Von Jan Müller, Leipzig
Damit folgte das Gericht nicht der Argumentation der Anwälte von M. und A. Sürücü. Diese hatten versucht darzulegen, dass die "Ehrverletzung" von Hatun gegenüber der Familie schon Jahre zurückgelegen habe und es deshalb für die Brüder kein Motiv für den Ehrenmord zu diesem Zeitpunkt gegeben habe. "Hatun war für die älteren Brüder schon lange gestorben", so die Begründung der Verteidiger.
Die Staatsanwaltschaft hatte hingegen versucht, Lücken im Urteil des Berliner Gerichts darzulegen. Und genau diese Lücken sahen auch die Leipziger Richter. Als besonderes Indiz wurde dabei eine SMS anerkannt, die die Vermutung bestärkt, dass A. Sürücü zum Tatzeitpunkt tatsächlich in der Nähe des Schützen Ay. war.
Der Vorsitzende BGH-Richter Clemens Basdorf räumte ein, die Beweislage sei "heikel und besonders kompliziert" gewesen - dennoch habe man Rechtsfehler der Vorinstanz entdeckt. Basdorf warf den Berliner Richtern vor, die Beweislage nicht richtig gewichtet zu haben. Besagte SMS beispielsweise, die der Todesschütze kurz nach der Tat an seinen Bruder A. schickte - sie enthielt Hinweise auf eine nicht eingehaltene Verabredung zwischen beiden Männern - habe bei der Urteilsfindung viel zu wenig Beachtung gefunden.
Für Regina Kalthegener, Anwältin und Vertreterin der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes", bedeutet das heutige Urteil einen Schritt in die richtige Richtung. "Das Signal, das von diesem Urteil ausgeht, ist klar: Wer wegen der Ehre tötet, ist ein Mörder, da gibt es kein Pardon." Ihre Organisation hoffe nun, dass künftig auch in den Gemeinden darüber diskutiert wird, dass es, so Kalthegener, "keine Ehrenmorde geben darf".
Die Berliner Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ates hofft, dass eine erneute Verhandlung nun auch stärker die kulturellen Hintergründe der Tat beleuchtet. "Die ganze Familie Sürücü muss besser unter die Lupe genommen werden", so Ates gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Ein Ehrenmord ist nie eine Einzeltat, sondern wird im familiären Kontext vorbereitet. Eine exakte Beweisführung ist auch deshalb wichtig, weil der Mord an Hatun Sürücü ein Schauprozess war."
Allerdings gibt es ein Problem: Die zwei älteren Sürücü-Brüder befinden sich momentan noch in der Türkei. Dem jüngeren der beiden, der nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, war erst unlängst die Einreise nach Deutschland verwehrt worden - seine Aufenthalterlaubnis war über sechsmonatiger Abwesenheit abgelaufen.
Andreas Becker* von "Hatun & Can e.V." - ein gemeinnütziger Verein, der sich um junge Frauen kümmert, die von der eigenen Familie bedroht werden - kannte Hatun Sürücü. Eine Woche vor ihrer Ermordung hatte er sich noch mit der Deutsch-Türkin getroffen. Becker erinnert sich: "Einer Freundin gegenüber hat sie gesagt, dass sie ihr Leben genießt, so wie es ist. Denn sie wisse nicht, wie lange es noch dauert".
Zum Verhängnis sei für Hatun möglicherweise worden, dass sie sich wieder an ihre Familie annähern wollte - nachdem sie ausgezogen und der Kontakt abgebrochen war. Die Männer der Familie hätten befürchtet, dass die selbstbewusste junge Frau schlechten Einfluss auf die übrigen Töchter der Familie nehmen könnte, glaubt Becker.
* Name von der Redaktion geändert
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