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06.09.2007
 

Terror-Ermittlungen

Dunkles Netzwerk mit zwei Unbekannten

Von Matthias Gebauer und Yassin Musharbash

Drei Verdächtige sind in Haft, doch die Terrorfahnder vermuten hinter ihnen ein ganzes Netzwerk. Gegen sieben weitere Personen wird ermittelt, von mutmaßlichen Drahtziehern im Ausland kennt man bisher nur Alias-Namen und E-Mails.

Berlin - Es klang wie eine Entwarnung, als August Hanning heute Morgen vor die Kameras trat. Der Innenstaatssekretär und Ex-Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) teilte mit, von der Gruppe um die drei verhafteten Terrorverdächtigen gehe "keine aktuelle Gefahr" mehr aus für die deutsche Bevölkerung. Doch dann machte er unmissverständlich klar: Die Arbeit ist noch nicht zu Ende - der Fall ist längst nicht aufgeklärt.

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Jetzt gehe es darum, alle Personen zu fassen, "die bisher im Hintergrund bei der Vorbereitung der Anschläge mitgewirkt haben". Viele deutsche Sicherheitsbehörden sind in dem Fall involviert - und auch wenn sie sich gestern recht stolz für ihren Fahndungserfolg lobten, stecken sie noch mitten in intensiven Ermittlungen.

Die Ermittler wissen aus ihren Nachforschungen und aus Erfahrungen mit anderen Anschlagsplanungen, dass ein ganzes Terror-Netzwerk hinter den drei Verhafteten stehen kann. Will man die Gefahr wirklich beseitigen, muss es aufgedeckt werden - so schnell wie möglich.

Sieben weitere Beschuldigte, zwei große Unbekannte

Fest steht: Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt nicht nur gegen die drei Verhafteten, sondern noch gegen sieben weitere Personen. Konkret geht es um die Gründung einer terroristischen Vereinigung. Der Zirkel der zehn Radikalen setzt sich vor allem aus Türken zusammen und aus Deutschen, die zum Islam übergetreten sind. Sie sollen in Eigenregie eine Art Deutschland-Filiale der usbekischen Islamic Jihad Union (IJU) aufgebaut und mit Terrorplanungen begonnen haben.

Ein zentraler Teil der Ermittlungen sind zwei große Unbekannte, die in den Akten der Ankläger bisher nur mit ihren Alias-Namen auftauchen. Dahinter werden eine oder zwei reale Personen vermutet, die Drahtzieher der versuchten Anschläge sein könnten. Diesen Schluss ziehen die Sicherheitsbehörden aus der Kommunikation zwischen dem mutmaßlichen deutschen Rädelsführer Fritz G. und mindestens einem IJU-Kader im Ausland.

Welche Rolle die Personen hinter den Alias-Namen genau hatten, ist aktuell eine der wichtigsten Fragen. Sie werden in Pakistan vermutet. Möglich ist, dass sie die Anschlagsplanungen aus der Ferne steuerten. Womöglich hatten sie aber auch nur eine begleitende Rolle, während die Verdächtigen in Deutschland das Vorhaben selber vorantrieben.

Hinweise auf die Rolle der Unbekannten liefert ein E-Mail-Wechsel zwischen einem der deutschen Verdächtigen und den beiden Alias-Namen. Ermittlern zufolge wurden den Männern in Deutschland weniger konkrete Aufträge gegeben, eher hatten sie in den IJU-Kontaktleuten eine Art Mentor. Allerdings drangen die unbekannten E-Mail-Schreiber offenbar auch darauf, die Vorbereitungen in Deutschland voranzutreiben.

Die in Deutschland agierende Zelle versuchte, sich gegen Überwachung abzuschirmen. Doch sie ging manchmal fahrlässig vor und wandte unter anderem einen alten Trick an, den schon der einstige Qaida-Chefplaner Khaled Scheich Mohammed vor dem 11. September 2001 benutzt hatte: E-Mails wurden nicht abgeschickt, sondern im Entwurfsordner gespeichert, auf den beide Seiten Zugriff hatten. So konnten sie kommunizieren, ohne dass Mails verschickt werden mussten. Diesen Trick hatten die Behörden allerdings recht schnell durchschaut.

Wie kam die IJU-Connection zustande?

