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25.11.2007
 

Grünen-Parteitag

Jauch statt Bütikofer

Die Grünen verkörpern mit ihrem verdrucksten Auftreten den geleeartigen Zustand der Opposition. Bleibt die Partei weiter so pomadig, dann droht ihr Konkurrenz wie in anderen Ländern, wo Charismatiker wie Gore, Schwarzenegger oder der TV-Journalist Hulot längst die Bewegung vorantreiben. Ein Zwischenruf von Franz Walter.

Damit dürfte auch zusammenhängen, dass man trotz allen Verdrusses über die Große Koalition die drei Oppositionsparteien im Deutschen Bundestag vor und nach Parteitagen öffentlich kaum mehr wahrnimmt. Vor allem gilt das für die Grünen, die nach dem kurzfristigen Rummel über ihr Parteitreffen in Nürnberg schon im Laufe dieser Woche ziemlich sicher wieder in die Kulissen des politischen Theaters abtauchen werden. Gerade die Grünen verkörpern in ihrem chronisch verdrucksten öffentlichen Auftritt den geleeartigen Zustand der Opposition.

Grünen-Vorstand Bütikofer, Roth: Immergleiche Gesichter
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REUTERS

Grünen-Vorstand Bütikofer, Roth: Immergleiche Gesichter

Denn die Grünen mögen gar nicht Opposition sein. Sie trachten vielmehr mit beflissenem Eifer danach, als ehrbar, erwachsen, vernünftig, eben regierungsfähig und regierungsbereit zu erscheinen. Um nichts in der Welt wollen die führenden Grünen mit der Unordnung der frühen Jahre in Verbindung gebracht werden. Fast noch stärker als ihre Konkurrenten legen Grüne allerhöchsten Wert darauf, als besonders ideologiefrei, unsentimental, kühl, sachlich und nüchtern zu gelten.

Niemand soll ihnen theoretische Flausen, kindsköpfige Utopien oder verstiegene Visionen nachsagen können. Die Grünen lechzen danach, als kühle Profis des politischen Geschäfts Anerkennung zu finden. Daher war der Göttinger Sonderparteitag im September für das Establishment der Ökopartei geradezu eine Art GAU. Und deshalb hatte die grüne Hierarchie vor dem Nürnberger Bundesparteitag alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, um Unordentliches, Ideologisches, Basisradikales nicht zum Durchbruch kommen zu lassen.

Auf den Bildschirmen sieht man die immergleichen pausbäckigen Gesichter

Dabei spricht einiges dafür, dass sich gerade in der Frage der Ökologie aus dem Zentrum der Gesellschaft heraus ein Stück Reideologisierung entwickelt. Unverkennbar jedenfalls ist, dass mehr und mehr bessergestellte Bürger zu Beginn des 21. Jahrhundert von ihrem genuinen Kernthema umgetrieben werden: Gesundheit, Klimawandel, Ernährung. In diesen Dingen kennen zumindest die mittelschichtigen Menschen plötzlich keinen Spaß, dulden kein launiges laissez faire mehr. Verbote von oben und Selbstverbote von unten werden allmählich zur selbstverständlich akzeptierten Regel. Wer weiterhin raucht und sich körperlich nicht fit hält, hat es nicht leicht bei denen, die Einfluss auf den Geist der Zeit haben.

Es sind jedenfalls im weiten Sinne ökologische Imperative und Kodexe, die derzeit die Gemüter in neu-bürgerlichen Kreisen bewegen. Und ohne große eigene Anstrengungen profitieren selbst die eher schüchtern und leise agierenden bundesrepublikanischen Grünen von dieser transnationalen Mentalität. In Deutschland steht die Öko-Partei bei der Sonntagsfrage immerhin bei knapp 10 Prozent; in einigen Bundesländern messen Demoskopen gar Werte von 13 Prozent und mehr, so in Berlin, Baden-Württemberg, Hamburg und Bremen.

