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Mügeln eine Woche danach Beschwichtigen, bemitleiden - und nichts entschuldigen

2. Teil: "Man hört ja so einiges über die Inder"

"Natürlich gibt es in der Gegend Rechte", sagt sie. Aber deshalb dürfe man nicht einen ganzen Ort in Sippenhaft nehmen. Nicht nur wegen der Initiative von Leuten wie den Nachtweides. Viele würden sich hier bemühen, sagt die Frau mit der randlosen Brille, "und es ist doch bezeichnend, dass so viele Mügelner heute gekommen sind", sagt sie.

Trotzdem, viele in Mügeln sind an diesem Tag erkennbar froh, dass sie zunächst niemand daran erinnert, warum man sich eigentlich trifft. Die Band "Firebirds" bedankt sich vor ihrem Auftritt beim Publikum fürs Kommen und betont, dass sie nun schon sieben Mal in Folge auf einem Mügelner Fest spielen. Auch die nächste Band "Tommy Reeve" ist vor allem froh, dass das Wetter mitspielt und die Leute gut drauf sind.

Sie meinen es gut - aber das reicht nicht, sagt der Pizzabäcker

"Jump"-Organisator Sandro Poggendort läuft zwar zwischendurch immer mal mit dem Mikrofon zwischen "Fischers Fritze", dem Bierstand und "Martins Hühnchengrill" hin und her, um Live-Stimmen zum Thema einzufangen. Allein, die Positionen wirken ziemlich uniform: "Es war schlimm, dass man uns so missverstanden hat", sagt ein Mann mit grauem Bart. Beifall.

Dass manchem diese Beschwichtigungsrhetorik missfällt, ist auch zu erkennen. Nur - das sagt niemand öffentlich.

Und die Inder? Einer fragt durchs Mikrofon, warum die eigentlich nicht da seien. Gastgeber Mertens-Nachtweide erzählt, er hätte sie eingeladen, aber die wollten fürs Erste ihre Ruhe, habe man ihm gesagt. Auch der indische Gaststätten-Chef ist nicht zur Diskussion gekommen. Immerhin wird seine Pizza im Schlosshof verkauft. "Ich weiß doch auch, was das Interesse mancher Leute an diesem Fest ist", sagt er in seinem Restaurant über den Tresen hinweg. Sicherlich, manche meinten es gut. Aber das reiche nicht.

"Jump"-Mann Poggendorf meinte es sogar sehr gut. "Wir müssen Mügeln diese Chance geben", hatte er vor der Veranstaltung gesagt. Ein bisschen Musik, ein bisschen zur Ruhe kommen, ein bisschen über die Probleme sprechen.

Als dann am Abend die Podiumsdiskussion zur Hälfte vorüber ist, wirkt er ein bisschen ernüchtert. Erst hat Staatskanzleichef Hermann Winkler als Vertreter des verhinderten Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU) den Mügelnern sein Mitgefühl überbracht: "Wie man die Menschen hier vorverurteilt hat, das tut mir richtig weh." Dann ist schon wieder Bürgermeister Deuse an der Reihe, der dem Publikum dafür dankt, "dass Ihr mir den Rücken stärkt". Er stehe zu seinen Worten, "denn wir sind keine rechtsextreme Stadt. Das wiederhole ich, auch wenn es jemandem nicht gefällt."

Die beiden Moderatoren Sven Oswald und Daniel Finger, angeblich wegen ihrer politischen Erfahrung vom Berliner Sender "Radio Eins" eingekauft, überbieten sich gleichzeitig im Anbiedern: "Wurde das alles von den Medien aufgebauscht?", fragen sie unter Jubel in die Runde. Auch Mertens-Nachtweide scheint mitgerissen: "Mit Liebe und Toleranz kriegen wir das hin." Dabei hatte er zuvor einige "Nestbeschmutzer"-Rufe geerntet.

"Die haben doch angefangen!"

Mag sein, dass in den Tagen nach den Übergriffen manche politische Forderung erhoben wurde, die an der Wirklichkeit vorbeiging. Mag sein, dass manche Verallgemeinerung nicht die Situation in Mügeln trifft. Aber je länger die Mügelner im Schlosshof zusammen sind, umso stärker entsteht der Eindruck, die Opfer seien gar nicht die Inder - sondern die Stadt.

"Man hört ja so einiges über die Inder", sagt ein kleingewachsener Mann mit Schnurrbart. "Die haben doch angefangen!", sagt ein anderer. "Ich wohne hier seit 28 Jahren. So etwas hat es hier nie gegeben." Solche Dinge.

Die kräftigen Männer mit den Tätowierungen und den kurzen Haaren halten sich währenddessen im Hintergrund. "Krawallbrüder" hat einer auf seinem T-Shirt stehen.

Ein Zeichen hat Mügeln an diesem Tag gesetzt - aber nicht das richtige, finden die vier jungen Männer von "Virginia Jetzt".