Schon sehr früh nach den ersten Hinweisen auf den konvertierten deutschen Muslim Fritz G. konnten die Fahnder im Frühjahr 2007 live die Botschaften der Verdächtigen mitlesen. Sie bekamen mit, wie man sich abstrakt über mögliche Anschlagsziele unterhielt - und sich sicher war, dass die Polizei keinen Wind davon bekommen habe. Auch über weitere logistische Details wurde geplaudert.

Dass die IJU-Kontaktleute in Pakistan saßen, davon wird ausgegangen - doch die deutschen Behörden wollen nicht ausschließen, dass der oder die Personen in einem anderen Land sitzen. Fraglich ist, ob die möglichen Hintermänner jemals identifiziert werden können, wenn nicht einer der Verhafteten aussagt. Es ist auch noch nicht geklärt, wie die Verbindung zu dem oder den IJU-Kadern zustande kam.

Das pakistanische Puzzle

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen haben die drei vorgestern verhafteten Beschuldigten im vergangenen Jahr Terror-Camps in Pakistan besucht. Möglich ist, dass sie dort erst die IJU-Mitglieder trafen - oder aber der Lager-Besuch schon der zweite Schritt auf dem Weg zum konkreten Anschlagsplan war.

Die "New York Times" berichtet, dass die US-Geheimdienste den deutschen Behörden schon sehr früh halfen, die Bewegungen der drei Verdächtigen mittels überwachter Mobiltelefone in Pakistan nachzuvollziehen.

Die Vergangenheit der Zelle in Pakistan aufzuklären, ist die größte Herausforderung für die Ermittler. Selbst wenn man den Ort des Lagers kennen würde, in dem die Deutschen waren, fiele eine Zuordnung zu einer bestimmten militanten Gruppierung schwer - denn die Grenzen zwischen diesen Organisationen verlaufen im Grenzgebiet zu Afghanistan fließend. Es ist kaum möglich, die Lager eindeutig al-Qaida, den Taliban, pakistanischen Gruppen oder zentralasiatischen Dschihadisten zuzuordnen.

Die IJU soll ihre militärische Ausbildung an die Camps in Pakistan regelrecht ausgelagert haben. Gesicherte oder gar gerichtsfeste Erkenntnisse gibt es darüber aber kaum. Einzig die Geheimdienste liefern immer wieder vage Einschätzungen. Ermittler schließen deshalb nicht aus, dass man möglichen Drahtziehern der versuchten Anschläge nie auf die Spur kommt.

Wer sind die anderen Verdächtigen in Deutschland?

Auch die innere Struktur der deutschen Zelle, die womöglich mehr als die drei Verhafteten umfasste, ist noch nicht geklärt. Eine der Arbeitstheorien lautet, dass es einen inneren und einen äußeren Kreis gab. Nicht jeder, gegen den jetzt ermittelt wird, muss Mitwisser des Bomben-Plots gewesen sein, einige waren vielleicht nur Handlager.

Die Behörden beobachten sehr genau, wie sich die Personen seit dem Zugriff verhalten. Intensiv suchen sie nach Spuren des 22-jährigen Türken Zafer S., der wie der festgenommene Daniel S. in Neuenkirchen geboren ist. Der Mann hat sich vor kurzem ins Ausland abgesetzt und wird in der Türkei vermutet. Welche Rolle er in dem Plot spielte, ist weitgehend unklar - allerdings soll auch er in einem pakistanischen Lager gewesen sein. Angeblich wollte er ursprünglich zusammen mit Fritz G. in das Land aufbrechen, musste die Reise dann jedoch wahrscheinlich alleine antreten.

Ebenso vage sind die Erkenntnisse zu dem staatenlosen Libanesen Hussein al-M., der als Beschuldigter geführt wird. Er war im Juni mit dem ebenfalls bekannten deutschen Islamisten Tolga D. an der pakistanisch-iranischen Grenze festgenommen worden. Am Dienstag wurde er, nachdem Pakistan ihn abgeschoben hatte, auf dem Frankfurter Flughafen von der Polizei in Empfang genommen worden - allerdings nach einer Befragung erst mal wieder freigelassen.

Daneben beobachten die Ermittler noch drei weitere Personen, die Verbindungen zu der ausgehobenen Zelle hatten. Es soll sich um drei Türken handeln, die namentlich bekannt sind und zum Umfeld des mutmaßlichen Rädelsführers Fritz G. gehören.

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