Zugleich hat man dennoch keineswegs den Eindruck, dass grüne Politiker die Debatten um Umweltfragen inspirationsreich prägen, dass sie mit originären Konzepten an der Spitze neuer Sensibilitäten und Bewegtheiten marschieren. Auf den Bildschirmen sieht man vielmehr, wenn die erste Garnitur der Grünen in Talkrunden sitzt, lediglich die immergleichen pausbäckigen Gesichter eines bemerkenswert saturiert daherkommenden Politzirkels. Einst präsentierte sich die frühere Partei Petra Kellys stets ein Stückchen zu aufgeregt, zu überdreht, zu schrill. Heute wirkt sie wie eine veritable politische Schlaftablette.

Bleibt die Partei weiter so pomadig, dann droht ihr womöglich öko-charismatische Konkurrenz. Man konnte das in diesem Jahr sehr pointiert in zwei kulturell, politisch und demographisch höchst unterschiedlichen Ländern beobachten: In Frankreich und Island. In Frankreich war es der Fernsehjournalist Nicolas Hulot, der seit den achtziger Jahren die Natursendung Ushuaia moderierte und dank seiner intelligenten Reportagen zu einem der populärsten Franzosen wurde.

Dieses Renommee nutzte er, um als Eisbrecher für die Ökologie in der französischen Politik zu agieren. Seinen "Pacte écologique" hatten im Internet nahezu eine Millionen Franzosen unterzeichnet, darunter während des Wahlkampfes auch Nicolas Sarkozy, der als dann gewählter Präsident Ende Oktober in einem Entwurf für ein grünes Frankreich in der Tat viel von dem aufgenommen hat, was Hulot zuvor auf die Agenda gesetzt hatte. "Ich hätte nicht gedacht", kommentierte dieser daher sichtlich zufrieden, dass man "binnen weniger Stunden" so viel erreichen könne.

Der neue Typus des Weltverbesserers lauert irgendwo zwischen Jauch und Kerner.

Eine ähnliche Aufmerksamkeit hatte in Island zuletzt zeitweise Ómar Ragnarsson erreicht, der dortige "Reporter des Jahres 2003", der für den Erhalt der empfindlichen Ökosysteme der Insel warb und die Verhinderung des Kárahnjúkar-Staudamms betrieb. Parallel dazu hatte der außerordentlich beliebte Kinderbuchautor Andri Snaer Magnason, ebenfalls mit Hilfe des Internets, ein auf das gleiche Ziel gerichtetes Memorandum unter dem Titel "Grau oder Grün" verbreitet, das - trotz des Vetos einiger mächtiger Parteizentralen - dennoch die Unterschriften etlicher Parlamentariern bekam. Die politischen Kräfteverhältnisse Islands waren durch diese Aktionen ein Stück weit neu konfiguriert worden.

Dergleichen internet- und mediengestützte Ökoaktionen charismatischer Prominenz liegen gleichsam in der Luft; und das keineswegs nur in Paris und Reykjavík. In der Tschechischen Republik hat Martin Bursík, ein eloquenter Kommunikator mit exklusivem Lebensstil, die dortigen Grünen im Jahr 2006 nach oben katapultiert. Die Resonanz von Al Gore, auch von Leonardo Di Caprio, zuletzt selbst die von Arnold Schwarzenegger im inszenierten Umweltschutz weisen ebenfalls auf einen Trend zum medial betriebenen Ökocharisma hin.

Dass der Mix aus Fernsehprominenz und Weblog-Kampagne Massen mobilisieren und gar einen Medientycoon zittern lassen kann, zeigte das Beispiel des italienischen Schauspielers und Komikers Giuseppe Grillo, der - oft als Michael Moore Genuas bezeichnet - im Gestus des modernen Bürgerrechtlers mit Hilfe eines enorm erfolgreichen Blogs Zehntausende gegen Silvio Berlusconi auf die Straße zu bringen vermochte.

Kurzum: Wenn die Partei der Grünen nicht aufpasst, dann werden es nicht der Herr Bütikofer oder die Frau Roth sein, die an der Spitze einer erwartbaren Öko- oder Bürgerrechtsbewegung marschieren. Der neue Typus des voranschreitenden Weltverbesserers lauert vielmehr irgendwo zwischen Jauch und Kerner.

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