Von Jürgen Dahlkamp und Marcel Rosenbach
Hamburg - Es war ein Schwarzwälder Förster, der als einer der ersten merkte, dass etwas im Busch sein musste in Wittlensweiler. Normalerweise ist in dem Ortsteil des Luftkurorts Freudenstadt mit seinen 2300 Einwohnern so wenig los, dass schon die Sonntagsmesse als Großereignis gilt. Das Gasthaus Krone an der Durchfahrtstraße ist schon seit Jahren dicht, genauso wie der Lebensmittelladen. Ein bisschen Leben regt sich allenfalls in den engen Seitensträßchen – Kinder spielen dann Ball oder probieren noch etwas wackelig ihre ersten Meter auf dem Fahrrad.
Rings um dieses kleine Schwarzwald-Idyll streifte an jenem Tag vor rund drei Wochen der Förster durch sein Revier, als ihm plötzlich dunkle Autos auf einem Waldweg nahe der Bundesstraße 294 auffielen. Beherzt hielt er einen der Fahrer an – der ihm auf die Frage, was er auf einem Waldweg zu suchen habe, einen Dienstausweis unter die Nase hielt. Geht schon in Ordnung, Bundeskriminalamt, BKA. Und bitte kein Wort, zu niemandem.
Rund eine Woche später hatte auch ein Landwirt aus dem Örtchen eine seltsame Begegnung. Er wollte gerade zur wöchentlichen Chorstunde aufbrechen, als bei ihm freundliche Herren mit BKA-Dienstausweisen klingelten. Ob man seinen Trecker ausleihen könne, fragten die Beamten. Doch der Schwarzwald-Bauer war misstrauisch und ließ die Männer abblitzen: "So einen Ausweis kann man fälschen. Da kann ja jeder kommen."
Noch am vorigen Mittwoch, als schon seit Stunden die Meldungen über ein Terrordepot in einer "Garage in Freudenstadt" in Funk und Fernsehen liefen, waren die Wittlensweiler völlig ahnungslos, dass der internationale Terrorismus in ihrem Ortsteil angekommen war. Auch als die ersten Kamerateams auf dem Parkplatz der Metzgerei Kohler ihre Mikrofone auspackten, mochten Verkäuferinnen und Kunden es kaum glauben. Es war ein einziges: "Was? Hier bei uns? Des gibt's doch net."
Dabei ist die Stelle, die Wittlensweiler schon vor Monaten mitten ins Visier deutscher und internationaler Sicherheitsbehörden rückte, nur einen Steinwurf von der Metzgerei entfernt. Eine unscheinbare weiße Dreifachgarage mit dunklem Giebeldach im benachbarten Immenweg, gegenüber dem evangelischen Kindergarten - mitten im Ortskern. Früher, erinnert sich eine Anwohnerin, seien dort Motorräder über den Winter eingemottet gewesen. Vermietet hatte sie den Verdächtigen offenbar die Familie S., die in dem schlichten Einfamilienhaus lebt.
In dem vermeintlich so friedlichen und vergessenen Flecken im Schwarzwald fühlten sich die Männer, die den Terror endgültig nach Deutschland bringen wollten, offenbar sicher und unbeobachtet. Doch das Gefühl trog. Spätestens seit diesem Mai entging den Sicherheitsbehörden rund um die Garage nichts mehr. Beamte des Landeskriminalamts und des Bundeskriminalamts hatten sich in umliegenden Privatwohnungen und später sogar im evangelischen Kindergarten einquartiert – zu dem sie die Schlüssel hatten.
Wasserstoffperoxid-Kanister ohne Wasserstoffperoxid
Eltern, Kinder und Betreuerinnen konnten davon nichts mitbekommen - die BKA-Leute kamen nachts, außerdem waren gerade Kindergartenferien. Es war dieser Hinterhof am Immenweg in Wittlensweiler, auf dem sich in der Nacht zum 30. Juli eine der spektakulärsten Aktionen in der jüngeren deutschen Polizeigeschichte abspielte. Im Schutz der Dunkelheit pirschten sich Beamte an die Garage heran, öffneten sie - und tauschten dort die blauen Plastikfässer, die ursprünglich eine 35-prozentige Wasserstoffperoxidlösung enthielten, gegen andere aus, die ihnen bis auf die i-Tüpfelchen der Etiketten glichen. Nur nicht, was den Inhalt anging: Die BKA-Fässer waren mit einer weitaus geringer konzentrierten - und zum Bombenbau ungeeigneten - Peroxidlösung befüllt. Die Kriminaler hatten allerdings darauf geachtet, dass der beißende Geruch, der so typisch für Wasserstoffperoxid ist, gerade noch erhalten blieb.
"Wir sind froh, dass wir mithelfen konnten"
Die Beamten hatten auch ganz genaue Vorstellungen, wie die Ballons aussehen sollten: Nein, der Verschluss müsse eine andere Farbe haben, und der Griff – da gebe es doch einen ganz bestimmten, der müsse es sein, und dass auch ja mit den Etiketten alles in Ordnung sei. Warum? Wofür? "Dazu haben sie kein Sterbenswörtchen gesagt".
Mitten in der Nacht holten die Beamten die Behälter ab, niemand sollte davon etwas erfahren. BKA-Chef Ziercke betonte vorige Woche, man habe für die Aktion einen richterlichen Beschluss gehabt – so mir nichts dir nichts dürfe auch das BKA nichts klauen, nicht mal Bombenbastelmaterialien bei Terrorverdächtigen.
Seit Mittwoch vergangener Woche wissen die Wittlensweiler Einwohner und auch Chemie-Großhändler Meyer, was sie bislang bestenfalls ahnen konnten: dass sie im Mittelpunkt einer gewaltigen Geheimermittlung standen, mit dem Ziel, den größten Anschlag zu verhindern, der jemals auf deutschem Boden stattfinden sollte. An diesem Mittwoch sah Meyer seine Behälter wieder, im Fernsehen, bei der Pressekonferenz der Bundesanwaltschaft nach der Festnahme der drei Tatverdächtigen. "Das BKA hat sich bei uns bedankt", sagt Meyer. "Wir sind natürlich froh, dass wir mithelfen konnten, so etwas zu verhindern."
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