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Buchautor Rüttgers Troubadour gegen den Neoliberalismus

2. Teil: Attacken auf den entfesselten Kapitalismus

Mit dem Projekt der christdemokratischen Restauration steht man heute links von der SPD. Und in der Tat versorgt Rüttgers seine Leser mit etlichen Attacken auf den entfesselten Kapitalismus, die von Sozialdemokraten heute kaum noch zu vernehmen sind. Immer wieder prangert der CDU-Ministerpräsident die "Spirale der Ungleichheit" an, geißelt die "Milliardengewinne der Konzerne", verwirft die alleinige Orientierung an Marktprinzipien und Kapitalverwertungsmaximen. Hauptfeind Numero 1 ist bei ihm infolgedessen der "Neoliberalismus". Wann immer er auf diesen in seiner Schrift zu sprechen kommt – und das geschieht in hurtiger Regelmäßigkeit – wirkt es wie verächtlich ausgespieen.

Bemerkenswert ist, dass Rüttgers in diesem Zusammenhang an seiner Charakterisierung von der "Lebenslüge" festhält, wenn er den von Neoliberalen unterstellten Konnex zwischen Steuersenkung und Arbeitsplatzmehrung vehement bestreitet. Doch "Lebenslüge" ist kein Begriff, mit dem man in CDU-Kreisen reüssieren könnte. Denn schließlich sprach von "Lebenslügen" in früheren Zeiten die Brandt-Bahr-SPD, als sie die Hoffnungen auf eine deutsche Wiedervereinigung desavouierte. Mit "Lebenslüge" wird im CDU-Milieu sozialdemokratischer Verrat, Kleinmut, Opportunismus, keineswegs aber eigene Irrtümlichkeit assoziiert. Gewinnen kann Rüttgers mit diesem Topos nicht. Geschickter sind da seine vielen Zitate aus dem Repertoire der intellektuellen Väter der frühen "sozialen Marktwirtschaft", die er gegen die heutigen Neoliberalen kräftig in Stellung bringt.

Auch Rüttgers verfällt einer "Lebenslüge"

Natürlich fragt man sich bei der Lektüre des Buches nicht ganz selten, was sich im Düsseldorfer Kabinett aus Christdemokraten und Neoliberalen eigentlich abspielen muss. Entweder sind die freidemokratischen Neoliberalen devote Marionetten, mit denen Rüttgers machen kann, was er will. Oder aber der Anti-Neoliberalismus von Rüttgers steht allein auf dem Papier, ist für den realen Regierungsalltag ohne Bedeutung, wie es ja die sozialdemokratische Opposition in Düsseldorf nur zu gern – der Ministerpräsident blinke links, fahre aber stets rechts – behauptet.

In der Tat erinnert man sich daran, dass Jürgen Rüttgers in der Hosianna-Zeit des christdemokratischen Neoliberalismus nicht gerade als Partisan gegen den marktradikalen Zeitgeist aufgefallen ist. Im Jahr 2003, als Angela Merkel ihre Partei zu den Leipziger Beschlüssen trieb, hat auch Rüttgers sich Vokabeln bedient, die er heute als "neoliberal" schmähen würde.

Nun kann es ja gut nachvollziehbare Lernprozesse geben. Joschka Fischer hat es in seiner politischen Biographie nachgerade zu seinem Markenzeichen gemacht, den politischen Ortswechsel als Resultat schweren inneren Ringens auszugeben. Rüttgers hingegen erörtert solche lebensgeschichtlichen Veränderungen nicht, lässt seinen Bruch nach 2003 ohne Begründung.

Auch seine "Streitschrift" ist nicht ohne Brüche, wirkt nicht unbedingt wie aus einem Guss geschrieben. Es gibt besonders zu Beginn schöne, diskursive, reflexive Kapitel; dann aber folgen Abschnitte mit den gängigen Phrasen und Leerformeln, auch mit den herrischen Imperativsätzen, die sonst Modernisierer mit Vorliebe benutzen, um das verängstigte Volk auf Trab zu bringen.

Zuweilen blinzelt– als wolle er es versuchsweise testen – gar ein bisschen Lafontainismus durch, ein wenig Sozialpopulismus gegen die Schickeria vom Gendarmenmarkt, die amerikanische Kultur, den Wildwest-Kapitalismus, die ökonomisch belastende Zuwanderung. Und der typisch christdemokratischen Lebenslüge verfällt auch Rüttgers, wenn er wieder und wieder zwar die Bedeutung von "Werten" beschwört, sich aber kaum fragt, durch welche marktförmigen Prozesse sie unterminiert wurden. Und es gibt auch keine Antworte auf die Generalfrage, wie und warum eine Gesellschaft, in welcher der Wettbewerb mittlerweile die alles beherrschende Regulationsinstanz ist, unkonforme Verhaltensnormen wie Gemeinsinn, Solidarität, Nachsicht, Zuwendung, Verzicht neu produzieren könnte.

Gleichwohl: Rüttgers' Streitschrift ist unzweifelhaft bemerkenswert. Die CDU wäre programmatisch weiter, wenn auch andere ihrer Ministerpräsidenten an einer vergleichbaren intellektuellen Begründung ihres Tuns arbeiten würden. Doch Sorgen muss sich gewiss zuallererst die SPD machen. Lafontaine hier, Rüttgers dort – beide halten am im Wahlvolk durchaus geschätzten klassischen Sozialstaatsmodell stärker fest als die Sozialdemokraten der neueren Generation.

