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28.10.2007
 

Logbuch al-Qaida

Mit Comics gegen den Dschihadismus

Von Yassin Musharbash

Wenn Verfassungsschützer neue Wege gehen: Ein im NRW-Innenministerium geborener Comic-Held hat es mit fiesen Dschihadisten zu tun. Natürlich in Farbe und "jugendgerechter Sprache", Startauflage: 100.000 Hefte.

Kreativität findet sich oft dort, wo man sie intuitiv am wenigstens vermutet. Zum Beispiel in deutschen Landesämtern für Verfassungsschutz. Zugegeben, der Satz ist etwas verwegen. Aber er ist nicht falsch. In Baden-Württemberg etwa bauten die Beamten kürzlich ein pakistanisches Terror-Camp nach, um eine Wanderausstellung zum Thema Islamismus aufzupeppen. Und ihre Kollegen in Nordrhein-Westfalen schlafen ebenfalls nicht: Sie haben einen Comic-Strip malen lassen, in dem junge Staatsbürger über die Religion Islam, die Ideologie Islamismus und das Verbrechen Terror aufgeklärt werden sollen.

In den Fängen des Hasspredigers: Andis Kumpel Murat driftet ab
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Innenministerium NRW

In den Fängen des Hasspredigers: Andis Kumpel Murat driftet ab

Natürlich wirkt es immer etwas peinlich, wenn Behörden jugendnah sein wollen. Wenn sich etwa der NRW-Innenminister Ingo Wolf auf Seite Zwei des Andi-Hefts selbst als Comic-Figur an die Leser wendet: "Wie schon in der ersten 'Andi'-Geschichte versuchen Extremisten, Jugendliche wie Euch mit ihrer Propaganda zu ködern." Aber wenn man fair ist, muss man zugeben: Die Geschichte ist nicht schlecht. Und auch nicht schlecht gemacht.

Titelheld Andi, den die Insignien Baseballkappe, Strubbelhaare und Kapuzenpulli als eine Art semi-coolen und eventuell halb-linken Normalo-Pennäler definieren, hat eine türkische Freundin: Ayshe. Deren Bruder Murat, ein Freund Andis, durchlebt gerade eine Krise, weil er keine Lehrstelle findet. Er schiebt die Absagen auf Ausländerfeindlichkeit. Das wiederum macht Murat zu einer perfekten Beute für den komischen Neuen auf dem Schulhof - den bereits ideologisch gefestigten Islamisten Harun mit dem eisernen Blick. Er macht Murat klar: Du wirst wegen deiner Religion diskriminiert!

Der Dschihadist, mein neuer Kumpel

Fortan kümmert sich Harun um Murat - und beginnt sehr bald, ihm Vorschriften zu machen: Er dürfe keine Ungläubigen zu Freunden nehmen, denn das verbiete der Islam. Basketball ist auch verboten. Und außerdem müsse er dafür sorgen, dass seine Schwester nicht mit Andi ins Kino geht.

Harun nimmt Murat schließlich sogar mit zu seinem Lieblingsscheich, einem Hassprediger. Der sagt: "Gott befiehlt, dass ein Muslim sich nicht mit den Kuffar einlassen und sie zu Freunden nehmen soll! Er befiehlt, dass man sie bekämpfen muss!" Er zeigt Murat auch radikale Webseiten mit Anschlagsvideos aus dem Irak. "Bei solchen Anschlägen sterben doch auch viele Muslime?!", wagt Murat einzuwerfen. Alles Heuchler, bügelt der Dschihadisten-Scheich das Argument ab. Und wenn ein Muslim unter den Toten sei, nun, er würde ja dann als Märtyrer sterben. Was könne man mehr wollen.

Am Ende der 38 Seiten wird selbstverständlich alles wieder gut: Murat verwandelt sich vom potentiellen Top-Gefährder wieder zurück zum Gute-Laune-Kumpel. Ja sogar eine Lehrstelle fällt zur Belohnung vom Himmel, damit die Moral der Geschichte schön überdeutlich wird.

