Von Philipp Wittrock, Mügeln
Mügeln - Es ist so friedlich in Mügeln, so verdammt friedlich. Ein Postkartensonnenuntergang hat das Kopfsteinpflaster auf dem Markplatz nach einem kräftigen Sommerregen an diesem Montagabend für ein paar Minuten vergoldet, bevor sich die Dunkelheit über die sächsische Kleinstadt im Döllnitztal legt. Mit dem schwindenden Tageslicht scheinen fast alle hier die Straßen zu verlassen, wie ausgestorben liegt der Ort nun da.
Opfer Kulvir Singh vor der Pizzeria: Vom Mob verfolgt
Kleinstadtidylle für die einen, Kleinstadttristesse für die anderen.
Deplatziert wirkt in dieser abendlichen Ruhe nur der Streifenwagen, der unter einem Baum in einer düsteren Ecke des Dorfplatzes parkt. Was soll es hier schon zu beobachten geben?
"Die Polizei hat gesagt, sie will hier erst mal ein bisschen aufpassen", sagt Imbissbesitzer Singh, 35, dessen Lokal die beiden Beamten im Auto aus rund 25 Meter Entfernung im Blick haben. Singh steht in seiner spartanisch eingerichteten Pizzeria "Picobello" an der Hauptstraße von Mügeln hinter dem holzvertäfelten Tresen. Vor ein paar Stunden war Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) bei ihm, um Trost zu spenden.
Von der Rempelei zur Hetzjagd
Jetzt wirkt das freundliche Gesicht des Inders müde, er lässt die beiden Fliegen, die hartnäckig um seinen Kopf schwirren, gewähren. Singh hat kaum geschlafen in den vergangenen 40 Stunden. Seit jenen verhängnisvollen Ereignissen vom vergangenen Wochenende, die Spitzenpolitiker zu ihm in den Laden führen und die die Polizei nun veranlassen, sein Geschäft zu bewachen. Ereignisse, die angesichts der absoluten Ruhe und Friedfertigkeit, die Mügeln ausstrahlt, kaum vorstellbar sind.
Am frühen Sonntagmorgen war es auf dem Mügelner Altstadtfest nach einer vermeintlich harmlosen Rempelei auf der Tanzfläche des Festzeltes zu einer regelrechten Hetzjagd auf Singh und sieben Landsleute gekommen. Neonazi-Parolen grölend hatte ein wütender Mob von Dutzenden Festbesuchern die Inder quer über den Marktplatz geprügelt, sechs der Verfolgten retteten sich in Singhs Pizzeria, schlossen sich ein. Randalierer traten daraufhin Haustür und Hintertür ein, Scheiben gingen zu Bruch, Singhs Auto wurde demoliert. Erst ein Großaufgebot von 70 Beamten konnte die tobende Menge zurückdrängen, wurde aber selbst mit Flaschen, Gläsern und Bierbänken attackiert. Bilanz des Gewaltexzesses: 14 Verletzte, darunter vier Angreifer, zwei Polizisten und alle acht Inder.
Singh hat keine offensichtlichen Verletzungen, keine Schnittwunden und Blutergüsse wie einige seiner Bekannten. Doch ihn treibt die Sorge vor neuen Überfällen um. "Ich habe Angst", sagt er. "Ich bin doch jetzt der Anhaltspunkt für die."
Die. Die Schläger. Die Neonazis? "Ich weiß es nicht", sagt Singh. "Es ging ja alles so schnell."
Sicher ist sich Singh, dass in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf dem Marktplatz eine Gruppe Jugendlicher nur darauf wartete, dass seine Begleiter und er das Zelt verließen. Nach seinen Worten hatten die acht einer Konfrontation eigentlich aus dem Weg gehen wollen, nachdem ihn ein ihm bekannter Festbesucher vor "Stunk" gewarnt hatte. Ob er die jungen Schläger vor dem Zelt der rechtsextremen Szene zuordnen würde? Singh zuckt mit den Schultern.
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