Sonntag, 22. November 2009

Politik



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12.09.2007
 

Deutsch-Fundamentalisten

Loser aus dem Sauerland

Was treibt Menschen wie Fritz G. und Daniel S. dazu, zum Islam überzutreten und sich Terror-Gruppen anzuschließen? Es ist die Nestwärme, mit der belohnt wird, wer freiwillig auf seinen freien Willen verzichtet, schreibt Henryk M. Broder.

Berlin - Das Schönste an den Debatten, die in der Bundesrepublik geführt werden, ist, dass sie auf dem Wissen von gestern und vorgestern basieren. 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst streitet man sich darüber, ob die RAF-Leute gemeine Kriminelle oder fehlgeleitete Idealisten waren, die sich nur in der Wahl ihrer Mittel vergriffen haben.

Terrorverdächtiger Daniel S.: "Versprechen der Geborgenheit, wenn man nachgibt und sich bekennt"
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DPA

Terrorverdächtiger Daniel S.: "Versprechen der Geborgenheit, wenn man nachgibt und sich bekennt"

Seit den Tagen der RAF weiß man auch, dass deutsche Terror-Lehrlinge sich gerne im Nahen und Mittleren Osten zu Profis fortbilden ließen; aber erst seit der Festnahme von Daniel und Fritz denken die Sicherheitspolitiker laut darüber nach, den Besuch von Trainingslagern der al-Qaida und anderer Terrorpaten unter Strafe zu stellen. Bis jetzt war eine Reise zu den Spezialisten im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet strafrechtlich so irrelevant wie ein Abenteuerurlaub in der Serengeti oder ein All-inclusive-Wochenende im Club Med am Gardasee.

Und nun sind die Konvertiten an der Reihe. Man will sie aufspüren, registrieren, überwachen; zugleich mit solchen Vorschlägen wird auch davor gewarnt, alle Konvertiten unter "Generalverdacht" zu stellen. Die meisten seien vollkommen harmlos, nur eine "kleine Minderheit" sei labil und neige zu Übertreibungen – wie Daniel und Fritz. Dabei wird bewusst übersehen, dass es bei Überzeugungstätern nicht auf die Menge der Subjekte, sondern die Energie des Einzelnen ankommt. Ein einziger Konvertit ist sehr wohl in der Lage, mehr Eifer zu entwickeln als eine Million "authentischer" Gläubiger, die von Geburt an dabei sind.

Steven Smyrek zum Beispiel, 1971 geboren, war ein Kleinkrimineller, der als Drogenkurier arbeitete, bevor er mit 23 zum Islam konvertierte und Kontakt zur Hisbollah aufnahm. Er wollte ein Schachid, ein Märtyrer für Allah, werden und lernte den Umgang mit Waffen und Sprengstoff in einem Ausbildungslager der Hisbollah im Libanon. Ende 1997 wurde er auf dem Flughafen von Tel Aviv festgenommen und zwei Jahre später wegen Unterstützung einer terroristischen Organisation zu zehn Jahren Haft verurteilt. Anfang 2004 kam Smyrek im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zwischen Israel und der Hisbollah frei. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland äußerte er den Wunsch, möglichst bald in den Nahen Osten zu reisen, um sein Leben für die Befreiung Palästinas zu opfern.

Der Konvertit, das rätselhafte Wesen

Daniel und Fritz sind also mitnichten die ersten "home grown" Terroristen, sie sind allenfalls die ersten, die ihre Fertigkeiten an der Heimatfront einsetzen wollten. Aber auch das stimmt nur bedingt, denn auch die RAF-Leute waren "home grown", nur waren sie eben keine Konvertiten und keine Muslime, sondern auffallend oft Kinder aus Akademiker- und Pastorenfamilien. Der morbide Charme, den Daniel und Fritz verströmen, kommt also daher, dass sie nicht wie muslimische Terroristen aussehen, aber so agieren.

Der Konvertit, das rätselhafte Wesen. Und alle fragen: Wie wird man so einer? Warum wollten Daniel und Fritz nicht bei "Deutschland sucht den Superstar" auftreten, sondern lieber als Attentäter sterben? Seltsam: In einem Land, in dem alles statistisch erfasst und ausgewertet wird, in dem man genau weiß, wie viele Einwegflaschen täglich recycelt werden und wie viele Kinder unterhalb der Armutsgrenze leben, wie viele Arbeitslose schwarz arbeiten und wie lange es dauern wird, bis der letzte Alpengletscher sich in Weideland verwandelt hat, in einem buchhalterisch so perfekten Land weiß man über Menschen, die zum Islam konvertieren, so gut wie gar nichts.

Das "Islam-Archiv" in Soest schätzt die Zahl der Islam-Konvertiten auf etwa 18.000, Tendenz steigend. Andere Schätzungen liegen wesentlich höher. Noch weniger ist über die Motive bekannt. In den meisten Fällen soll es sich um "Gefälligkeitskonversionen" handeln, um Problemen in der Ehe aus dem Weg zu gehen. So war es früher bei "Mischehen" zwischen Katholiken und Protestanten, so ist es heute noch, wenn Nichtjuden mit Juden in den Stand der Ehe treten. Solche Fälle kann man vernachlässigen.

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