• Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.09.2007
 

Buchautor Rüttgers

Troubadour gegen den Neoliberalismus

Von Franz Walter

Jürgen Rüttgers schwingt sich zum Ideologen des alten christdemokratischen Sozialmodells auf: In seiner Streitschrift zur Marktwirtschaft gibt der nordrhein-westfälische Regierungschef den Partisanen gegen den marktradikalen Zeitgeist - mit Anleihen bei Oskar Lafontaine.

Das ist schon ein pikantes Zusammentreffen. Vor einigen Tagen stellten die selbsternannten modernen Sozialdemokraten Matthias Platzeck, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier ihr Buch zum "Vorsorgenden Sozialstaat" vor. Das hat in der ansonsten eher schläfrig gewordenen SPD allerlei Turbulenzen ausgelöst. Nun pariert ein christdemokratischer Ministerpräsident vom Rhein mit einer "Streitschrift", die den "Solidarischen Sozialstaat" auf ihr Panier geschrieben hat. Es handelt sich um Jürgen Rüttgers*, der seine Partei schon im November des letzten Jahres zum Konflikt auf offener Bühne nötigte. Das könnte sich diesmal wiederholen.

NRW-Ministerpräsident und Buchautor Rüttgers: "Das alles haben wir geschafft, ohne die soziale Marktwirtschaft grundlegend zu verändern"
Zur Großansicht
DPA

NRW-Ministerpräsident und Buchautor Rüttgers: "Das alles haben wir geschafft, ohne die soziale Marktwirtschaft grundlegend zu verändern"

Dabei gibt es auf den ersten Blick keinerlei Grund zur großen Kontroverse. Denn in der Tat gleichen sich das Konzept des "Vorsorgenden Sozialstaats" und das Paradigma vom "Solidarischen Sozialstaat" wie ein Ei dem anderen. Bei den Sozialdemokraten hier, bei Rüttgers dort wird die gleiche Trias – dynamische Wettbewerbsfähigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt, solidarische Hilfe zur Selbsthilfe des einzelnen Bürgers – beschworen. Diesem geht es wie jenen um einen Weg zwischen Etatismus und Marktdogmatismus. Die beiden früheren großen weltanschaulichen Lager in den modernen Demokratien – das christlichkonservative und das sozialistische – standen sich über ein Jahrhundert kontrastscharf, polarisierend, in manchen Jahrzehnten gar tödlich verfeindet gegenüber. Das ist, nimmt man die programmatischen Grundsätze, die derzeit kursieren, bis auf marginale Differenzen vorbei. Die Große Koalition in Berlin (und in mehreren Bundesländern) ist eben nicht nur eher zufälliges Produkt einer misslichen Arithmetik.

Doch ist es auch nicht allein zufällig, dass die Union die Nase gegenwärtig erheblich vorn hat. Denn im Grunde entspricht der sozialethische Begründungsbogen der "neuen Sozialdemokratie" dem alten Konzept der mitteleuropäischen Christdemokraten, mehr noch: Das klassische Subsidiaritätsdenken der katholischen Soziallehre wie sie von Gustav Gundlach und Oswald von Nell-Breuning für die Sozialenzyklika "Quadragesimo anno" des Papstes Pius XI im Jahr 1931 ausgearbeitet wurde, hat sich in beiden Volksparteien, nun also auch in der SPD, durchgesetzt. Der berühmte Satz aus dieser Enzyklika "Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf" ist inzwischen auch Handlungsimperativ der "neuen SPD". Es ist bezeichnend, dass sich insbesondere Peer Steinbrück auf dieses Prinzip der Subsidiarität immer wieder explizit beruft, während es bei den übrigen Sozialdemokraten dieser Richtung wohl eher unbewusst in die Programmsätze hineingesickert ist.

Insofern ist bemerkenswert, wie sehr die katholischen Christdemokraten den historischen Wettlauf gewonnen haben. Doch hat die CDU das mehrheitlich zuletzt weder hinreichend geschätzt noch zielstrebig weiterverfolgt. Nur deshalb konnte im medialen Diskurs die ganz abwegige Deutung aufkommen, die CDU habe sich seit 2005 "sozialdemokratisiert". In Wirklichkeit hatte sich die CDU seit etwa Mitte der 1990er Jahre von ihrem eigenen sozialkatholisch geprägten Sozialmodell gelöst, eignete sich im Zuge ihrer juvenilen Erneuerung stattdessen neuliberale Phrasen an, brandmarkte plötzlich den Staat und die Wohlfahrtsinstitutionen, die sie selbst wesentlich geschaffen hatte. Das trieb die CDU in bittere Niederlagen auf der Bundesebene, so dass sie sich dann seit dem Herbst 2005 ernüchtert und gleichsam instinktiv wieder in die alte, ihre historisch genuine Richtung bewegte.

Rüttgers dringt in das geistige Vakuum seiner Partei

Doch ein ideelles Fundament besitzt zumindest die Merkel-Führung für diese Richtungskorrektur der zum Schluss fast durchweg liberal gewordenen CDU nicht. Sie revidierte sich, weil es zunächst stabilisierte, dann Zuwachs an Sympathiewerten in der Wählerschaft brachte.