Ayshe ist etwas unrealistisch geraten

Keine Ahnung, ob Schüler sich über solche Comics nur kaputt lachen. Oder ob man damit tatsächlich ihre Aufmerksamkeit gewinnen kann. Das erste Abenteuer von Andi sei immerhin 170.000 mal verteilt worden, hieß es. Hamburg hat es von Nordrhein-Westfalen übernommen. Andi Zwei geht jetzt mit zunächst 100.000 Stück Startauflage an die Schulen. Dass man es mit der "jugendgerechten Sprache" nicht übertrieben hat, ist wohl eher von Vorteil. Ein gelegentliches "krass", "korrekt" oder "Alter" ist nicht allzu peinlich.

Sicher ist in jedem Fall, dass die Verfassungsschützer sich Mühe gegeben haben. Die Story ist zwar arg verkürzt, aber trotzdem halbwegs glaubwürdig - weil sie Mechanismen beschreibt, die man aus der Realität kennt.

Übertrieben ist allerdings die Kopftuch tragende Ayshe, eine derart positiv ausgestattete Bitte-Bitte-Identifikationsfigur, dass man schon aus Trotz zum Islamisten werden könnte. Sie ist freundlich, intelligent, Koran-bewandert, fromm - und steht trotzdem felsenfest auf dem Boden der "freiheitlich demokratischen Grundordnung".

Alle paar Seiten unterbrechen kurze Erklärtexte den Comic-Strip, die Themen wie "Trennung Staat - Religion" oder "Feindbild Westen" erläutern. Sie sind inhaltlich gut und sinnvoll, sprachlich aber manchmal etwas sperrig.

Dasselbe gilt für den äußerst optimistisch getauften Anhang "Was ihr schon immer über Islamismus wissen wolltet". Textprobe: "Die Bestrebung, die deutsche Verfassungsordnung durch eine religiös legitimierte Ordnung zu ersetzen, ist stets verfassungsfeindlich". Spätestens da dürften dann im Klassenzimmer doch wieder die Spuckebällchen fliegen.

Aber interessant wäre es schon dabei zu sein, wenn das Heft in der, sagen wir, zehnten Klasse einer Realschule in Oer-Erkenschwick mit hohem Ausländeranteil durchgenommen wird. Man kann sich gut vorstellen, dass es zu faszinierenden Diskussionen kommt - und vielleicht gar nicht so sehr über Dschihadisten á la Harun, sondern eher über Muslime in Deutschland, ihren Glauben und ihre Autoritäten. Denn auch diese Aspekte spielen in dem Comic eine große Rolle.

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insgesamt 6 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.10.2007 von Datenscheich: Allahs Superhelden

Na, ob sich das NRW-Innenministerium vielleicht hiervon hat inspirieren lassen?! Die 99 gibt's schon seit ein paar Monaten... http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26456/1.html mehr...

28.10.2007 von rosomak: Folgerungen

Was die Wirksamkeit anbelangt handelt es sich wohl so oder so um eine maßlose Mittelverschwendung. Interessanter sind die Schlußfolgerungen die man unmittelbar ziehen kann, wenn man sich mal vergegenwärtig, was es bedeutet, dass [...] mehr...

28.10.2007 von Wallenstein: Neue Schulbücher braucht das Land.

Gegen die Methode ist nichts einzuwenden. Inhaltlich ist der Comic doch sehr fragwürdig. Eine selbstbewußte Ayshe überzeugt islamisch erzogene Jungen keinesfalls. Da wäre es sinnvoller jemanden aus dem Kreis des Zentralrats [...] mehr...

28.10.2007 von Zyklotron: Traurig, aber wahr.

Ich fürchte, Wallenstein trifft es auf den Punkt. mehr...

28.10.2007 von furtherinstructions: Holy Cow Batman!

Superidee. Aufklärung als Grafiknovelle, nicht schlecht. Man darf ja auch nicht vergessen daß schon die Klassiker im Comicgeschäft, von Supi bis Captain America, in den Vierzigern gegen Nazis und Japaner erfolgreich im Einsatz [...] mehr...

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