• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Erstes Maueropfer Günter Litfin "Tod durch fremde Hand"

2. Teil: "Er wollte sich ergeben"

Anders als sein Bruder war Günter Litfin ruhiger, besonnener, ernsthafter. Und er war der Liebling der Mutter. Seit sein Zwillingsbruder Alois 1943 im Alter von nur sechs Jahren starb, war Günter der älteste Sohn der Familie. Und Jürgen Litfin verehrte seinen großen Bruder. Als Schneider verdiente Günter in Westberlin gut. Seine Nähmaschine im Maßatelier in der Nähe des Bahnhof Zoo ratterte für die damaligen Größen des Showgeschäfts: Heinz Rühmann, Ilse Werner, Grete Weiser. Der 24-Jährige hatte einen Schlag bei den Frauen: Sie mochten seine dunklen Augen und Locken.

Als im Sommer 1961 Gerüchte von einer weiteren Abschottung der DDR die Runde machten, suchte sich Günter Litfin eine kleine Wohnung in Westberlin. An den Wochenenden hatte Jürgen ihm geholfen, sie herzurichten. Die Übersiedlung war für Ende August geplant. Seine Freundin Monika sollte später nachkommen.

Günter war schon lange offiziell in Charlottenburg angemeldet, da pendelte er immer noch in den Osten. Anfang des Jahres hatten die Ärzte beim Vater Magenkrebs diagnostiziert, er starb am Morgen des 15. Mai. Zuvor hatten ihn seine Frau und seine Söhne im Krankenhaus jeden Tag gepflegt: Er wollte sich von den Schwestern weder waschen noch rasieren lassen. Im Mai starb auch die Oma, einen Monat später eine Tante. Günter behagte der Gedanke nicht, seine Mutter in Ostberlin zurückzulassen.

"Er wollte sich ergeben"

Seitdem die Grenze hermetisch abgeriegelt worden war, war Günter ohne Arbeit. Er war deprimiert, erkundete die noch provisorischen Absperrungen: Wo gab es eine Möglichkeit, zu fliehen?

"Die haben in dem Brückenpfeiler gesessen und ihn von dort beobachtet", sagt Jürgen Litfin und schaut auf die Stelle im Kanal, an der der Schuss des Polizisten seinen Bruder in den Kopf traf. Heute donnern am Tag Hunderte Züge über die neu erbaute Eisenbahnbrücke, die zum neuen Hauptbahnhof führt. Litfin hat einen Fleck auf einem der grauen, monströsen Betonpfeiler als Todesstelle seines Bruders ausgemacht. Oft genug hat er die sorgfältig dokumentierten Unterlagen der Stasi gelesen, oft genug ist er schon durch das Unkraut zum Ufer gestapft. Er kennt die Abläufe jenes Sonntags minutiös. "Günter hat die Hände in die Luft gestreckt. Er wollte sich ergeben. Und sie haben trotzdem geschossen."

Brutale Gewalt gegen Flüchtlinge hatte es bis zu jenem Tag nicht gegeben. Das erklärt, warum Günter Litfin am helllichten Tag versuchte, die DDR zu verlassen. Das Risiko, so dachte er, bestand darin, geschnappt und ins Gefängnis gesteckt, nicht aber erschossen zu werden. "Er war zu gutgläubig, er hat die Gerüchte nicht ernst genommen." Wenn Jürgen Litfin erzählt, kämpft er auch gegen die Vorurteile der Menschen, die die Berliner Mauer nie erlebt haben. "Hier gab es damals noch keine Mauer. Die Absperrung bestand aus einem Bauzaun. Günter konnte nicht ahnen, dass sie schießen." Am 24. August 1961 gab es zwölf Grenzdurchbrüche - nur Günter Litfin bezahlte mit seinem Leben.

Der Preis eines Menschenleben: 200 Mark und eine Uhr

Jürgen Litfin weiß, welcher "Dreckskerl" seinen Bruder damals erschossen hat. Und was Herbert P. und sein Gruppenführer Heinz R. dafür bekamen: Nur einen Tag später überreichte der damalige Innenminister Karl Maron den beiden Männern das Ehrenabzeichen der Volkspolizei, eine teure Uhr und 200 Mark.

Während man die Verdienste der beiden Männer feierte, wurde Jürgen Litfin auf dem Heimweg von seiner Arbeit verhaftet und zum Verhör abgeführt. Bis kurz vor Mitternacht fragte man ihn nach den "Westkontakten" der Familie, nach Günters Freunden und Absichten. Derweil hatte man die Wohnung der Mutter auseinandergenommen: den Inhalt der Schränke auf dem Fußboden verteilt, Polstermöbel aufgeschlitzt. Als Jürgen Litfin nach Hause kam, fand er seine weinende Mutter. Noch waren sie beide in dem Glauben, Günter sei die Flucht geglückt.

Die Wahrheit haben sie erst einen Tag später aus dem Westfernsehen erfahren. Der Sprecher der Berliner Abendschau, Harald Karras, verlas, was unfassbar schien: Am 24. August 1961 war Günter Litfin beim Versuch, aus der DDR zu fliehen, erschossen worden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP