Was aber ist mit den ideologisch motivierten Konversionen, auch wenn es relativ wenige sein sollen? Auf diese Frage findet man eher in der Literatur als in der Verhaltensforschung eine mögliche Erklärung. Konvertiten, die sich so sehr radikalisieren, dass sie zu Terroristen werden, kommen sowohl bei John Updike ("Terrorist") wie bei dem deutschen Schriftsteller Christoph Peters ("Ein Zimmer im Haus des Krieges") als Romanfiguren vor, die sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens verlaufen haben und nicht zurück können. Wobei man sich fragen kann, ob in solchen Geschichten das Leben literarisiert wird oder die Literatur Vorlagen für das Leben liefert.
Wem solche Überlegungen zu vage sind, der ist auf Erfahrungsberichte und Selbstanalysen der Konvertiten angewiesen. Ende letzter Woche erzählte der Hamburger Schriftsteller und Ex-Kommunist Peter Schütt in der "Welt", "wie ich zum Islam gekommen bin". Er sei weder in den Islam "hineingeboren" noch eines Tages "Knall auf Fall hineingestoßen" worden. "Ich bin mehr als mein halbes Leben lang auf der Suche nach der wahren Religion gewesen, und ich werde diese Suche, so Gott will, bis zu meinem Lebensende und vermutlich auch darüber hinaus fortsetzen."
Schütt, 1939 geboren und evangelisch getauft, trat mit 19 zum Katholizismus über, "um der Enge meines lutherischen Elternhauses zu entfliehen". 30 Jahre später, mit 50, legte er das islamische Glaubensbekenntnis ab und wurde Muslim. Zwischendurch hatte er sich in einer anderen Glaubengemeinschaft engagiert: Er gehörte 1968 zu den Mitbegründern der DKP, war Mitglied des Parteivorstandes und Bundessekretär des "Demokratischen Kulturbundes", einer der vielen scheinautonomen Filialen der DKP. Sein literarisches Schaffen ("Ab nach Sibirien") stellte er in den Dienst der kommunistischen Glaubenslehre, was ihm den Beinamen "Hofdichter der DKP" einbrachte.
Unnötig zu betonen, dass er auch in der Friedensbewegung aktiv war und keine Gelegenheit versäumte, dem Imperialismus und dem Kapitalismus die Faust zu zeigen. Erst nachdem er 1988 wegen abweichlerischer Tendenzen aus dem Vorstand der DKP ausgeschlossen worden war, verließ er die Partei, verabschiedete sich von seinen bisherigen Überzeugungen und bedauerte öffentlich, einer Irrlehre aufgesessen zu sein. 1996, sechs Jahre nach seiner Konversion, unternahm er eine Pilgerfahrt nach Mekka.
Islam: "Befreiungstheologie für die Dritte Welt"
"Für mich war der Islam damals zuallererst eine Befreiungstheologie für die Völker der Dritten Welt", schreibt Schütt in seiner "Welt"-Beichte. Heute, nachdem er weder mit dem Katholizismus noch dem Kommunismus glücklich wurde, sucht auch er sein Heil im Islam. "Um mit dem Herzen ein gottergebener Muslim zu werden, bedarf es mehr als eines Lippenbekenntnisses und eines Crashkurses, es bedarf eines lebenslangen Lernprozesses. Man muss jeden Tag von neuem anfangen."
Auch Roger Garaudy, 1913 geboren, war mal, wie es sich für einen richtigen französischen Philosophen gehört, gläubiger Kommunist. In den sechziger Jahren wandte er sich dem Christentum zu und setzte sich für einen "Dialog der Weltreligionen" auf sozialistischer Grundlage ein. 1982 trat er zum Islam über, bald darauf machte er sich einen Namen als Israel-Basher und Geschichtsrevisionist. 1998 wurde er von einem französischen Gericht wegen Leugnung des Holocaust verurteilt, 2002 bekam er den "Al-Gaddafi International Prize for Human Rights" des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi.
