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Ostdeutschland Abzugsprämie soll Dörfer entvölkern

2. Teil: Abzugspläne als "Zwangsräumung"

Unter der unaufhaltsamen Landflucht hat auch Letschin zu leiden. 2020 wird es hier noch 3000 Einwohner geben. Heute sind es noch 4800 Menschen, erklärt Bürgermeister Michael Böttcher. Sein Büro liegt in einem pappkartonähnlichen Gebäude, das sich hinter der Weide befindet. Wenn er aus dem Fenster sieht, kann er den Pferden auf der Wiese zusehen. Anders als vielerorts in Uckermark oder Prignitz, dem am dünnsten besiedelten Landkreis Deutschlands, kann sich Böttcher noch glücklich schätzen: "Wir haben immerhin noch eine Schule." Zwischen 1994 und 2003 wurden in Brandenburg 149 Grundschulen geschlossen - fast 25 Prozent des Bestands. Die Folge ist, dass Schulwege immer länger werden. Knapp drei Stunden sind manche der ABC-Schützen mittlerweile zum Unterricht unterwegs.

Die Abzugsprämie hält Böttcher dennoch für eine "Zwangsräumung". Wenn er an seine Heimat denkt, spüre er einen "inneren Schmerz". Er fasst sich an die Brust. "Das ist die Vertreibung aus dem Paradies."

Zehn Kilometer weiter geht es weniger pathetisch aber in der Sache ebenso bestimmt zu. Edeltraut Studier, 47, arbeitet seit 20 Jahren in der Bäckerei an der Hauptstraße in Gusow. Und sie will es die nächsten 20 Jahre auch noch tun. Ihr Mann ist hier geboren. Sie kann sich nicht vorstellen wegzugehen. "Im Westen ist es doch ooch nicht besser." In der Vitrine liegen selbstgebackener Pflaumenkuchen und Erdbeertörtchen. Gerade kommt der Sohn zur Tür herein. "Der Junge macht eine Ausbildung als Versicherungskaufmann." Ein bisschen traurig fügt sie hinzu: "Bäckermeister wollen die heute nicht mehr werden."

In Gusow stehen renovierte Häuser wie die Bäckerei der Studiers und verfallene Ruinen nebeneinander. "In dem Tanzsaal am Ende der Straße wurden früher rauschende Feste gefeiert", seufzt Frau Studier und faltet die Hände über ihrer roten Schürze. Heute sind neben hakenkreuzverschmierten Wänden und zerbrochenen Glasscheiben noch zwei verstaubte gelbe Öfen zu erkennen. Bonjour Tristesse.

Brachliegende Felder? Alles Quatsch

Der Vorschlag, den Osten Deutschlands streckenweise ganz bewusst zu entvölkern, ruft bei den betroffenen Bewohnern Trotz hervor. Manche Politiker wollen nun retten, was gar nicht mehr zu retten ist. Bürgermeister Böttcher erzählt von einem Musiker, der vor kurzem sein Tonstudio im Landkreis eröffnet hat, während Gernot Schmidt, Landrat des Märkischen Oderlands, auf Freiberufler wie Architekten hofft. Das Land böte Chancen.

Die Studie des Berlin-Instituts, behauptet er, kenne das Gebiet gar nicht. Von brachliegenden Feldern sei dort die Rede. "Alles Quatsch." Die Landwirtschaft sei auf dem Vormarsch. "Ich glaube, dass wir in 15 Jahren keine Subventionen mehr in der Landwirtschaft brauchen." Rapsöl sei eines der Produkte, von denen er sich ökologischen Aufschwung erhofft. Aber dafür würden Ackerflächen gebraucht – und keine verwilderten Haine.

Während Gernot Schmidt am rapsgelben Bild seiner blühenden Landschaften zeichnet, muss der Leiter des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, solche Vorstellungen dementieren: Elche liefen heute schon permanent durch manche Landstriche Ostdeutschlands. Die brachliegenden Flächen gebe es definitiv. Andreas Weber, der die Studie miterarbeitet hat, spricht von mindestens neun Prozent der Flächen, die mit EU-Subventionen künstlich stillgelegt wurden.

Bei Horst Müller blöken die Schafe. Die schwarze Katze Morle streicht ihm um die Beine. "Jibt et wat Schöneres?" Er will jetzt weiter machen. Das gemähte Gras muss noch in die Scheune, bald ist schon wieder Zeit für Kaffee. Er grinst. "Ick hab im Leben schon jenuch jetan." Und die Frau wartet auch schon auf ihn.

