Online-Durchsuchung Karlsruher Kreuzverhör
Von Dietmar Hipp, Karlsruhe
2. Teil: Nicht schützbar: Liebesbriefe, Tagebücher, private Fotos
Der von den Grünen nominierte Verfassungsrichter Brun-Otto Bryde rieb sich an dem "Zielkonflikt", dass die Bundesregierung einerseits "zuständig sei für die Sicherheit der Informationstechnik" und andererseits solche Sicherheitslücken ausnutzen muss für die Online-Durchsuchung. Man müsse sich nur vorstellen, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik entdecke eine Schwachstelle für 60 Millionen Rechner, und gebe sie nicht bekannt, weil das BKA diese für vier Online-Durchsuchungen im Jahr nutzen wolle.
Und der auf SPD-Vorschlag gewählte Reinhard Gaier nahm Bundesverfassungsschutz-Präsident Heinz Fromm ins Kreuzverhör, der das immer wiederkehrende Argument der "Waffengleichheit" bemühte: Weil Verfassungsfeinde und Kriminelle heute zunehmend über das Internet kommunizierten, brauche man die Online-Durchsuchung, um nicht "hinter das zurückzufallen, was wir in der Vergangenheit konnten".
Die Online-Durchsuchung erweitere doch aber die Möglichkeiten gegenüber dem Abhören von Telefonen, weil man so etwa auch auf längst abgeschlossene Kommunikationsvorgänge zugreifen könne, wollte Gaier wissen. Nein, das sei nichts anderes als eine "virtuelle Observation", versuchte sich Fromm herauszureden. Das sei aber "mehr, als Ihnen bisher erlaubt war", insistierte Gaier, "das ist ein Zugewinn". Zweite Ausrede Fromms: Es verhalte sich wie mit "Papier, das jemand zu Hause rumliegen hat", Widerspruch Gaier: "Auf das sie aber nicht zugreifen konnten". Letztes, entlarvendes Wort des Angeklagten: "Auf das wir hätten zugreifen können, wenn's uns jemand gegeben hätte."
Zu allem Überfluss brachte der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP), selbst einer der fünf Beschwerdeführer, einen Kriminalhauptkommissar des BKA dazu einzuräumen, dass bei der Online-Durchsuchung auch die Festplatten gänzlich unbescholtener Bürger durchforstet werden müssten. Ob es vorkommen könne, dass zunächst auch auf falsche Computer zugegriffen wird, wollte Baum von dem Polizisten wissen. Tatsächlich, gab der zu, könne es zu falschen Zuordnungen kommen. Dass man den richtigen Rechner erreicht habe, wisse man erst dann, "wenn mir die Daten, die drauf sind, sagen, das isser". Heiterkeit im Saal.
"Da ist etwas ins Rutschen gekommen"
Entscheidend dürfte letztlich sein, dass die Richter auch hier, wie schon bei der akustischen Wohnraumüberwachung und der Telekommunikationsüberwachung, offenbar besonderen Wert auf den "Schutz des Kernbereichs privater Lebensgestaltung" legen wollen.
Solche besonders geschützten Dokumente wie etwa Tagebücher, Liebesbriefe oder intime Fotos, das gaben die geladenen IT-Experten einhellig zu Protokoll, sind durch keine technische Vorkehrung zuverlässig von den weniger geschützten Inhalten zu trennen - schon deshalb nicht, weil etwa potentielle Suchworte von den Verdächtigen gezielt zur Verschleierung krimineller Inhalte benutzt werden könnten. "Darauf zu vertrauen, dass man etwas ausfiltern kann, ist naiv", stellte der Mannheimer Professor Felix Freiling fest, "vor allem, wenn man es mit Profis zu tun hat".
Das Problem, wie man Online-Durchsuchungen zulassen, und dabei den persönlichen Kernbereich schützen könne, sei jedenfalls "bisher nicht lösbar", stellte der als Zuschauer anwesende ehemalige nordrhein-westfälische Innenminister Burkhard Hirsch (FDP) nach der Verhandlung fest. "Da ist etwas ins Rutschen gekommen" fasste Hirsch, seinen Eindruck zusammen, "das BKA-Gesetz kann so nicht bleiben."
Schad- und Spähsoftware
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Wie das
Trojanische Pferd
in der griechischen Mythologie verbergen
Computer-Trojaner
ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten
Backdoor
, einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere
Schadprogramme
nachgeladen werden.
Computerviren
befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in
Tauschbörsen
einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen:
"Root"
ist bei
Unix-Systemen
der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein
Rootkit
ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte
Shell
auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um
Trojaner
,
Viren
und andere zusätzliche
Schadsoftware
über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren
Kompromittierungen
eines Rechners.
Computerwürmer
sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein
Schadprogramm
, das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats,
AIMs
,
P2P-Börsen
und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Unter einem
Drive-by
versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von
Scripten
nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter
Schadcode
Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnets
sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die
Zombiearmeen
werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen
Web-Seiten in die Knie zu zwingen
oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei
SPIEGEL ONLINE)
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um
"falsche Software"
. Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als
Adware-Programme
belästigen sie den Nutzer mit Werbung.
Die perfideste Form aber ist
Ransomware
: Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Ein
Zero-Day-Exploit
nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von
Schadprogrammen
ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
Sogenannte distribuierte
Denial-of-Service-Attacken
(DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.
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