Notfalls kann man sogar in einer Gefängniszelle konvertieren, wie es Carlos, "der Schakal", tat, nachdem er Ende 1997 von einem französischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Auf das Konto von Illich Ramirez Sanchez gehen der Überfall auf das Opec-Hauptquartier in Wien 1975 sowie zahlreiche spätere Terroranschläge mit vielen Todesopfern.
Mitte 2003 veröffentlichte Carlos aus dem Gefängnis heraus das Buch "Revolutionärer Islam", in dem er den Terrorismus als ein Mittel des Klassenkampfes erklärt und verteidigt. Er äußerte auch seine Unterstützung für Osama Bin Laden und die Anschläge vom 11. September. Seit 2005 schreibt er unter seinem muslimischen Namen, Salim Muhammed, Artikel für die Zeitschrift "Aylik", das Organ der "Front der Kämpfer für den Islamischen Großen Osten".
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt trat auch David Myatt, der Gründer des National Socialist Movement in Großbritannien, zum Islam über und änderte seinen Namen in Abdul Aziz ibn Myatt.
Myatt, inzwischen über 50 und durch längere Gefängnisaufenthalte gestählt, veröffentlichte nach seinem Übertritt einen Essay, "From Neo-Nazi to Muslim", in dem er seine Beweggründe erklärte, und die lagen vor allem in seiner Verachtung für das westliche System, seinem Hass auf die Juden und seiner Begeisterung für den "praktischen Dschihad", der geführt werden müsse, "um unser Land von den Ungläubigen zu befreien".
Lafontaines Sympathie für den real existierenden Islam
Auch Oskar Lafontaine macht aus seinen Sympathien für den real existierenden Islam kein Geheimnis. In einem Interview mit dem "Neuen Deutschland" stellte er "Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion" fest, unter anderem den Gedanken der "Gemeinschaft", die Pflicht zum Teilen und das "Zinsverbot", und sah noch manchen "Grund für einen von der Linken zu führenden Dialog mit der islamisch geprägten Welt".
Ein Politiker, der nach Kuba fährt, um dort den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" zu preisen, wird sich auch nicht allzu sehr verbiegen müssen, um "Schnittmengen" zwischen linker Politik und islamischem Fundamentalismus zu entdecken: die Menschenrechte, die Frauenfrage, die Gewaltenteilung. Nur dass er bei der Vereinigung von linker Politik und islamischer Religion seinen geliebten Sancere opfern müsste, könnte sich als ein kleines Hindernis auf dem Weg zur marxistisch-islamischen Volksfront erweisen.
Was ist es also, das den Islam so attraktiv macht? Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner bietet eine plausible Erklärung an: "Wer den Koran liest, fühlt sich öfter selbst angeredet, als wäre auch er ein Prophet. Das ist betörend und unheimlich zugleich. Der Appellcharakter ist entsprechend größer und ebenso das Versprechen der Geborgenheit, wenn man nachgibt und sich bekennt. Man könnte den Islam mit dem Heiratsantrag eines äußerst viel versprechenden, obschon recht autoritären Typen vergleichen..."
Etwas einfacher könnte man auch sagen: Der freiwillige Verzicht auf den freien Willen wird durch ein Mehr an Nestwärme belohnt. Theoretisch wäre das auch im Christen- und Judentum möglich, aber in der Praxis ist das Christentum zu komplex und das Judentum zu anarchisch, um Unterwerfungsbedürfnisse bedienen zu können. Dem Papst brandet nicht nur Jubel, sondern auch Kritik entgegen, die er hinnehmen muss, bei den Juden gehört das Hadern mit Gott zur täglichen Praxis. In der Theorie mögen Softies, Skeptiker und Zweifler gut angesehen sein, in der Praxis sind "autoritäre Typen", die einem klar sagen, wo's langgeht, viel beliebter und erfolgreicher. Das gilt in persönlichen Beziehungen ebenso wie im Verhältnis zum Allmächtigen.
Und es gilt auch für Daniel und Fritz. Die "home grown" Loser aus dem Sauerland.
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