In das geistige Vakuum seiner eigenen Partei dringt nun Jürgen Rüttgers ein. Er schwingt sich gewissermaßen zum Ideologen des alten christdemokratischen Sozial- und Erfolgsmodells auf und schreibt es für die nächsten Jahrzehnte fort. Während etliche Christdemokraten der Generation "Andenpakt" sich in den letzten Jahren von der alten christdemokratischen Konsensgesellschaft distanzierten, bekennt sich Rüttgers selbstbewusst zu den bundesdeutschen Regeln von Mitbestimmung, Korporatismus, Sozialpartnerschaft, hohen Löhnen, sozialer Sicherheit. Das ist für ihn die alte "soziale Marktwirtschaft". Deren Erbe will er wahren und zukunftssicher verwalten, ohne – wie Angela Merkel es gern hätte – das Attribut "neu" oder ähnliches davor zu setzen. Was die Eliten in Wirtschaft, Medien und Parteien sonst überwiegend seit Jahren schon am liebsten entrümpelt hätten, will Rüttgers stolz weiterführen und zur Zukunftsperspektive schlechthin erklären: Den "Rheinischen Kapitalismus" der alten "Sozialen Marktwirtschaft". Das ist in der Tat die alte Christdemokratie von Adenauer bis Kohl: Wandlungen ja, aber die Kirche bleibt im Dorf.

Lob des "Rheinischen Kapitalismus"

Gerade so hat es die Mehrheit der Wahlbürger stets goutiert. Jenseits der Eliten wird man die zentrale Botschaft von Rüttgers gerne hören: Deutschland im Jahr 2007 ist kein Sanierungsfall mehr. "Und entscheidend ist", schreibt Rüttgers: "Das alles haben wir geschafft, ohne die soziale Marktwirtschaft grundlegend zu verändern. Wir haben es geschafft, ohne die Mitbestimmung aufzuheben. Wir haben es geschafft ohne die völlige Flexibilisierung des Kündigungsschutzes. Wir haben es geschafft, ohne dem neoliberalen Wirtschaftsmodell angelsächsischer Prägung zu folgen. Wir haben an unserem Modell der Balance aus sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Vernunft festgehalten, weil dieses Modell die Grundlage des Erfolges ist."

In diesem Punkt eben unterscheidet sich Rüttgers von den Neu-Reformern der Sozialdemokraten. Man konnte das trefflich schon auf dem Sozialkongress des deutschen Gewerkschaftsbundes Mitte März dieses Jahres in Berlin beobachten. Matthias Platzeck erklärte dort, dass es keine Rückkehr zum "Rheinischen Kapitalismus" geben könne. Rüttgers, der zweite Redner in dieser Debatte, setzte sich davon mokant ab, bezeichnete den "Rheinischen Kapitalismus" nicht nur als "erfolgreiches Gesellschaftsmodell der vorigen Jahrzehnte", sondern auch als "Zukunftsmodell für das 21. Jahrhundert". Platzeck wurde von den Gewerkschaftern ausgezischelt, Rüttgers bejubelt. Auch deshalb mag die "neue SPD" "auf der Höhe der Zeit" heute so schlecht dastehen, während die Restauration der klassischen CDU unverkennbar Zuspruch gefunden hat.


*Jürgen Rüttgers: Die Marktwirtschaft muss sozial bleiben. Eine Streitschrift. Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 8 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
11.09.2007 von Bernd Schlüter: Die Revolution bleibt aus

Rappoltsteiner standen noch nie im Ruf, besonders revolutionär zu sein. Ex und hopp, hieß die Devise, und zwar heftig. Das Wort Troubadour kommt übrigens, wie der Minnesang selbst, aus dem Arabischen. Südfrankreich, nicht nur [...] mehr...

10.09.2007 von jlr: Richtung stimmt

Über die Einzelnen Thesen, den Stil und die Wandlungen des Herrn Rüttgers kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Allerdings sollte dabei nicht die Grundthese unter die Räder kommen, weil diese richtig ist! Dem deutschen [...] mehr...

10.09.2007 von H. Hipper: Richtig!

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,504798,00.html Zitat aus dem Artikel von Franz Walter: "Auch deshalb mag die `neue SPD` `auf der Höhe der Zeit` heute so schlecht dastehen, während die Restauration der [...] mehr...

10.09.2007 von larry_shrotter: na vielleicht . . . .

. . . begreift es noch der dümmste politiker von pseudogrün bis "christlich", dass es die menschen merken, wenn sie von den privatisierern von wasser, strom, bahn usw. verschaukelt wurden und werden. sicher dauert es [...] mehr...

10.09.2007 von stefkarr: Wahlen gewinnen ist das Wichtigste

Wer Wahlen gewinnen will, muss sich dem sogenannten "Zeitgeist" beugen, was immer das sein mag. Wohl der letzte Politiker hat inzwischen begriffen, dass mit der sogenannten "neoliberalen" Karte kein Stich [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP