Von Carsten Volkery und Philipp Wittrock
Die Wende für die SPD muss daher aus den Ländern kommen. Bisher kann Beck von sich behaupten, in seiner Amtszeit als SPD-Chef sei noch keine Landtagswahl verloren gegangen. Das wird sich ändern. Nur in Hessen können die Genossen im Moment etwas Hoffnung schöpfen, weil eine schwarz-gelbe Koalition laut Umfragen keine Mehrheit hätte. Allerdings könnte auch Rot-Grün rein rechnerisch nur mit Hilfe der Linkspartei regieren - und das schließt SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti aus.
Bei allen anderen Landtagswahlen hingegen richtet sich die SPD auf Niederlagen ein. In Hamburg ist die erste Euphorie nach der Benennung des Spitzenkandidaten Michael Naumann wieder verpufft. In Umfragen rangiert die SPD mit 30 Prozent weit hinter der CDU mit 45 Prozent. Auch im direkten Vergleich wird Naumann vom Amtsinhaber Ole von Beust deklassiert.
Ähnlich sieht es in Niedersachsen aus, wo Beck am Abend die Wahlkampfzentrale in Hannover besichtigt. Spitzenkandidat Wolfgang Jüttner wird selbst innerhalb seiner eigenen Partei kein Sieg gegen Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) zugetraut. Und in Bayern hat die SPD es nicht vermocht, aus der schwersten CSU-Krise aller Zeiten Kapital zu schlagen.
Beck, eine "Rampensau"
Beck ist nicht schuld an diesem Niedergang - die SPD leidet immer noch an den Folgen der Agenda-Politik und der Gründung der Linkspartei. Doch trägt Becks schlechtes Image zur Krise bei. Den Zenit seiner Beliebtheit hatte er schon vor über einem Jahr erreicht - als er in Rheinland-Pfalz die absolute Mehrheit holte. Seine erfolgsentwöhnten Parteifreunde lagen ihm damals zu Füßen. Die Helmut-Kohl-Fans bei "Bild" und "FAZ" zogen Vergleiche zwischen "König Kurt" und dem anderen dicken Pfälzer, der es weit gebracht hat.
So groß war die Beck-Begeisterung, dass etliche Spitzen-Sozis damals die im Raum stehende Frage nach einer Kanzlerkandidatur Becks mit dem Hinweis abbügelten, der Mann sei gut in der Provinz, aber eigne sich nicht für die Bundesbühne. Damals war Platzeck noch SPD-Chef, und Beck sollte ihm nicht gefährlich werden.
Heute, kaum ein Jahr später, hat sich die Einschätzung von Becks Kanzlerqualitäten bei vielen nicht geändert, doch laut sagt es niemand mehr. Im Gegenteil: Die Führungsleute Steinmeier, Steinbrück, Struck und Gabriel überboten sich in den vergangenen Wochen damit, den widerstrebenden Beck zur Kanzlerkandidatur zu drängen. Am tollsten trieb es SPD-Fraktionschef Peter Struck, der Beck die notwendigen Qualitäten einer "Rampensau" attestierte. "Beck kann die Menschen begeistern - auch auf Marktplätzen und im direkten Gespräch."
Schwierige Kontaktaufnahme
In Hamburg allerdings tut sich der SPD-Chef schwer: Der Funke will einfach nicht überspringen. In den Werkstatthallen der Werft geht er von Werkbank zu Werkbank, schaut Lehrlingen, Studenten und Praktikanten im Blaumann über die Schulter, die umringt von den Politikern und Dutzenden Fotografen und Kameras angestrengt weiterzuarbeiten versuchen.
Er sagt Sachen wie "schön", "toitoitoi" oder "sauber gearbeitet" und lässt die Journalisten wissen: "Das ist nicht so einfach, wie es aussieht." Als gelernter Elektriker habe er in seiner Jugend auch eine Grundausbildung in Metallverarbeitung genossen - "das vergisst man sein Leben nicht".
Später beim Rundgang über das Gelände gestaltet sich schon die Kontaktaufnahme zur Arbeitnehmerschaft schwierig. Am Dock eilt Beck auf ein paar ölverschmierte Arbeiter zu, die Gerüstteile neben der "Cap Roca" stapeln. "Na, gleich geschafft?" ruft er ihnen zu. Einer nickt kurz, während er eine Stahlstrebe auf den Haufen wirft. Dann ziehen die Männer wortlos ab. Und in der großen Reparaturhalle beobachten ein paar Männer irritiert den Tross um Beck und Naumann, der da an ihnen vorbeizieht. Beck bleibt stehen und winkt.
Niemand winkt zurück.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH