Von Carsten Volkery und Philipp Wittrock
Hamburg - Kurt Becks Augen leuchten. Entzückt wandert der Blick des SPD-Chefs über den gigantischen roten Bauch des Containerfrachters "Cap Roca", der sich im Trockendock 11 der Hamburger Werft Blohm+Voss über seinem Kopf wölbt. Es riecht nach Lack, Diesel und Meer, Gabelstapler rattern vorbei, weiter hinten regnen Schweißfunken aus einer Luke, irgendwo schlägt Metall auf Metall. Die Fotografen dirigieren Beck und den Hamburger SPD-Bürgermeisterbewerber Michael Naumann unter die gewaltige, 20 Tonnen schwere Schiffsschraube.
Da stehen die beiden Genossen in dunklen Anzügen und mit weißem Schutzhelm unter dem 233 Meter langen Rumpf des Ozeanriesen mit der 30.000-PS-Maschine, gegenüber dockt gerade die fast genau so große "Eden Maru" aus, auf dem Boden liegt ausgerollt die 300 Meter lange Ankerkette. Beck und Naumann lächeln, sie scherzen.
Der Landesfürst aus Rheinland-Pfalz, den manche für zu provinziell für das Kanzleramt erachten, und der ehemalige Kulturstaatsminister, von Kritikern als Schöngeist verspottet - sie wirken an diesem Ort der schmutzigen Arbeit ein wenig wie Fremdkörper. Ein paar Meter entfernt raunt Thomas Marutz, Geschäftsführer von Blohm+Voss: "So klein können Spitzenkandidaten sein."
Die 130 Jahre alte Hamburger Traditionswerft ist die erste Station der Sommerreise des SPD-Vorsitzenden. Hamburg ist eines der Länder, die die Sozialdemokraten nächstes Jahr unter Becks Führung zurückerobern wollen. Von der Hansestadt führt der Trip weiter in die Wahlkampfregionen Niedersachsen und Hessen. Bayern hingegen, wo 2008 ebenfalls gewählt wird, geben die Parteistrategen offensichtlich bereits verloren: So trostlos scheint die Lage, dass man sich hier einen motivierenden Beck-Auftritt schenkt. Stattdessen steht etwas überraschend die Wartburg in Thüringen auf dem Programm.
Politische Entwicklungshilfe - aber für wen?
Traditionell geht es bei Sommerreisen um politische Entwicklungshilfe: Ein Promi lenkt kostbares Scheinwerferlicht auf die besuchten Spitzenkandidaten. In diesem Fall kann der Promi selbst jedoch jedes Foto und jede Schlagzeile gebrauchen. Nach 16 Monaten im Amt steht Beck als SPD-Chef unter Erfolgsdruck. Das Argument, Beck habe die Partei nach dem Verlust des Kanzleramts und den Rücktritten seiner Vorgänger Müntefering und Platzeck wieder zur Ruhe gebracht, hat sich abgenutzt. Auch das Lob für die effiziente Straffung der Parteispitze ist fast schon vergessen.
Dafür sind die Zweifel an seiner Person gewachsen. 16 Prozent - die Zahl ist zu Becks Menetekel geworden. So viele, oder besser, so wenige Deutsche würden ihn laut einer besonders verheerenden Umfrage kurz vor der Sommerpause derzeit zum Kanzler wählen. Angela Merkel hingegen kann sich über 57 Prozent Zustimmung freuen. Auch im innerparteilichen Schönheitswettbewerb um den besten Kanzlerkandidaten muss der SPD-Chef einiges schlucken: Seine Partei will laut einer neuen TNS-Umfrage im Auftrag des SPIEGEL lieber von Außenminister Frank-Walter Steinmeier oder dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit in den Wahlkampf geführt werden.
Nun sind Umfragen zwei Jahre vor einer Wahl nicht entscheidend, aber über Monate hinweg kann so ein medial verstärktes Trommelfeuer auch das Selbstbewusstsein des robustesten Pfälzers erschüttern. Vor allem sorgen die desaströsen Werte für Unruhe in der Partei.
"Er schüttelt das ab"
Die Sommerreise soll eine bessere zweite Jahreshälfte für den gebeutelten Mainzer einleiten. "Er schüttelt das ab. Und die SPD schüttelt das auch ab", springt Hamburgs SPD-Kandidat Naumann dem Bundesvorsitzenden am Ufer der Elbe zur Seite und lobt: "Kurt Beck ist der beste Kandidat, den wir haben." Doch der Angesprochene weicht auf seine mögliche Kanzlerkandidatur angesprochen wie bisher wortreich aus: "Ich fühle mich in meinem Weg bestätigt, nämlich zur rechten Zeit eine Entscheidung bekanntzugeben."
Er blicke jedenfalls "zukunftsfroh" voraus, gibt Beck zu Protokoll. Weder orientierungslos noch hilflos sei seine Partei, sondern "auf einem klaren Weg". Als nächster Höhepunkt ist der Hamburger Parteitag im Oktober geplant, auf dem das neue Grundsatzprogramm verabschiedet und Becks neue Stellvertreter Steinmeier, Steinbrück und Nahles inthronisiert werden. Doch ob das für die gewünschte Aufbruchsstimmung reicht, ist fraglich. Einen Ausweg aus dem Grunddilemma der Partei, dem Zangengriff zwischen Union und Linkspartei, hat Beck nicht parat. Stattdessen drohen Streit über die Wehrpflicht, Afghanistan und die Bahnreform.
Zudem bleibt die SPD im Korsett der Großen Koalition in Berlin gefangen. Die wichtigsten Minister wie Steinmeier und Steinbrück agieren, als wären sie parteilos. Selbst die verbliebenen sozialdemokratischen Bannerträger wie Anti-AKW-Minister Sigmar Gabriel stehen im Schatten der Kanzlerin - wie diese Woche, wenn die beiden Klimaschützer sich zusammen vor einem Gletscher in Grönland ablichten lassen.
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