Ein paar Leute tanzen vor der Bühne, während die Band ihren letzten Titel singt: "Aber anders muss es werden, wenn es besser werden soll."

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insgesamt 80 Beiträge
Akizur 27.08.2007
1. Kann man ein Land, das immerhin zehn Millionen Ausländer aufgenommen hat, immer noch als fremdenfeindlich bezeichen? 2. Kann man ein Volk zur Fremdenfreundlichkeit zwingen? 3. Warum können die Inder durch ihr [...]
Zitat von sysopEs sollte ein Beweis der Offenheit, Fremdenfreundlichkeit, Selbstkritik sein: Eine Woche nach der Hetzjagd traf sich Mügeln zu einer Nabelschau, die sogar im Radio übertragen wurde. Doch die Debatte geriet zur Groteske. Plötzlich waren nicht mehr die Inder die Opfer, sondern die Stadt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,502114,00.html
1. Kann man ein Land, das immerhin zehn Millionen Ausländer aufgenommen hat, immer noch als fremdenfeindlich bezeichen? 2. Kann man ein Volk zur Fremdenfreundlichkeit zwingen? 3. Warum können die Inder durch ihr Nichterscheinen ihre Ruhe haben, während man die Leute in Mügeln nicht zur Ruhe kommen lässt, indem man eine ganze Stadt zur Selbstkritik und Reue zwingen will?
Kurt G 27.08.2007
"Wie man die Menschen hier vorverurteilt hat, das tut mir richtig weh." Vorverurteilt ? Wovon redet der Mann ? Wenn 50 Menschen einer Gruppe 8 Menschen einer anderen Gruppe verfolgt, rede ich von einem Lynchmob. Dafür [...]
"Wie man die Menschen hier vorverurteilt hat, das tut mir richtig weh." Vorverurteilt ? Wovon redet der Mann ? Wenn 50 Menschen einer Gruppe 8 Menschen einer anderen Gruppe verfolgt, rede ich von einem Lynchmob. Dafür gibt es keine wie auch immer geartete Entschuldigung oder Ausrede. Und wenn dies keine rechtsradikale Gruppe war, sondern "normale" Bürger, dann ist es noch schlimmer, noch viel schlimmer.
path0s 27.08.2007
Guten Abend, auch wenn ich diesen Abend keineswegs gut nennen wuerde. Denn was ich in letzter Zeit ueber mein Heimatland hoere, ist geeignet einem unter beliebigen Umstaenden die Stimmung zu verderben. Vorweg erst einmal, ich [...]
Guten Abend, auch wenn ich diesen Abend keineswegs gut nennen wuerde. Denn was ich in letzter Zeit ueber mein Heimatland hoere, ist geeignet einem unter beliebigen Umstaenden die Stimmung zu verderben. Vorweg erst einmal, ich befinde mich seit zwei Wochen in Mexiko und kann daher leider keine solch informierte Meinung abgeben wie ich es gerne tun wuerde, da ich deutsche Zeitungen derzeit nur online lese. Ich habe aber trotz allem seit dem ersten Tag an die Situation in Muegeln verfolgt und muss sagen, dass ich mich trotz gelegentlicher Hoffnungsschimmer immer mehr abgestossen fuehle. Auf die vorigen Ereignisse, sowie die in anderen Staedten will ich aber nicht weiter eingehen, sondern nur auf das sogenannte "selbstkritische Fest", welches am 26. in Muegeln stattfand. Die Idee hat mich, dass muss ich zugeben begeistert ebenso die Tatsache das sie so schnell umgesetzt wurde. Diese Umsetzung aber ist, um es einmal drastisch auszudruecken geradezu laecherlich gewesen. Die einzigen Anwesenden die es meiner Meinung nach verdienen positiv erwaehnt zu werden, sind die Mitglieder der Band "Virginia Jetzt", deren Entscheidung nur ein einziges Lied zu spielen und die Situation sowie die derzeitige Haltung in Muegeln zu kritiesieren um einiges mutiger war als die eines alten und man sollte meinen erfahrenen, Politikers wie dem Buergermeister Muegelns, Gotthard Deuse. Wie ein Mann in seiner Position es sich erlauben kann, sich nicht sobald er das Podium betritt bei den Opfern des meiner Meinung nach offensichtlich rechtsradikalen Uebergriffes, zu entschuldigen sondern dies wie laut der mir vorliegenden Berichterstattung, ebenso wie alle anderen Redner vollkommen uebergeht ist und bleibt fuer mich unerklaerlich. An dieser Stelle wuerde ich auch gerne die Presserklaerung des Buergermeisters zitieren( diese ist auf http://www.stadt-muegeln.de/ vollstaendig vorhanden) : "... (Wir) verwahren uns gegen den über die Medien vermittelten Eindruck, dass in unserer Stadt ausländischen Mitbürgern oder Gästen latente oder gar offene kollektive Fremdenfeindlichkeit entgegen gebracht werde." Wie Herr