Von Florian Gathmann
Hamburg/Leipzig - "…begrüßen Sie aus Berlin, Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee!". Die Moderatorin hat ihren Satz noch nicht vollendet, da ist der Minister schon in Bewegung. Mit raschen, federnden Schritten eilt er auf das Podium zu, braucht nur einen kleinen Sprung und ist auf der Bühne. Dann knipst der großgewachsene Mann das berühmte Tiefensee-Lächeln an und schaut in die Runde.
Solche Auftritte wie den im August bei der Leiziger "Games Convention" liebt Wolfgang Tiefensee. Reden, das kann er - mit einer tiefen Stimme, nur leichtem sächsischen Einschlag.
Zurzeit fehlen manchem in seiner Partei die Worte, wenn es um Tiefensee und die Bahn-Reform geht. "Dass muss ich nicht beantworten", sagt der SPD-Verkehrsexperte Hermann Scheer SPIEGEL ONLINE zu Tiefensees Rolle in dem Dauerstreit.
Das Projekt gerät ins Schlingern - doch Tiefensee versucht, Kurs zu halten. Die Unions-Bundestagsfraktion ist unzufrieden mit den Plänen, die SPD-Parlamentarier können sich nicht dafür begeistern, aus den Bundesländern kommt scharfe Kritik - ganz zu schweigen vom massiven Widerstand aus den Gewerkschaften. Und was sagt der Bundesverkehrsminister? "Bei gutem Willen sollte es möglich sein, das Gesetz in diesem Jahr zu verabschieden", so Tiefensee im RBB-Inforadio.
Nur eine Erklärung kann es dafür geben: Der SPD-Politiker hat erkannt, dass seine politische Karriere an der Bahn-Reform hängt.
Tiefensee, 52, war einmal eine große SPD-Hoffnung aus dem Osten - spätestens, seit er als Oberbürgermeister die Olympia-Bewerbung Leipzigs, mit einem Cello-Auftritt untermalte. Er ging in Talkshows, redete, charmierte, überzeugte. Schon 2002 wollte ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder ins Kabinett nach Berlin locken, doch Tiefensee sagte Nein. Er galt als kommender SPD-Ministerpräsident im Freistaat. Doch 2004 holte seine Partei nur 9,8 Prozent bei der Landtagswahl. Ein Jahr später folgte Tiefensee dem Ruf Angela Merkels ins Kabinett, wurde Bundesverkehrs- und Aufbau-Ost-Minister.
Ein undankbares Amt. Aber deshalb auch eine Herausforderung. Vielleicht hat sich Wolfgang Tiefensee zu viel zugetraut. "Flachwasser", so nennt man ihn laut "FTD" in der Opposition.
Der Osten kommt langsam auf die Beine - aber wer würde das als Verdienst des Ministers verbuchen? Die Lkw-Maut funktioniert besser als gedacht - sie geht allerdings auf Amtsvorgänger Manfred Stolpe zurück. Und ab und an einen neuen Autobahnabschnitt oder eine Brücke zu eröffnen - das reicht gerade einmal für Protokollfotos in der Lokalpresse.
Die Bahnreform wäre genau der Clou, den Tiefensee jetzt braucht. Aber es sieht immer weniger nach einem Gelingen aus. Beim großkoalitionären Kompromisse-Schmieden ist das Projekt so zerfasert, dass keiner mehr damit glücklich ist. Tiefensee redet die Reform aber weiterhin schön. Verlassen kann er sich dabei auf Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, der die Reform zu seiner persönlichen Mission gemacht hat.
Man könnte meinen, Mehdorn sei inzwischen der Koch und Tiefensee sein Kellner, hört man aus der SPD.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Deutsche Bahn | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH