Berlin - Die Erleichterung war ihnen deutlich anzusehen: Mit Professionalität und guter Kooperation, so erklärten Innenminister Wolfgang Schäuble, BKA-Präsident Jörg Ziercke und Generalbundesanwältin Monika Harms, sei es ihren Behörden gelungen, einen potentiell gigantischen Terroranschlag in Deutschland zu vereiteln.
Doch zugleich wussten die drei, dass es auch Grund zu Beunruhigung gibt. Noch nie haben Islamisten, die in Deutschland geboren sind und hier aufwuchsen, hier auch zugeschlagen. Der Terrorangriff, für den die gestern verhafteten Beschuldigten Fritz G., Daniel S. und Adem Y. ihre Bombe vorbereiteten, wäre der erste dieser Art gewesen.
Und es wäre eine riesige Bombe geworden - mit einer Sprengkraft die weit größer gewesen wäre als die der Sprengsätze, die im Juli 2005 London trafen oder ein Jahr zuvor Madrid. Auf ein Ziel hatte sich die Zelle noch nicht geeinigt, aber zur Diskussion standen US-Einrichtungen, Flughäfen und eine Diskothek. Dass es darum ging, möglichst viele Menschen zu töten - daran hegt niemand einen Zweifel.
Der "homegrown terrorism" ist angekommen
Der sogenannte "homegrown terrorism", lautet eine der Lehren der Operation, hat seinen Weg auch in die Bundesrepublik gefunden. Die Zusammensetzung der in Nordrhein-Westfalen ausgehobenen Zelle - zwei deutsche Konvertiten und ein Türke, der offenbar schon sehr lange hier lebt - erinnert an den Terroranschlag von London, wo scheinbar integrierte Täter am 7. Juli 2005 ihre Rucksackbomben zündeten.
Konnten die fehlgeschlagenen Anschläge der Kofferbomber im vergangenen Jahr noch die Illusion stützen, die Gefahr ginge hierzulande vor allem von islamistischen Einwanderern aus, weiß man es seit gestern besser.
Jedes Jahr konvertieren in Deutschland Tausende Deutsche zum Islam - das war immer schon so und ist kein Grund zur Besorgnis, auch wenn die Zahlen seit einiger Zeit steigen. Aber was Anlass zur Sorge gibt, ist, dass unter den Dschihadis, die von Deutschland aus in den Krieg ziehen oder, wie die gestern Festgenommenen, den Krieg hierher tragen wollen, immer häufiger Konvertiten sind.
Manchmal lassen sie sogar den Zwischenschritt über den moderaten Alltagsislam aus und konvertieren direkt zum Islamismus - an radikalen Moscheen und Zentren, inspiriert durch deutschsprachige Dschihad-Websites, beeinflusst durch ideologisch gefestigte Islamisten, die ihre Lehren als jene des Koran verkaufen.
Man weiß noch zu wenig darüber, was an der islamistischen Ideologie eigentlich verfängt - aber wahrscheinlich spielt die Aufnahme in eine verschworene Gemeinschaft ebenso eine Rolle wie eine grundsätzlich anti-amerikanische Haltung. In Ulm und Neu-Ulm gibt es eine Dschihad-begeisterte Szene - die gestern ausgehobene Zelle war hierhin verdrahtet.
Der jordanische Terrorexperte Fuad Hussein, ein Kenner dschihadistischer Bewegungen, sieht diesen Trend mit Sorge. "Wir werden das häufiger sehen", sagt er kürzlich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Konvertiten mit westlichen Papieren seien wertvoll für Terrorgruppen, weil sie unbeschränkt reisen können und nicht per se verdächtig seien.
Und nicht nur das. "Es gibt heute schon Konvertiten, die ihre Konversion nicht mehr öffentlich machen, um getarnt zu sein", sagt Hussein unter Berufung auf Quellen aus dem islamistischen Umfeld. "Sie essen Schweinefleisch, sie gehen in Kirchen, sie haben Freundinnen. Niemand weiß, wer sie sind, bis sie zuschlagen."
Noch sind den Sicherheitsbehörden solche Fälle nicht untergekommen - aber ausgeschlossen wird nichts mehr. Vor einigen Jahren waren europäische Sicherheitsbehörden noch schockiert, als eine belgische Konvertitin sich im Irak im Namen al-Qaidas in die Luft sprengte. Heute versucht man schon, Profile für solche Konvertiten-Typen zu entwickeln. Die Spirale dreht sich schnell.
Deutschland im Fadenkreuz
Den Behörden ist dabei mittlerweile klar, dass die Bundesrepublik im Fadenkreuz steht. In Afghanistan, wo Bundeswehrsoldaten stationiert sind, ist Deutschland mittlerweile laut einem aktuellen Lagebild des BKA in "nahezu gleichrangiger" Art bedroht wie die USA. Auf Deutschland bezogen lautet die Sprachregelung, das Land liege "mitten im Zielspektrum".
Laut Fuad Hussein ist einer der Gründe für die verstärkte Feindschaft gegen Deutschland die Wahl Angela Merkels zur Kanzlerin. Das sei zwar unlogisch, weil Schröder zwar gegen den Irak-, aber für den Afghanistankrieg gewesen sei - aber die Überzeugung in einigen Netzwerken sei, dass Deutschland enger an die USA herangerückt sei. Das müsse bestraft werden.
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