SPIEGEL ONLINE: Herr Kretschmann, die Grünen-Chefin Claudia Roth hat den Augsburger Bischof Walter Mixa einen "durchgeknallten, spalterischen Oberfundi" genannt. War ihre Kritik richtig?
Kretschmann: Die Wortwahl ist überzogen und ich finde nicht, dass man sich dauernd an Bischof Mixa abarbeiten muss. In der Sache - also in seinen familienpolitischen Ansichten - ist die Kritik an Mixa zwar richtig, aber das ist noch kein Grund sich dermaßen im Ton zu vergreifen, wie es Claudia Roth getan hat.
SPIEGEL ONLINE: Wird die katholische Kirchen wieder zum Hauptfeind der Grünen?
Kretschmann: Frau Roth hat nur Bischof Mixa angegriffen und nicht die katholische Kirche. Herr Mixa hat seine eigene Meinung und die wird nicht von der Bischofskonferenz geteilt. Ich sehe keinen Kulturkampf heraufziehen - dass sich die Grünen und die Kirche zerstreiten, kann ich nicht erkennen. Im Gegenteil: Die Grünen haben zu den Kirchen und zu ihren Organisationen ein gutes Verhältnis. Es gibt Konsens in vielen Fragen, zum Beispiel in der Bioethik, der Bewahrung der Schöpfung, in der Asylpolitik.
SPIEGEL ONLINE: Die Reaktion auf Roths Äußerungen war aber sehr scharf. Der Sprecher von Bischof Mixa sagte, er erkenne in Claudia Roths Angriffen auf die Kirche seit langem "faschistoide Züge" - die Grünen seien deshalb für Christen nicht wählbar.
Kretschmann: Die Retourkutsche des Sprechers von Herrn Mixa ist total abwegig. Die Kontroverse irgendwie mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen ist ungeheurlich - da fällt mir nichts mehr zu ein. Und Kardinal Höffner hat schon vor über zwanzig Jahren gesagt, die Grünen seien für Katholiken nicht wählbar. Die Katholiken wählen aber die Grünen, genau wie andere Menschen auch. Die Wahl für eine Partei ist eine individuelle Entscheidung und hängt nicht davon ab, was ein Kardinal oder ein Bischof sagt. Diese Zeiten sind zum Glück längst vorbei. Dennoch: Konfessionell gesehen haben die Grünen den größten Wähleranteil bei den Konfessionslosen.
SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?
Kretschmann: Die Grünen sind von ihrer Gründung her eine sehr moralisch argumentierende Partei und sie bieten vielen, die ihren Glauben verloren haben, wieder eine Heimat.
SPIEGEL ONLINE: Und warum sollte ein gläubiger Christ die Grünen wählen?
Kretschmann: Die Christen sind sehr wertgebundene Menschen mit einem weiten Horizont, wie die Grünen auch. Die Partei muss sich bemühen, bei den Wahlen mehr engagierte Christen für sich zu gewinnen. Die Grünen sollten unbedingt gezielt mehr Christen ansprechen.
SPIEGEL ONLINE: Wie soll das passieren?
Kretschmann: Indem die Grünen ihre Ziele glaubwürdig vertreten, das schätzen Christen am meisten.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich als bekennender Katholik in der Partei nicht oft auf einsamem Posten?
Kretschmann: Nein, ich fühle mich sehr wohl bei den Grünen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Staat und Kirche getrennt sind. Die Frage der religiösen Bindung spielt in den tagespraktischen Fragen eine nachgeordnete Rolle. Da geht es mehr ums Menschenbild, und mit dem christlichen Menschenbild ist man in jeder demokratischen Partei bestens aufgehoben.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass christliche Grüne helfen können, eine schwarz-grüne Koalition auf den Weg zu bringen?
Kretschmann: Das ist weit hergeholt. Die schwarz-grün- Debatten haben nichts mit der Kirche oder Religion zu tun.
Das Interview führte Anna Reimann
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