Mittweida - Der Ort kommt nicht zur Ruhe. Eigentlich wollten die Menschen in dem Städtchen in der Erzgebirgsregion gestern gemütlich auf ihrem Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinken und sich die Musikparade der Bergbrüderschaft "Alte Hoffnung Erbstolln" aus Gersdorf und der Bergknappschaft Biensdorf/Falkenstein ansehen. Danach sollte es einen Kinderumzug zum Thema "Bunte Märchenwelt" geben. Viele Menschen waren nach Mittweida gekommen, um einen besinnlichen Nachmittag zu verbringen.
Aber daraus wurde nichts. Bevor die Kapelle ihren ersten Ton spielte, kamen die Neonazis. Rund 150 bis 200 Rechte zogen durch die Innenstadt, schwenkten ihre Fahnen, riefen Parolen und verteilten Propagandazettel. Der Aufmarsch war weder angemeldet noch erlaubt - die Polizei wurde gerufen. Die Parade konnte nicht starten, statt Bergmännern und Adventsbesuchern standen Neonazis und Polizisten auf dem Weihnachtsmarkt.
Erst am 3. November hatten Neonazis in Mittweida einer 17-Jährigen ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt haben - sie war einem weinenden sechsjährigen Spätaussiedlermädchen zu Hilfe gekommen, die von den vier glatzköpfigen Männern herumgeschubst worden war.
Von Hakenkreuztätern fehlt bisher jede Spur
Die Polizei setzte eine Belohnung von 5000 Euro für Hinweise zur Ermittlung der Täter aus. Ein 19-jähriger Tatverdächtiger aus dem Raum Burgstädt wurde festgenommen - er soll die 17-Jährige mit festgehalten haben. Bei der Durchsuchung seines Zimmers in der elterlichen Wohnung fand die Polizei laut eigenen Angaben unter anderem Datenträger und einen Button mit dem Aufdruck "Sturm 34". Später wurde der junge Mann wieder freigelassen, der Tatverdacht reichte nicht aus für einen Haftbefehl.
Bislang haben sich den Angaben zufolge noch keine Augenzeugen gemeldet. Obwohl nach Angaben der 17-Jährigen zahlreiche Menschen, die sich auf Balkons umliegender Häuser aufhielten, den Überfall mitverfolgt haben , gibt es nur zwei Phantombilder.
Die Tat brachte Mittweida in ganz Deutschland und auch international in die Schlagzeilen. Die Menschen in dem 16.000-Einwohner-Ort waren geschockt: Bürgermeister Matthias Damm (CDU) schrieb über 100 Briefe an Anwohner und bat sie, zur Polizei zu gehen, wenn sie etwas wissen oder gesehen haben. Studenten organisierten eine Demonstration, an der 400 Menschen teilnahmen. Und jetzt marschierten die Rechten wieder in Mittweida über den Weihnachtsmarkt.
Eigentlich wollten die Neonazis in Bautzen marschieren
Eigentlich hatten die Rechtsextremen in Bautzen marschieren wollen, was ihnen aber verboten worden war. Gestern beobachtete die Polizei, dass sich die Neonazis auf den Weg nach Mittweida machten.
In der Vergangenheit hatte es schon mehrfach Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund in Mittweida und im ganzen Landkreis gegeben. Verantwortlich dafür ist wohl die Neonazi-Kameradschaft "Sturm 34". Rund 50 Rechtsextreme sollen laut Verfassungsschutz zum engsten Kreis gehören, zudem gebe es an die 100 Sympathisanten. Im April hatte Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) die Gruppe verboten.
maf/dpa
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