Von Sebastian Fischer und Florian Gathmann
Marian Offmann, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde München und CSU-Stadtrat, sagt: "Das, was Josef Schmid gesagt hat, ist missverständlich und falsch - das hat er aber auch eingestanden." Schmid werde den Ausdruck von der Entlausung "sicher nie mehr wiederholen". Der OB-Kandidat sei "meilenweit davon entfernt, ein Nazi zu sein", so Offmann zu SPIEGEL ONLINE: "Ich würde sonst nicht mit ihm auf einer Liste kandidieren."
Offmann fordert nun von beiden Seiten - Rot-Grün und Schmid - Schaden von der Stadt abzuwenden: "Sie sollten sich zusammensetzen und das Problem aus der Welt schaffen." Öffentliche Diskussionen würden dem Erreichten schaden: "Wir haben es in den letzten Jahren gemeinsam geschafft, München - der ehemaligen 'Hauptstadt der Bewegung' - ein neues Antlitz zu geben." Offmann nennt beispielhaft die neue Synagoge, das jüdische Gemeindezentrum und Museum sowie das geplante NS-Dokumentationszentrum.
Schmid gehöre einer Generation an, "die mit den Begrifflichkeiten der NS-Zeit nicht mehr vertraut ist", nimmt Offmann den Kandidaten in Schutz. Dies zeige auch, dass in den Schulen beim Thema Nationalsozialismus die Ausbildung verbessert werden müsse: "Der Holocaust scheint für jüngere Generationen manchmal so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg."
Affärengeschüttelte Münchner CSU
Schmid, der bisher einen guten Wahlkampf führte, tritt für eine Münchner CSU an, die in den letzten Jahrzehnten nicht aus den Negativ-Schlagzeilen herauskam: Da war ab 2001 die Affäre um Mitglieder- und Stimmenkäufe, in deren Folge die Strauß-Tochter und Ministerin Monika Hohlmeier als Münchner CSU-Chefin zurücktrat. Da war im Jahr 2002 CSU-OB-Kandidat Aribert Wolf, der über eine Plakat-Affäre stürzte: "Terrorzellen in München. Und die Stadt zahlt die Miete. Schluss mit dem städtischen Schmusekurs." Hintergrund war allein, dass die Stadt München einem Libyer mit Kontakt in die islamistische Szene zweitweise Sozialhilfe gewährt hatte.
Josef Schmid ist nicht der erste deutsche Politiker, der sich mit Bezügen zum Dritten Reich ins zeitgeschichtliche Abseits gestellt hat: So musste der CDU-Politiker Philipp Jenninger nach seiner Rede zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht 1988 als Bundestagstagspräsident zurücktreten. Er hatte NS-Vokabular benutzt - ohne sich sprachlich davon zu distanzieren.
Die SPD-Politikerin Hertha Däubler-Gmelin wiederum stolperte über einen Vergleich mit Adolf Hitler: Sie soll in einer Rede vor der Bundestagswahl 2002 den Angriffskrieg auf den Irak als Trick von US-Präsident George W. Bush dargestellt haben, um von seinen innenpolitischen Problemen abzulenken: Eine "beliebte Methode seit Adolf Hitler" war dies für die damalige Bundesjustizministerin - nach der Wahl war sie ihren Job los. Anderes Beispiel: der ehemalige CDU-Politiker Martin Hohmann. Nachdem der Bundestagsabgeordnete aus Fulda in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2003 im Zusammenhang mit dem Judentum den Ausdruck "Tätervolk" gebraucht hatte, schloss ihn zunächst die Unionsfraktion aus, schließlich auch die CDU.
Manche kamen glimpflicher davon: Helmut Kohls Satz über den damaligen SPD-Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse, dieser sei "der schlimmste Präsident seit Hermann Göring" (gehört von zwei SPIEGEL-Redakteuren im Bundestags-Restaurant) blieb 2002 folgenlos. Der damalige SPD-Chef Willy Brandt hatte 1985 den damaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler mit Goebbels verglichen, ebenfalls folgenlos: "Ein Hetzer ist er, seit Goebbels der schlimmste Hetzer in unserem Land", sagte Brandt - weil Geißler die SPD als "fünfte Kolonne" Moskaus bezeichnet hatte. Edmund Stoiber (CSU) kam ebenfalls davon, als er im November 1988 im Gespräch mit Journalisten laut "Süddeutscher Zeitung" die Befürchtung äußerte, der SPD-Politiker Oskar Lafontaine wolle "eine multinationale Gesellschaft auf deutschem Boden, durchmischt und durchrasst".
Auch Lafontaine sorgte für Aufsehen
Lafontaine wiederum sorgte im Bundestagswahlkampf 2005 als Linke-Spitzenkandidat für Aufsehen: Weil der Staat verpflichtet sei, seine Bürger zu schützen, müsse er verhindern, "dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter zu niedrigen Löhnen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen", sagte er bei einem Auftritt in Chemnitz. Die Empörung über den Ausdruck Fremdarbeiter war groß, blieb aber folgenlos.
Auch fernab der politische Bühne lauern Fallstricke. Jüngste Beispiele: Die Fernsehjournalistin Eva Herman verlor kürzlich ihren Job als NDR-Moderatorin, weil sie sich bei einer Buchvorstellung über die Wertschätzung der Mütter und Familien auch im Nationalsozialismus und über die Abschaffung solcher Werte in der 68er Bewegung ausgelassen hatte. Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner dagegen kam ungeschoren davon, als er vor einigen Wochen von einer "Entartung" der Kultur sprach, sobald diese den Gottesbezug verliere.
Wie geht es weiter mit Josef Schmid in München? Er hält an seiner Kandidatur fest. Für den Donnerstag hat die SPD den Fall auf die Tagesordnung des Stadtrats gesetzt, Schmid selbst hat heute noch Entschuldigungsschreiben an Ude und die Fraktionen von SPD und Grünen rausgeschickt. Historiker Wehler meint, der Satz von der Entlausung "garantiert mit Sicherheit die Wiederwahl von Herrn Ude". Schmid habe sich "als Kandidat für das Oberbürgermeisteramt der drittgrößten Stadt Deutschlands disqualifiziert".
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