Von Philipp Wittrock
Hamburg - Mehr als zwei Dutzend Ermittler einer Sonderkommission der Polizeidirektion Westsachsen versuchen seit einem Monat Licht in die Gewaltnacht von Mügeln zu bringen. Sie haben etliche Zeugen vernommen, weit über hundert sollen es sein, sie haben an die Bevölkerung appelliert, sogar eine Anlaufstelle im Rathaus der sächsischen 5000-Seelen-Gemeinde eingerichtet. Doch "trotz des betriebenen enormen Arbeitseinsatzes" kommen die Beamten einfach nicht entscheidend weiter, wie es heute in einer Erklärung der Leipziger Staatsanwaltschaft heißt.
Noch immer ist es der Soko nicht gelungen, eindeutig zu klären, warum eine Rempelei im Festzelt auf dem Mügelner Marktplatz in der Nacht zum 19. August zu einer regelrechten Hatz auf acht Inder eskalierte. Diese hatten sich schließlich unter Todesangst in die Pizzeria eines Freundes gerettet, während draußen ein wütender Mob rassistische Parolen brüllte und mit der Stürmung des Lokals drohte. Erst ein Großaufgebot der Polizei konnte wieder für Ruhe sorgen. Blutige Bilanz des Gewaltexzesses: 14 Verletzte, einige von ihnen schwer.
Für die Staatsanwaltschaft steht zum derzeitigen Zeitpunkt lediglich fest: Weder gab es eine "geplante rechtsextremistische Tat gegenüber den indischen Festbesuchern" noch eine "bloße Festzeltschlägerei".
Irgendwo dazwischen soll die Wahrheit liegen.
Die Strafverfolgungsbehörden ermitteln derzeit gegen insgesamt 16 Personen zwischen 17 und 35 Jahren, darunter zwölf Deutsche und vier Inder. Dabei unterscheiden die Ermittler zwei Tatkomplexe: Zum einen die Rangelei im Zelt mit den anschließenden gewalttätigen Auseinandersetzungen auf dem Marktplatz, zum anderen die Attacken der Menschenmenge auf die Pizzeria, in der sich die indischen Opfer verschanzt hatten.
Ermittlungen wegen Volksverhetzung vor dem Abschluss
Im letzteren Fall sieht die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen kurz vor dem Abschluss. Acht Männern aus Mügeln und Umgebung wird demnach Volksverhetzung vorgeworfen - unter anderem waren in der Nacht "Ausländer-raus"-Rufe zu hören gewesen. Gegen einen der Männer ermitteln die Behörden zudem wegen Sachbeschädigung: Mit einem Lichtschachtgitter soll er die Scheibe der Eingangstür der Pizzeria eingeworfen haben. Weil er jedoch der einzige ist, der zum derzeitigen Zeitpunkt als Gewalttäter vor dem Lokal identifiziert werden konnte, habe man den Vorwurf des Landfriedensbruches fallen gelassen, erklärte Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz.
Was sich vor der Belagerung der Pizzeria abspielte, dazu gibt es nach Schulz' Worten derart widersprüchliche Aussagen, "dass sich bislang ein klares, gerichtsverwertbares Bild zum Tatablauf nicht ergab". Trotz wiederholter Aufrufe hätten sich hierzu bislang kaum unbeteiligte Festbesucher als Zeugen zur Verfügung gestellt. Die wenigen, die sich gemeldet hätten, hätten kaum konkrete Angaben zu den Tätern oder den Auseinandersetzungen gemacht.
Dennoch werden derzeit acht weitere Männer der gefährlichen Körperverletzung beschuldigt. Die Hälfte von ihnen sind Deutsche zwischen 17 und 24 Jahren, auch sie sind aus dem Ort selbst oder dem näheren Umkreis, die anderen vier sind Inder. Diejenigen Beschuldigten, die bislang überhaupt etwas zu den Vorfällen gesagt haben, bestreiten die Vorwürfe laut Staatsanwaltschaft.
Milbradt in der Kritik
Im Zusammenhang mit der Mügelner Gewaltnacht war zuletzt Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) in die Kritik geraten. Beim Landesparteitag am Wochenende in Mittweida hatte eine "hysterische Debatte" zu Lasten der Mügelner Bürger beklagt. "Ich weiß, wie die Menschen in Mügeln sich fühlen, es gab nämlich keine Hetzjagd in Mügeln, sondern eine Hetzjagd auf Mügeln und die Mügelner", sagte der Regierungschef.
SPD, Grüne und Linkspartei reagierten empört. SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz kritisierte eine "völlig verzerrte Wahrnehmung", die sächsische Grünen-Fraktionschefin Antje Hermenau warf Milbradt vor, er übe die "falsche Solidarität", Cornelia Ernst, Landeschefin der Linkspartei, sprach von einer "politisch bedenklichen Verharmlosung".
Zuvor war bereits Mügelns Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP) in die Kritik geraten, weil er einen rechtsextremistischen Hintergrund des Vorfalls strikt ausschloss – unter anderem in einem Interview mit der rechtslastigen "Jungen Freiheit".
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