• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Duisburg-Marxloh Wo der Pott Deutschen und Türken gehört

2. Teil: "Ich kann nicht sagen, ich fühle mich deutsch oder türkisch. Ich bin einfach Ruhri."

Ein Musterbeispiel für Integration - das möchte Asli Sevindim nicht so gerne über sich lesen. "In meiner Familie war Bildung eben immer selbstverständlich", erzählt sie. Und genau das sei auch der Schlüssel zur Integration: Bildung. "Wir müssen bei den Kindern ansetzen", meint sie. "Mir tut es weh, wenn ich hier manchmal Deutschtürken sehe und die Mutter kein Wort Deutsch spricht. Aber das sind die Ausnahmen."

Eigentlich wohnten hier in Marxloh ganz normale Menschen, betont sie. Nur eben ein paar mehr Türken. "Aber wenn die Medien über unser Viertel berichten, dann vergessen sie das oft", sagt sie. "Marxloh ist in erster Linie ein Ort, an dem Menschen leben. Die einkaufen, zum Friseur gehen, heiraten und sich scheiden lassen. Wie überall auf der Welt. "

Viele Deutsche finden die Veränderungen befremdlich

Wenn Asli Sevindim über Integration spricht, redet sie Klartext: "Wenn einer ein Macho-Arschloch ist, dann ist er das nicht, weil er aus Deutschland oder der Türkei kommt. Das hat doch mit der Nationalität nichts zu tun. So eine Denkleistung kann man ja wohl von jedem erwarten."

Nicht unbedingt. Oft müssen sich die Marxloher Türken Vorwürfe anhören: Das Viertel habe sich verändert, die Gesichter auf der Straße sähen anders aus, die Läden seien alle türkisch. In einer ZDF-Reportage wurde gar behauptet, Deutsche müssten in Marxloh Türkisch lernen, um überhaupt zurecht zu kommen. Zum Beleg filmte das Kamerateam, wie eine deutsche Frau, die mit einem Türken verheiratet ist, zu einem türkischen Metzger geht und mit ihm Türkisch spricht. Allerdings habe sie dies nur getan, weil die Journalisten sie darum gebeten hätten. "Raten Sie mal, was die Frau zu dem Metzger gesagt hat", sagt Asli Sevindim. "Sie sagte: Wir sollen jetzt Türkisch sprechen."

Arbeitslose in den Städten des Ruhrgebiets
SPIEGEL ONLINE

Arbeitslose in den Städten des Ruhrgebiets

Auch wenn der Beitrag übertreibt, viele Deutsche finden die Veränderungen tatsächlich befremdlich. Irene Eichelbaum, 58, arbeitet seit 14 Jahren in einem Tabakladen am August-Bebel-Platz. "Das Viertel hat sich zum Negativen hin verändert", sagt sie. "Es gibt gar keine Fachgeschäfte mehr, bei mir in der Nähe ist kein einziger Metzger." Zumindest kein deutscher Metzger. Trotzdem, sagt sie, fühlt sie sich hier wohl: Mit ihren Nachbarn versteht sie sich gut, die Ausländer findet sie nett und freundlich. Viele davon sind ihre Kunden.

Dass es in Marxloh keine Geschäfte guter Qualität mehr gibt, will Asli Sevindim nicht auf sich sitzen lassen. Sie parkt ihren Sportwagen vor einem Geschäft, einem türkischen Geschäft. "Haben Sie schon mal Kichererbsen mit Zuckerguss gegessen?" fragt sie. Sie kommt mit ein paar Tüten voller gesalzener Sonnenblumenkerne, Zuckermandeln und Kichererbsen wieder. "Alte Menschen können meistens nicht verstehen, wenn sich etwas um sie herum verändert", sagt sie. Veränderung sei für diese meist etwas Negatives.

Für die Generation von Asli Sevindim, für Tausende Gastarbeiterkinder, ist das anders. "Duisburg und das Ruhrgebiet: Das ist meine Heimat", sagt sie. Um ihren Mund ziehen sich Lachfältchen. "Ich kann nicht sagen, ich fühle mich deutsch oder türkisch. Ich bin einfach Ruhri."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP