Von Sebastian Knauer
Hamburg - Michael Müller, 59, weiß, wovon er redet. Vor ziemlich genau zwei Jahrzehnten hatte der SPD-Umweltexperte vorgeschlagen, den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) um 30 Prozent zu verringern - durch Steigerung der Energieeffizienz, Ausbau der erneuerbaren Energien, Ausstieg aus der Kernenergie.
"Es ist hochinteressant, wer jetzt alles den Klimaschutz entdeckt", sagt Müller heute, rund 20 Jahre später.
Sogar Gerhard Schröder. Auch er tritt jetzt als Klimafreund auf - als Kanzler der rot-grünen Bundesregierung hatte er noch scharfe Abgasnormen für die deutsche Autoindustrie zu verhindern gewusst. Mit Blick auf den Klimaschutz stellt Schröder jetzt fest, dass es sich "nicht um Hysterie, sondern um wissenschaftliche Fakten" handele.
Müller: Fachleute "für 30 Silberlinge" gekauft
2500 Wissenschaftler haben in diesen Protokollen den letzten Stand des Wissens über die komplexe Klimaforschung zusammengetragen. In diesem Jahr wurden drei Berichte mit jeweils rund 1500 Seiten zu den Themen "wissenschaftliche Grundlagen der Klimaänderung, sektorale und regionale Verwundbarkeit, politische und ökonomische Optionen" veröffentlicht. Jetzt liegen die Berichte in deutscher Übersetzung vor.
Müller und seine Co-Herausgeber hatten als Teilnehmer der jeweiligen Konferenzen in Brüssel, Paris und Bangkok direkten Einblick in die Klima-Diplomatie. Bei der Bewertung der wissenschaftlichen Ergebnisse versuchte beispielsweise die US-Delegation, in den Brüsseler Sitzungen über 100-mal die Formulierung von "wird geschehen" in "wird voraussichtlich geschehen" abzuschwächen.
"Wir haben insgesamt viel Zeit verloren", sagt Müller. Er fordert die "Überwindung einer Wirtschaftsordnung, die in erster Linie auf den kurzfristigen Vorteil ausgerichtet ist". Er schreibt: "Der Schutz des Klimas macht nicht nur technische und ökonomische Maßnahmen notwendig, sondern erfordert zugleich kulturellen Wandel und sozialverträglichen Umbau."
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), der das Vorwort verfasste, gibt die Marschrichtung vor. Wenn "China zur Werkbank", "Indien zum globalen Dienstleister" und "Russland zur Zapfsäule" werde, müsse sich Deutschland in dieser Arbeitsteilung als "Techniker für Effizienz, Ressourcenschonung und Klimaschutz" neu positionieren.
Das Werk rechnet mit den Leugnern des Klimawandels ab - und mit ihren Finanziers. "Für dreißig Silberlinge", so Müller, ließen sich auch renommierte Fachleute als Gegenlobby aufbauen. DaimlerChrysler etwa unterstützte - wie andere Großkonzerne - bis 2001 die Lobby-Gruppe "Global Climate Coalition". Deren Ziel sei es gewesen, "wissenschaftliche Befunde zu unterminieren", so Müller.
Wie sehr der Klimawandel – von tropischen Sommernächten in Hamburg bis zum Gletscher-Totalschwund auf der Zugspitze - in das Leben der Bundesbürger eingreifen wird, machen die Experten mit vielfältigen Untersuchungsergebnissen deutlich.
Buch-Vorsteller Gerhard Schröder beruft sich bei seinem Engagement für den Klimaschutz auf einen anderen Kanzler, auch einen Sozialdemokraten. "Die Globalisierung von Gefahren erfordert eine Weltinnenpolitik, die über den Horizont von Kirchtürmen, aber auch über die nationale Politik weit hinausreicht." Das Zitat stammt von Willy Brandt - aus dem Jahre 1979.
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