Von Florian Gathmann, Mügeln
"Natürlich gibt es in der Gegend Rechte", sagt sie. Aber deshalb dürfe man nicht einen ganzen Ort in Sippenhaft nehmen. Nicht nur wegen der Initiative von Leuten wie den Nachtweides. Viele würden sich hier bemühen, sagt die Frau mit der randlosen Brille, "und es ist doch bezeichnend, dass so viele Mügelner heute gekommen sind", sagt sie.
Trotzdem, viele in Mügeln sind an diesem Tag erkennbar froh, dass sie zunächst niemand daran erinnert, warum man sich eigentlich trifft. Die Band "Firebirds" bedankt sich vor ihrem Auftritt beim Publikum fürs Kommen und betont, dass sie nun schon sieben Mal in Folge auf einem Mügelner Fest spielen. Auch die nächste Band "Tommy Reeve" ist vor allem froh, dass das Wetter mitspielt und die Leute gut drauf sind.
Sie meinen es gut - aber das reicht nicht, sagt der Pizzabäcker
"Jump"-Organisator Sandro Poggendort läuft zwar zwischendurch immer mal mit dem Mikrofon zwischen "Fischers Fritze", dem Bierstand und "Martins Hühnchengrill" hin und her, um Live-Stimmen zum Thema einzufangen. Allein, die Positionen wirken ziemlich uniform: "Es war schlimm, dass man uns so missverstanden hat", sagt ein Mann mit grauem Bart. Beifall.
Dass manchem diese Beschwichtigungsrhetorik missfällt, ist auch zu erkennen. Nur - das sagt niemand öffentlich.
Und die Inder? Einer fragt durchs Mikrofon, warum die eigentlich nicht da seien. Gastgeber Mertens-Nachtweide erzählt, er hätte sie eingeladen, aber die wollten fürs Erste ihre Ruhe, habe man ihm gesagt. Auch der indische Gaststätten-Chef ist nicht zur Diskussion gekommen. Immerhin wird seine Pizza im Schlosshof verkauft. "Ich weiß doch auch, was das Interesse mancher Leute an diesem Fest ist", sagt er in seinem Restaurant über den Tresen hinweg. Sicherlich, manche meinten es gut. Aber das reiche nicht.
"Jump"-Mann Poggendorf meinte es sogar sehr gut. "Wir müssen Mügeln diese Chance geben", hatte er vor der Veranstaltung gesagt. Ein bisschen Musik, ein bisschen zur Ruhe kommen, ein bisschen über die Probleme sprechen.
Als dann am Abend die Podiumsdiskussion zur Hälfte vorüber ist, wirkt er ein bisschen ernüchtert. Erst hat Staatskanzleichef Hermann Winkler als Vertreter des verhinderten Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU) den Mügelnern sein Mitgefühl überbracht: "Wie man die Menschen hier vorverurteilt hat, das tut mir richtig weh." Dann ist schon wieder Bürgermeister Deuse an der Reihe, der dem Publikum dafür dankt, "dass Ihr mir den Rücken stärkt". Er stehe zu seinen Worten, "denn wir sind keine rechtsextreme Stadt. Das wiederhole ich, auch wenn es jemandem nicht gefällt."
Die beiden Moderatoren Sven Oswald und Daniel Finger, angeblich wegen ihrer politischen Erfahrung vom Berliner Sender "Radio Eins" eingekauft, überbieten sich gleichzeitig im Anbiedern: "Wurde das alles von den Medien aufgebauscht?", fragen sie unter Jubel in die Runde. Auch Mertens-Nachtweide scheint mitgerissen: "Mit Liebe und Toleranz kriegen wir das hin." Dabei hatte er zuvor einige "Nestbeschmutzer"-Rufe geerntet.
"Die haben doch angefangen!"
Mag sein, dass in den Tagen nach den Übergriffen manche politische Forderung erhoben wurde, die an der Wirklichkeit vorbeiging. Mag sein, dass manche Verallgemeinerung nicht die Situation in Mügeln trifft. Aber je länger die Mügelner im Schlosshof zusammen sind, umso stärker entsteht der Eindruck, die Opfer seien gar nicht die Inder - sondern die Stadt.
"Man hört ja so einiges über die Inder", sagt ein kleingewachsener Mann mit Schnurrbart. "Die haben doch angefangen!", sagt ein anderer. "Ich wohne hier seit 28 Jahren. So etwas hat es hier nie gegeben." Solche Dinge.
Die kräftigen Männer mit den Tätowierungen und den kurzen Haaren halten sich währenddessen im Hintergrund. "Krawallbrüder" hat einer auf seinem T-Shirt stehen.
Ein Zeichen hat Mügeln an diesem Tag gesetzt - aber nicht das richtige, finden die vier jungen Männer von "Virginia Jetzt".
Ein paar Leute tanzen vor der Bühne, während die Band ihren letzten Titel singt: "Aber anders muss es werden, wenn es besser werden soll."
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