• Drucken
  • Senden
  • Feedback
21.11.2007
 

Streit um angeblichen Ghettoisierungsplan

Wohnungsgesellschaft weist Vorwürfe zurück

Von Anna Reimann

Die Nassauische Heimstätte, eine der größten deutschen Wohnungsgesellschaften, will ethnische Ghettos in deutschen Großstädten fördern - das steht in einem Zeitungsbericht. Politiker reagierten empört. Jetzt wehrt sich die Wohnungsgesellschaft aus Hessen gegen die Vorwürfe.

Berlin - Die Meldung, die seit gestern für große Aufregung in der hessischen Landespolitik sorgt, war ziemlich versteckt. Auf Seite 23 schrieb die "Welt", der Geschäftsführer der hessischen Wohnungsgesellschaft Nassauische Heimstätte habe bei einer Veranstaltung in Berlin gesagt, man setze auf "einheitliche ethnische Nachbarschaften in Milieuhäusern". Eine 75-jährige deutsche Großmutter habe ein anderes Verständnis von Sauberkeit und Erziehung als eine junge Migrantenfamilie, zitiert die Zeitung Thomas Dilger.

Banlieu in Paris: "Wohnungsbau will Mieter nach Herkunft sortieren"
Zur Großansicht
AFP

Banlieu in Paris: "Wohnungsbau will Mieter nach Herkunft sortieren"

Weiter habe der Geschäftsführer erklärt: Die Nassauische Heimstätte achte bei der Vergabe leerstehender Wohnungen deshalb darauf, dass nur noch Mieter aus ähnlichen Kulturkreisen in einem Wohnhaus zusammenleben. Die Begründung Dilgers: Die Kunden wollten mit Nachbarn zusammenleben, die ähnlich dächten und fühlten wie sie.

Ist das die Konterkarierung aller integrationspolitischen Bemühungen, ethnischer Ghettobildung in Deutschlands Großstädten entgegenzuwirken? Es wäre tatsächlich das erste Mal, dass eine deutsche große Wohnungsbaugesellschaft - die Nassauische Heimstätte betreut insgesamt 64.000 Wohnungen - sich dafür ausspricht, Wohnungen in Zukunft nach der Ethnie zu vermieten.

Dementsprechend groß ist die Empörung: "Wohnungsbau will Mieter nach Herkunft sortieren", titelt die "taz" heute, "Geschlossene Gesellschaft" überschreibt die "Süddeutsche Zeitung" einen Bericht über den angeblichen Vorstoß aus Hessen.

Koch: "Kapitulation vor den Problemen"

Schließlich schaltete sich sogar der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in die Causa ein, gehört seinem Bundesland doch die Mehrheit an dem Unternehmen Nassauische Heimstätte. Eine Vermietung von Wohnungen getrennt nach Nationalitäten sei der völlig falsche Weg und eine Kapitulation vor zweifellos vorhandenen Problemen bei der Integration darstellt, erklärte Koch.

Heftige Kritik von Seiten der Politik - der Bericht sei falsch, erklärt indes die Nassauische Heimstätte. Geschäftsführer Dilger sei in der "Welt" verkürzt wiedergegeben worden. Man setze auf weiterhin "gute Nachbarschaft", heißt es in einer Pressemitteilung.

Es gehe nicht um eine ethnische Trennung, "das ist und war nie Politik des Hauses", erklärte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Es gebe auch kein derartiges Konzept.

Vielmehr sei es so, dass man bei der Zusammensetzung der Mieterschaft sensibel vorgehen müsse - dabei gehe es aber nicht um die Herkunft der potentiellen Mieter, sondern um Einstellungen und Lebensweisen. "Ein strenggläubiger Muslim wird sich genauso über ein türkischen Mädchen aufregen, das mit bauchfreiem T-Shirt herumläuft, wie über ein deutsches Mädchen in entsprechender Kleidung", so der Sprecher.

"Probleme vor Ort angehen"

Unterdessen kämpfen Integrationspolitiker für ein deutliches Bekenntnis zu gemischtem Wohnen. Die Integrationsbeauftragte der Berliner Wohnungsgesellschaft Gesobau, Barbara John, sagte zu SPIEGEL ONLINE: Wohnungen nach ethnischen Gesichtspunkten zu vergeben, würde bedeuten, das Rad zurückzudrehen. Im Übrigen werde in Migrantenfamilien oft viel stärkerer Wert auf Sauberkeit gelegt.

"Man darf Gruppen nicht wieder trennen, sondern muss Konflikte in der Hausgemeinschaft angehen", so John. Die Gesobau erarbeite deshalb etwa Hausordnungen zusammen mit den Mietern.

Klare Worte auch aus dem Büro der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU): Zu den Vorwürfen gegen die Nassauische Heimstätte wollte Roths Sprecher zwar nichts sagen. Die Stadt Frankfurt sei aber dazu übergegangen, die städtischen Wohnungen nicht an andere Gesellschaften zu verkaufen, um eine Integration über den Wohnungsmarkt besser erreichen zu können, sagte Gunter Stemmler zu SPIEGEL ONLINE.

Die gesetzlichen Grundlagen - etwa das Antidiskriminierungsgesetz, das es Vermietern untersagt, Mieter aufgrund ihrer Herkunft abzulehnen, reiche nämlich nicht immer aus.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 213 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
28.01.2008 von sterz:

Ok, der Ausgewogenheit halber: Es gibt sicher genausoviele bzw. -wenige rücksichtslose Deutsche wie ausländische Mieter. Als bestes Beispiel kann ich mich selbst anführen, der als deutscher Jugendlicher seine umliegenden [...] mehr...

28.01.2008 von mbberlin:

Gottseidank sind alle deutschen Mieter von Hause aus rücksichtsvoll... mehr...

28.01.2008 von sterz:

...aber nur tagsüber. Im übrigen kann auch ein deutscher Bildungsbürger sehr viel Lebensfreude empfinden. Nur weil man damit nicht das halbe Mietshaus unterhält, muss man ja nicht unbedingt verhärmt sein... vielleicht ist man [...] mehr...

28.01.2008 von annew:

Da gebe ich Ihnen Recht, allerding nur bedingt, weil meiner Meinung nach die Mentalität oder das Temperament eben wenig mit der Ethnie zu tun haben. Momentan lebt unter mir eine 5-köpfige spanische Familie- ich hatte noch nie [...] mehr...

28.01.2008 von mbberlin:

Mir sind lebensfrohe ausländische Nachbarn wesentlich lieber, als geistig verhärmte deutsche Bildungsbürger. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP