• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Kulturhauptstadt Ruhrgebiet Unser Pott soll schöner werden

2. Teil: Auch in alten Arbeitersiedlungen sprießen einige zarte Ableger des Weltkulturerbes

Besteht also die Gefahr, dass sich im Zuge der Krönung zur Kulturhauptstadt die kulturelle Elite des Ruhrgebiets so euphorisch selbst feiert, dass sie den Blick für das Wesentliche verliert? "Es reicht nicht, wenn ein paar reiche Schweizer kommen und sich restaurierte Industrieruinen ansehen", sagt der Soziologe Rolf Heinze von der Bochumer Ruhr-Universität. "Kulturprojekte losgelöst von der Wirtschaft funktionieren nicht." Und damit die kulturellen Leuchttürme, so imposant sie auch in die Ferne strahlen, die direkte Nachbarschaft nicht im Dunkeln lassen, braucht die Region vor allem eines: Arbeitsplätze.

"Nicht nur Event, Event ein Lichtlein brennt"

Dessen ist sich allerdings auch Oliver Scheytt, gemeinsam mit dem frühereren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen Geschäftsführer der Kulturhauptstadt, bewusst: "Es ist klar, dass nicht alles nur nach dem Motto 'Event, Event ein Lichtlein brennt' funktionieren kann", sagt er. "Wir wollen, dass die Projekte nicht nur im Jahr 2010, sondern auch in den Jahren danach fortwirken."

Im Fokus der Veranstalter steht dabei vor allem, die Region für die sogenannte Kreativwirtschaft - also Designer, Künstler oder Werber - attraktiv zu machen. "Vor 100 Jahren gab es eine Migration der Arbeiter. Wir wollen, dass es künftig eine Migration der Kreativen gibt", sagt Scheytt. Trotz des Images vom schmuddeligen Kohlenpott sei das Revier bereits heute auf dem richtigen Weg. "Im Bergbau sind im gesamten Ruhrgebiet momentan nur noch 36.000 Menschen beschäftigt. In der Kreativwirtschaft sind es heute schon 40.000."

Als die Zeche Zollverein noch auf Hochtouren lief, haben hier über und unter Tage 8000 Menschen gearbeitet. Inzwischen, so erzählt auch Ute Durchholz von der Stiftung Zollverein, sind rund um das Weltkulturerbe immerhin 1000 neue Stellen in Werkstätten, Studios oder Ateliers entstanden.

Und auch in den alten Arbeitersiedlungen sprießen mittlerweile einige zarte Ableger des Weltkulturerbes. "Dort werden beispielsweise Zimmer an Touristen vermietet, quasi als Bed & Breakfast in der Zechenkolonie", sagt Durchholz. Mindestens ebenso wichtig sei allerdings auch, dass die Anwohner in die Veranstaltungen auf dem Gelände eingebunden werden. "Früher war die Zeche eine Art verbotene Stadt. Heute kommen die Leute zum Zechenfest, und die Opas erzählen ihren Enkeln von früher."

Eine virtuelle Stadt in der Tiefe

Quer durch das Ruhrgebiet verteilen sich mittlerweile die Leuchttürme der Industriekultur. Wo früher rund um die Uhr Stahl abgestochen oder Koks gelöscht wurde, werden heute allabendlich Hochöfen und Industrieanlagen angestrahlt, finden Konzerte statt, verschmilzt die Vergangenheit des Reviers mit der Gegenwart. Unter dem Fördergerüst von Schacht Zwölf, wo früher jeden Tag mehr als 12.000 Tonnen Kohle an die Oberfläche gehoben wurden, soll pünktlich bis zum Jahr 2010 in 1000 Metern Tiefe eine virtuelle zweite Stadt entstehen. Noch einmal bewegt sich der Pott für den Aufstieg in die Tiefe - dieses Mal für den Aufstieg zur Kulturhauptstadt.

Davon, dass Essen und dem Ruhrgebiet diese Ehre zuteil wird, hat man natürlich auch in Katernberg schon gehört. "Klar ist man stolz", sagt der Mann mit der Jeansjacke und dem blonden Oberlippenbart an der Straßenbahnhaltestelle. Auch auf das Weltkulturerbe Zollverein, das nur wenige hundert Meter die Straße runter liegt. Dann stutzt der Mann - "Aber dat liegt doch schon gar nicht mehr in Katernberg, oder?"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Kulturhauptstadt Ruhr.2010

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Mehr auf SPIEGEL ONLINE





TOP



TOP