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insgesamt 8 Beiträge
kellitom 10.09.2007
Rüttgers täuscht alle. Es gibt nirgendwo einen härteren Pivatisierungskurs für öffentiches Eigentum als in NRW. Rüttgers versucht vergeblich, seinen knallharten kapitalistischen Kurs durch soziale Rhetorik zu kaschieren. Wenn es [...]
Rüttgers täuscht alle. Es gibt nirgendwo einen härteren Pivatisierungskurs für öffentiches Eigentum als in NRW. Rüttgers versucht vergeblich, seinen knallharten kapitalistischen Kurs durch soziale Rhetorik zu kaschieren. Wenn es ihm damit wirklich ernst wäre müßte er sein Privatsierungsgesetz sofort kassieren!
kellitom 10.09.2007
In NRW wird ein knallharter Privatisierungskurs öffentlichen Eigentums gefahren, sogar per Gesetz. Rüttgers versucht vergeblich das durch sozilae Rhetorik zu kaschieren, er ist ein Pharisäer!
In NRW wird ein knallharter Privatisierungskurs öffentlichen Eigentums gefahren, sogar per Gesetz. Rüttgers versucht vergeblich das durch sozilae Rhetorik zu kaschieren, er ist ein Pharisäer!
fisherman 10.09.2007
Der Mann ist wirklich beachtenswert als Taktiker (und wie schon gesagt als "Pharisäer"). Die einzige Chance, die dieser Zyniker bei den Menschen in NRW hat, ist sich ein soziales Image zu generieren, sonst ist der bei [...]
Der Mann ist wirklich beachtenswert als Taktiker (und wie schon gesagt als "Pharisäer"). Die einzige Chance, die dieser Zyniker bei den Menschen in NRW hat, ist sich ein soziales Image zu generieren, sonst ist der bei der nächsten Wahl ganz schnell wieder in der Oppostionsecke. Es sei denn, Lafontaine übertrumpft ihn beim Lügen und wird ähnlich abgewatscht.
stefkarr 10.09.2007
Wer Wahlen gewinnen will, muss sich dem sogenannten "Zeitgeist" beugen, was immer das sein mag. Wohl der letzte Politiker hat inzwischen begriffen, dass mit der sogenannten "neoliberalen" Karte kein Stich [...]
Zitat von sysopJürgen Rüttgers schwingt sich zum Ideologen des alten christdemokratischen Sozialmodells auf: In seiner Streitschrift zur Marktwirtschaft gibt der nordrhein-westfälische Regierungschef den Partisanen gegen den marktradikalen Zeitgeist - mit Anleihen bei Oskar Lafontaine. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,504798,00.html
Wer Wahlen gewinnen will, muss sich dem sogenannten "Zeitgeist" beugen, was immer das sein mag. Wohl der letzte Politiker hat inzwischen begriffen, dass mit der sogenannten "neoliberalen" Karte kein Stich mehr macht. Also schwenkt man mal schnell in eine andere Richtung. Zum einen ist der deutsche Michel sehr vergesslich, man kann ihm so ziemlich alles erzählen, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist, kann man getrost das Gegenteil von dem behaupten, was man vor Monatsfrist erzählt hat. Zum Anderen was muss eigentlich noch alles kommen, bevor sich irgend etwas in Richtung protest tut? Wenn hier Oscar Lafontaine ( nicht mein Fall, da ich Unternehmer bin) zumindest versucht ein paar Dinge zu ändern, sollte man ihm zumindest die Chance geben. Eins ist gewiss, wenn die alten machtbesessen Parteien am Ruder bleiben, wird sich nichts ändern, höchtens noch verschlimmern. Gruß
larry_shrotter 10.09.2007
. . . begreift es noch der dümmste politiker von pseudogrün bis "christlich", dass es die menschen merken, wenn sie von den privatisierern von wasser, strom, bahn usw. verschaukelt wurden und werden. sicher dauert es [...]
Zitat von sysopJürgen Rüttgers schwingt sich zum Ideologen des alten christdemokratischen Sozialmodells auf: In seiner Streitschrift zur Marktwirtschaft gibt der nordrhein-westfälische Regierungschef den Partisanen gegen den marktradikalen Zeitgeist - mit Anleihen bei Oskar Lafontaine. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,504798,00.html
. . . begreift es noch der dümmste politiker von pseudogrün bis "christlich", dass es die menschen merken, wenn sie von den privatisierern von wasser, strom, bahn usw. verschaukelt wurden und werden. sicher dauert es noch eine weile bis den worten taten folgen, aber die richtung deutet sich schon an. von den so eifrig - dumm nachgeahmten usa und GB wird ja schon zurückgerudert, einstürzende brücken hier, entgleisende züge dort, chaos nach hurrican da, so funktioniert nun mal ein staat. von bildung, medizinischer versorgung erst gar nicht zu reden. stagnierende bzw. sinkende löhne lösen keine probleme sondern schaffen nur neue und die folgen kann man nicht ungestraft auf dauer der allgemeinheit aufdrücken.
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