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insgesamt 43 Beiträge
Neobismarck 02.10.2007
Ich kann sehr sehr gut verstehen, dass sehr viele vorallem ältere Menschen dies nicht wollen. Doch ihr ganzer trotz wird ihnen nichts nützen wenn die Jugend am Ende doch wegzieht. Ich persönlich finde die Idee gut, aus meiner [...]
Ich kann sehr sehr gut verstehen, dass sehr viele vorallem ältere Menschen dies nicht wollen. Doch ihr ganzer trotz wird ihnen nichts nützen wenn die Jugend am Ende doch wegzieht. Ich persönlich finde die Idee gut, aus meiner sicht vorallem die schrumpfenden Ausgaben, aber ich bin 21 und gerade aus dem Saarland in die Pfalz gezogen. Ich hab ehrlichgesagt keine Heimatverbundenheit
Born to Boogie 02.10.2007
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,505510,00.html[/QUOTE] Wenn im Osten keine Menschen mehr wohnen - daß würde wahrscheinlich gar keiner merken.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,505510,00.html[/QUOTE] Wenn im Osten keine Menschen mehr wohnen - daß würde wahrscheinlich gar keiner merken.
aldamann 02.10.2007
Auch ich bin Exilsaarländer und verspüre dennoch eine gewisse Heimatverbundenheit, lasse mich dadurch aber nicht in meinen Entscheidungen, wie ich leben möchte beeinflussen - aber das mal nur am Rande. Die Idee ist sehr gut, [...]
Zitat von NeobismarckIch kann sehr sehr gut verstehen, dass sehr viele vorallem ältere Menschen dies nicht wollen. Doch ihr ganzer trotz wird ihnen nichts nützen wenn die Jugend am Ende doch wegzieht. Ich persönlich finde die Idee gut, aus meiner sicht vorallem die schrumpfenden Ausgaben, aber ich bin 21 und gerade aus dem Saarland in die Pfalz gezogen. Ich hab ehrlichgesagt keine Heimatverbundenheit
Auch ich bin Exilsaarländer und verspüre dennoch eine gewisse Heimatverbundenheit, lasse mich dadurch aber nicht in meinen Entscheidungen, wie ich leben möchte beeinflussen - aber das mal nur am Rande. Die Idee ist sehr gut, denn sie bedeutet ein Ende mit Schrecken statt ein Schrecken ohne Ende. Aber gerade Ihnen als Saarländer sollte klar sein, dass das nicht die Denkweise deutscher Politiker ist. Wenn dem so wäre, gäb es schon seit 20 Jahren keine Steinkohlesubventionen mehr, wir hätten wie in den meisten anderen boomenden Wirtschaften niedrige Lohnsteuern und -Nebenkosten und stattdessen (im Gegensatz zu mittlerweile "und") hohe Mehrwertsteuern usw. usw. Politiker entscheiden nicht nach Vernunft. Sie gehen den Weg des geringsten Widerstandes und da sich gegen diesen Vorschlag jetzt schon Widerstand regt und insbesondere dieLinke und die NPD sich dagegen positionieren werden - Parteien, die in diesen Landstrichen zusammen wohl an die >40 % Zustimmung haben - wird dieser Vorschlag in der Schublade verschwinden. Zusammen mit der Bierdeckelsteuererklärung und anderen durchaus sinnvollen politischen Ideen
Solche Entwicklungen hat es in Deutschland immer gegeben. Seit Hunderten und Tausenden von Jahren: Stichwort "Wüstungen" (http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCstung). Nach der mittelalterlichen Pest, nach dem 30jährigen [...]
Solche Entwicklungen hat es in Deutschland immer gegeben. Seit Hunderten und Tausenden von Jahren: Stichwort "Wüstungen" (http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCstung). Nach der mittelalterlichen Pest, nach dem 30jährigen Krieg, durch Landflucht, usw. Diesmal eher eine friedliche Ursache, doch das Ergebnis bleibt das gleiche. Wir werden es nicht verhindern können, außer wir kriegen mehr Kinder. Der Osten Deutschlands kriegt es aufgrund der wirtschaftlichen Situation nur als erstes zu spüren. Jetzt können wir es noch steuern.
gfh9889d3de 02.10.2007
"Um die Probleme zu lösen, müsse vor allem Bildung massiv gefördert werden." Ein klassischer Behördenreflex. Nur zu verstehen ist der Satz nicht. Glaubt man, per Bildung den Herrn Müller zum Umzug bewegen zu können? [...]
"Um die Probleme zu lösen, müsse vor allem Bildung massiv gefördert werden." Ein klassischer Behördenreflex. Nur zu verstehen ist der Satz nicht. Glaubt man, per Bildung den Herrn Müller zum Umzug bewegen zu können? Ändert guter Sexualunterricht womöglich die Lage in Brandenburg? Der Mann, der eine Abzugsprämie mit Zwangsräumung verwechselt glaubt bestimmt auch, daß er die Artikel aus der Plus-Reklame alle haben muß...
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