Von Anna Reimann und Carsten Volkery
Berlin - Muhabbet sitzt auf einem weißen Sofa und knetet nervös seine Hände. Der 23-jährige Sänger wartet auf die Außenminister von Deutschland und Frankreich, Frank-Walter Steinmeier und Bernhard Kouchner. "Es ist superpositiv und cool von Herrn Steinmeier, das zu machen", sagt Muhabbet zu den Journalisten, die sich in der Loftetage im Hinterhof auf der Grenze von Kreuzberg und Neukölln drängeln.
Es kommt in der Tat nicht alle Tage vor, dass zwei Außenminister sich in einen Problemkiez begeben, um in einem Tonstudio den Refrain eines neuen Songs aufzunehmen. "Und, singen wir jetzt?", fragt Kouchner ungeduldig, sobald er sich neben Muhabbet auf das enge Sofa gezwängt hat. Der Gast aus Frankreich findet das Setting charmant. Deutsch-französische Ministerräte fänden ja normalerweise in einer anderen Atmosphäre statt, sagt er. Man solle sich viel öfter so treffen, schlägt er seinem Kollegen Steinmeier vor. Muhabbet reagiert sofort: "Hier gibt es jeden Tag Tee."
Die Räume gehören Plak Music, einem kleinen Musiklabel für "türkische Musik - made in Germany". Kennern gilt der in Köln aufgewachsene Muhabbet, alias Murat Ersen, als König des türkischen Pop. Der von ihm geprägte Musikstil heißt R'nBesk - eine Mischung aus dem amerikanischen R'n'B (Rhythm and Blues) und Arabesk, einer klagenden türkischen Volksmusik. Politiker sehen in Muhabbet vor allem ein Vorbild für deutsch-türkische Integration. Darum durfte er Steinmeier vergangenes Jahr auf einer Türkeireise begleiten und wurde zur Weihnachtsfeier des Auswärtigen Amts eingeladen. Und nun kommt der Minister sogar persönlich nach Neukölln, um den Refrain der neuen Single mitzusingen. Dem Videomitschnitt, der auf YouTube eingestellt werden soll, dürfte dies wegen des eher ungelenken Gesangs umgehend Kultstatus verleihen.
Steinmeier stellt Merkel in den Schatten
"Ich bin kein Rapper, ich singe", erklärt Muhabbet. Er wolle nicht wie die Rapper negative Botschaften senden, sondern eine "Liebesbotschaft". In den Medien fänden sich immer nur negative Sensationsmeldungen über Migranten. "Wir wollen eine positive Sensation". Darum hat er den Song "Deutschland" getextet, dessen Refrain lautet: "Deutschland, warum verschließt du dich? Deutschland, leg deine Karten auf den Tisch". Der Part der Minister ist simpel: Sie müssen nur das Wort "Deutschlaaand" und später auch noch "Frankreeeich" singen - zu einer arabisch klingenden Melodie.
Sämtliche Minister sind heute mit ihren französischen Amtskollegen ausgeschwärmt, um Integrationsprojekte in Berlin zu besichtigen. "Wir haben beschlossen, es ist vielleicht gut, wir gehen mal raus", erklärt Merkel die Aktion. So besuchen die Minister ein Diakoniezentrum (Justizministerin Brigitte Zypries), pfeifen ein Fußballspiel im Wedding (Innenminister Wolfgang Schäuble) und sehen sich ein Jugendkunstprojekt in Kreuzberg an (Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Kulturstaatsminister Bernd Neumann).
Merkel: "Die Deutschen sind manchmal zu scheu"
Und im bürgerlichen Reinickendorf, Kilometer entfernt von den sozialen Brennpunkten Berlins, stellen sich Merkel und Sarkozy den Fragen von einem Dutzend ausgewählten Schülern. Rund tausend weitere hören zu - per Videoschalte in die Turnhalle. Die meisten sind Migranten von Berliner Gymnasien, Gesamtschulen und Hauptschulen. In der Diskussion geht es um "Sprache als Schlüssel der Integration", um Gleichberechtigung, um "Assimilation oder Integration", um Merkels Forderung nach deutschen Seiten in dem Massenblatt Hürriyet - und um Stigmatisierungen von Migranten in den Medien.
Und es geht darum, publikumswirksam und basisnah politische Forderungen zu verbreiten.
"Angela und ich sind die erste Generation von Deutschen und Franzosen, die nicht gegeneinander kämpfen und ihr müsst die Fackel weitertragen", beginnt Sarkozy. Frankreich und Deutschland seien keine Festungen – aber wer komme, der müsse eben auch die "Zivilisation respektieren". Frankreichs Präsident spricht von einem "doppelten Willen", davon, dass sich beide Seiten anstrengen müssten.
Ob sie denn fänden, dass sich Migranten noch mehr der Kultur in Deutschland und Frankreich anpassen müssten oder ob sich Deutsche und Franzosen mehr auf die Kultur der Einwanderer einstellen müssten, will eine Schülerin von den beiden Konservativen wissen.
"Die Deutschen sind manchmal zu scheu, um Einladungen auszusprechen", aber die Migranten nähmen sie auch nicht immer an, sagt Merkel. "Es wäre gut, wenn ihr nicht alle Zurückweisungen darauf zurückführt, dass ihr Migranten seid". Ihr Tipp: "Geht selbstbewusst auf die anderen zu."
"Ihr bleibt, was ihr seid, aber ihr achtet das Land - nicht mehr und nicht weniger", verkündet Sarkozy - und macht gleich klar, dass Einwanderung seine Grenzen haben müsse. "Integration kann nicht für alle gelten, der erste Gegner der Integration ist die illegale Einwanderung."
Steinmeier groovt - mit einem Lächeln auf den Lippen
Warum denn nicht auch in Deutschland im Kabinett Migranten säßen, wie in Frankreich Justizministerin Rachida Dati, fragt ein Mädchen. Es ist die einzige klare Antwort, die der Bundeskanzlerin heute zu entlocken ist. "Ja, es ist an der Zeit, dass auch die CDU türkischstämmige Abgeordnete hat", sagt Merkel. Ihre eigene Partei habe sich "eine ganze Weile lang gesträubt", die Zeit zu überwinden, in der Migranten noch als "Gastarbeiter" bezeichnet wurden.
Die stärksten Bilder aber, die für die Titelseiten der Zeitungen, liefert nicht die Kanzlerin, sondern der Außenminister. Steinmeier hat im Studio die Krawatte ausgezogen und die Hemdsärmel aufgekrempelt. Große Kopfhörer überm Ohr, das Mikro vor der Nase, wippt er im Takt und singt immer wieder "Deutschland", "Deutschland". Dabei lächelt er versonnen. Neben ihm gibt Muhabbet mit vielen Gesten das Tempo vor, daneben groovt der Franzose Kouchner und schnipst mit den Fingern.
Nach wenigen Minuten ist die Aufnahme vorbei, die Minister rauschen ab. Zurück bleiben schwer beeindruckte deutsch-türkische Jugendliche. "Die Typen waren richtig geil", sagt der 17-jährige Sefer Tatlicioglu, der den Text zusammen mit Muhabbet geschrieben hat. "Äh, ich meine, die Außenminister waren echt locker."
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