadt und Bürgerschaft handelten nicht immer konsequent, beklagen Frenkel und Krumpen. Wie könne es sonst sein, dass ein im Kampf gegen die Szene erfolgreicher Jugendtreff wegen gestrichener Personalzuschüsse seine Sozialarbeiterin verliere? Oder dass ein dem rechtsextremen Umfeld nahe stehendes Sicherheitsunternehmen Ordnerdienste auf dem Hafenfest leiste? Ganz zu schweigen von der verbockten Sonderförderung aus dem Bundeshaushalt für Projekte gegen Rechts.
"Wir können uns das nicht erklären", beteuert Stadtsprecher Frank Junge. Bis zu 300.000 Euro für den Kampf gegen Rechtsextremismus gehen Wismar bis zum Jahr 2010 durch die Lappen, weil der aussichtsreiche Antrag auf die Fördermittel Ende vergangenen Jahres nicht fristgerecht beim Bundesfamilienministerium eingegangen war - obwohl man ihn in Wismar ausgefüllt haben will. In der Berliner Behörde bemerkte ein Sprecher seinerzeit süffisant, dass man bei Online-Bewerbungen auch auf den Button "Absenden" klicken müsse.
Mit vergleichsweise minimalen finanziellen Mitteln hat Wismars Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken (SPD) unter dem Motto "Neugierig. Tolerant. Weltoffen" nun eine Imagekampagne für die Hansestadt gestartet. Mit einheitlichen Buttons, Aufklebern und Plakaten sollen die Bürger zeigen, dass sie die Neonazis in der Stadt nicht dulden. Doch vier Monate nach Beginn der Aktion zeigt kaum jemand in der Innenstadt mit dem blau-roten Logo im Schaufenster oder am Auto Flagge. Auch die Resolution gegen Rechts haben auf der eigens geschalteten Internetseite erst knapp 1500 Menschen per Mausklick unterzeichnet. "Die Resonanz stimmt uns nicht zufrieden", räumt man auch im Rathaus der 45.000-Einwohner-Stadt ein.
"Wir reden nichts klein"
Hinter vorgehaltener Hand wird in Kreisen des Netzwerks kritisiert, die Kampagne sei ohnehin weniger dem ernst gemeinten Kampf gegen die Neonazis als vielmehr der Sorge um den Ruf der Stadt geschuldet. Tatsächlich beklagte sich Bürgermeisterin Wilcken mit Blick auf die Bilder vom bewaffneten Polizeieinsatz bei der Antifa-Demo im vergangenen Sommer über die "unfaire" Berichterstattung, die der Stadt zu Unrecht das "Kainszeichen" einer Hochburg des Rechtsradikalismus eingebracht habe.
Gleichzeitig wehrt sich die Stadt immer wieder gegen den Vorwurf, sie nehme das rechtsextreme Problem nicht ernst. Es gebe eine Diskrepanz zwischen der Erwartungshaltung der Bürger - etwa der Nachbarn des Szeneladens - und den ordnungsrechtlichen Möglichkeiten. "Nur weil uns der Laden nicht gefällt, können wir ihn nicht einfach zumachen", heißt es bei der Stadtverwaltung. "Wir reden aber nichts klein." Nur sei das Problem eben nicht größer als in anderen ostdeutschen Städten auch, betont Sprecher Junge und verweist auf die Einschätzung des Verfassungsschutzes.
Der allerdings erkennt im Großraum Wismar immerhin einen "regionalen Schwerpunkt rechtsextremistischer Subkulturen". Dazu zählt die örtliche Polizei einen "eher unpolitischen" Kern von rund 20 Personen, für die eine "relativ hohe Gewaltbereitschaft prägend ist", wie Revierleiter Rainer Dittschlag sagt. "Es sind immer die gleichen Leute, die auffällig werden." Die aber haben gemeinsam für satte 120 Einträge in der Sammelakte gesorgt - von Diebstahl über Volksverhetzung bis zu schwerer Körperverletzung.
Zugeschlagen wird auch schon mal untereinander: Während derzeit vor Gericht ein Totschlag im Milieu aus der Neujahrsnacht verhandelt wird, hatten Anwohner des Spiegelbergs und der Fischerstraße erst vor wenigen Tagen wegen eines lautstarken nächtlichen Streits wieder einmal die Polizei zur "Wolfshöhle" bestellt. Die beiden Männer, die die Beamten vor Ort antrafen - einer von ihnen am Kopf verletzt -, wollten von einer ernsten Auseinandersetzung zwar nichts wissen. Am nächsten Morgen aber entdeckten Anwohner in der Gasse große Blutlachen und Blutspritzer an der Hauswand. In der Lokalpresse war von einer Auseinandersetzung in der rechtsextremen Szene die Rede, mit einem Hammer soll ein Mann einem anderen auf den Schädel geschlagen haben.
Zynisch genug, dass die erneute Negativschlagzeile sogar für einen Hoffnungsschimmer sorgt. Es gibt Gerüchte, dass der permanente Ärger inzwischen auch dem Vermieter der "Wolfshöhle" zuviel wird. Bislang galt er als mindestens gleichgültig gegenüber der Gesinnung seiner Mieter. Nun aber denkt er offenbar darüber nach, den Bewohnern fristlos zu kündigen. Ob die dann allerdings aus Wismar verschwinden, bleibt abzuwarten.
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