Deuse eine Menschenmenge von ungefaehr fuenfzig Menschen, welche acht Inder jagt, nicht als kollektiv oder fremdenfeindlich ansehen kann ist mir auch schleierhaft. Ich koennte das Thema hier noch weiter ausfuehren, doch ich denke reine Tatsachen sprechen leider nur zu gut fuer sich selbst. Man kann zusammenfassend nur sagen, dass man der Wahrheit ins Auge blicken muss und Massnahmen gegen Rechtsradikalismus in Deutschland ergreifen muss, anstatt das Problem wie die sprichwoertlichen drei Affen zu ignorieren und versuchen Waehlersympathien zu behalten. Und diese Massnahmen sollten moeglichst in Angriff genommen werden bevor das Problem ausser Hand geraet, wobei man durchaus argumentieren koennte, dass dies schon geschehen ist. Ich hoffe das an dieser Stelle auch bald nationale Politiker Deutschlands entschiedener eingreifen, denn das Image ganz Deutschlands und seiner Bewohner nimmt durch solche Vorfaelle wie dem in Muegeln schwere Schaeden, dass kann ich von hier in Mexiko aus erster Hand berichten. Von daher bleibt nur zu hoffen, dass so schnell wie moeglich entscheiden gehandelt wird, ansonsten geschieht dieser Imageschaden naemlich mit vollstaendiger Rechtmaessigkeit. Mit freundlichen Gruessen, Path0s
lobin 27.08.2007
Das ist wohl sehr typisch für eine Gemeinschaft. Die Täter werden geschützt, da sie schliesslich zur Gemeinschaft gehören und die Gemeinschaft zum Opfer erklärt. Schliesslich sind die wahren Opfer "Gemeinschaftsfremde". [...]
Das ist wohl sehr typisch für eine Gemeinschaft. Die Täter werden geschützt, da sie schliesslich zur Gemeinschaft gehören und die Gemeinschaft zum Opfer erklärt. Schliesslich sind die wahren Opfer "Gemeinschaftsfremde". Dieses Verhalten wird wohl Neonazis überall dazu ermuntern gleich zu handeln, denn man kann wohl darauf Zählen, dass dies Überall, besonders aber in kleineren Orten so ablaufen wird. Wiedermal ein Beispiel dafür wie schnell Opfer zu Tätern deklariert werden... hatte das Deutschland nicht schon mal?
Leo Touré 27.08.2007
Danke für diesen Artikel. Die Kraft, sich kollektiv gegenüber dem Entsetzen darüber, was in Mügeln passiert ist, zu wehren, ist unübersehbar. Jetzt plötzlich rückt man wieder zusammen, um alles zu verharmlosen und ja nicht mal [...]
Danke für diesen Artikel. Die Kraft, sich kollektiv gegenüber dem Entsetzen darüber, was in Mügeln passiert ist, zu wehren, ist unübersehbar. Jetzt plötzlich rückt man wieder zusammen, um alles zu verharmlosen und ja nicht mal jeder für sich und zusammen selbstkritisch zu sein. Aber nochmals, diese unglaubliche Ausländerfeindlichkeit ist kein ostdeutsches, sondern ein deutsches Phänomen. Was Diskriminierung ist, wird in Deutschland von Deutschen definiert, von weißen, nicht fremdländisch aussehenden. Wenn die Menschen, die ganz konkret diskriminiert wurden, aufmucken, wird der Spieß einfach herumgedreht, und plötzlich sind die Diskriminierer die Opfer. Nein, in Mügeln gibt es sicher, und das wird die Masse sein, Menschen, die selbst keine Ausländer angreifen würden. Aber man tut nichts gegen die Rechten und man sagt auch nichts gegen den Nachbarn, der beim Bierchen mal wieder schimpft, dass die Ausländer uns sowieso die Arbeit wegnehmen. Man verwehrt sich gegen Fakten, man verdrängt die eigenen Probleme und ist kollektiv der Meinung, dass man hier sowieso zu viele Ausländer hat. Dann bitte schön seien die Mügelner auch kollektiv, wenn sie die Schuld und Versäumnisse annehmen und Lösungen bringen, damit so etwas nie wieder passiert. Jeder Mügelner sollte doch zwischen persönlich und kollektiv trennen. Dann hat er auch kein Problem damit, dass Mügeln jetzt am Pranger steht, man selbst aber doch ein reines Gewissen haben kann. Ich habe und will keine andere Heimat als Deutschland, ich lebe gern hier, aber ich nehme die Kritik der Ausländerfeindlichkeit als Deutsche an und schaue nach Lösungen. Dauergejammere und mit dem Finger auf andere zeigen, auf die Opfer zum Beispiel, ist keine Lösung. Dennoch werde ich als schwarze Deutsche für die nächsten Jahre nicht in den Osten gehen und alle meine Freunde auch nicht. Weil ich Angst habe. Ich schäme mich für diesen Teil von Deutschland.
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