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10.12.2007
 

Oettingers gescheiterte Ehe

Die neue Kantinen-Mentalität

Von Franz Walter

Trennungen und Scheidungen - für Strauß und Dregger noch undenkbar, für Wulff und Oettinger kein Problem. Unionspolitiker profitieren vom Zerfall der Normen, mit denen sie früher Wahlen gewannen. Doch das "Jeder-wie-er-mag-Verhalten" ist gefährlich für die Konservativen.

Göttingen - Ein christdemokratischer Ministerpräsident erklärt öffentlich, dass er und seine Frau getrennte Wege gehen wollen. Als liberale Menschen sagen wir auch hier: Seine Sache. Und: Ihm, natürlich ebenfalls seiner Frau, alles Gute! Hoffentlich trifft ihn in den nächsten Wochen nicht das, was in den früheren Jahren zuweilen einige Rote und Grüne erlebten, wenngleich politisch ohne allzu negative Folgen. In altchristdemokratischen Kreisen jedenfalls galt das Paarungsverhalten von Fischer und Schröder als verwerflicher Ausdruck einer wertentbundenen unbürgerlichen Lebensweise. Mit der Empörung darüber konnten auch sonst ganz und gar moderne CDU-Strategen die eigenen Kerntruppen verlässlich in die Wahlkämpfe schicken. Damit dürfte es vorbei sein. Mindestens kulturell-lebensweltlich also wird das Land immer mehr zu einer Allparteienkoalition.

Zugleich wird das traditionelle Terrain der Christdemokraten schmaler, da immer weniger Menschen im nachtraditionellen Deutschland noch folgsame Schüler päpstlicher oder episkopaler Moralimperative sind. Diese sozialkulturelle, von den Roten und Grünen kräftig geförderte Entwicklung öffnete den Raum eben auch für christdemokratische Führungsleute, neue Liebes- und Paarbeziehung zu beginnen. In den ersten Jahrzehnten der rheinisch-katholisch geprägten Alt-Bundesrepublik wäre das für einen prominenten CDU-Repräsentanten politisch sehr viel weniger gefahrlos gewesen, weil er damit in den eigenen Reihen und der dort produzierten gesellschaftlichen Normmentalität auf Widerstand und kräftige Ablehnung gestoßen wäre.

Insofern profitieren nun auch christdemokratische Spitzenpolitiker ganz privat von einer Entwicklung, die für die Union auch Probleme bereit hält. Schließlich sind die Vorboten davon bereits seit Ende der neunziger Jahre unschwer zu erkennen. Denn durch die Abschwächung des einst so emotionalisierenden kulturellen Konflikts mit der moralisch als lasziv gekennzeichneten Linken gelingen der CDU keine Kulturkämpfe mehr. Die militante Gesinnungsfront dafür ist zerbröselt. Die normative Basis in der christlichen Anhängerschaft ist nach vielen Jahrzehnten homogener Eintracht gesprengt; die einst tief konservativen Moralüberzeugungen, Ethiken, Glaubensinhalte im Bürgertum Deutschlands haben sich seit den sechziger Jahren gelockert und gelöst. Das junge und mittelalte Bürgertum in Deutschland ging und geht ebenso zweite und dritte Ehen ein, will sich ebenso wenig für alle Zeiten in Partnerschaften, Religionsgemeinschaften und lokalen Sozialkontrollen zwingen und festbinden lassen wie der früher gerade deshalb wütend geächtete linke Gegner. So gesehen hat "68" , zumindest in dieser Beziehung, tatsächlich gewonnen.

Für die CDU als Partei wird es dadurch schwieriger. Man kann es derzeit in Hessen gut beobachten. Gerade hier verstand sich die Union über Jahrzehnte als politische Kampfgemeinschaft. Doch solche Truppen brauchen das fest umrissene Feindbild. Das aber ist eben bestenfalls schemenhaft nur noch zu erkennen, da man sich ihm selbst im Lebensstil den früheren Gegnern weitgehend angenähert hat. Zu den kittenden Feinden der Christlichen Union gehörten einst insbesondere auch die Kritiker des Nationalen, die Polemiker gegen Heimat und Patriotismus. Doch dieser Typus befindet sich heute massenhafter im global agierenden Bürgertum als unter den Schutz- und Protektionssozialisten der eher kleinbürgerlichen Restlinken.

Adieu Bürgertum

Nach dem Niedergang des östlichen Staatssozialismus blieb den Christdemokraten alten Schlages eine Zeitlang noch eine genuine bürgerliche Lebensweise, das distinguierte Kulturelle, das konservativ Moralische. Nun also ist auch das perdu. Die Dämme, welche die Union gegen die Kulturrevolte, den Hedonismus, den libertären Postmaterialismus errichtet hatte, sind gebrochen. Die neue christdemokratische Parteielite hat die Waffen gegen das, was die Filbingers, Strauß’ und Dreggers noch verächtlich den "Zeitgeist" nannten, gestreckt. Die christdemokratischen Anführer goutieren nun selbst, jeder für sich, die Vorzüge bindungsoffenerer Individualität.

Konservativ-katholische Prinzipienorthodoxie ist unter den Führungsfiguren der CDU jedenfalls rar geworden, ohne dass vergleichbar tief wurzelnde, lagerüberspannende Einstellungsmuster an ihre Stelle getreten wären. Die Liberalisierung der Partei war gewiss fällig geworden. Doch sie hat dabei unzweifelhaft zu einer spirituellen Leere geführt. Etwas überspitzt formuliert: In der modernen CDU herrscht normativ gleichsam eine Kantinenmentalität. Man nimmt sich aus den Vitrinen, was kulinarisch jeweils gefällt. Daher fällt auch das neue Programm der CDU so auffällig sammelsurisch aus. Deshalb wirkt die CDU im Jahr 2007 wie eine normativ mäandernde Assoziation, der kaum noch etwas elementar wichtig ist.

Merkwürdig ist das schon. Denn schließlich: In den Tiefenschichten der Gesellschaft wachsen die Bedürfnisse nach Bindung, Zuordnung, Sicherheiten, wenn man so will: nach Verlässlichkeit, Gemeinschaft, Glaubwürdigkeit. Kaum einmal in den letzten vierzig Jahren war das kulturelle Terrain infolgedessen günstiger für eine Politik der Authentizität, der überzeugenden inneren Haltung, der Beheimatung in stabilen Beziehungen und Normen. Doch vagabundieren diese Einstellungen derzeit ohne politsche Repräsentanz durch die Flure der Republik.

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Da ist mir doch ein Nachkriegs-Ministerpräsident weitaus lieber, der sich scheiden lässt als ein Ex-Marinerichter, der noch nach Waffenstillstand zu Gefängnisstrafen verurteilt hat. mehr...

11.12.2007 von rabenkrähe: Deutsche Tugenden

....... Oettingers Freund Filbinger wird sich im Grabe umdrehen, wo bleiben nur die deutschen Tugenden, da eine Ehe noch bis zum Tod geschlossen wurde??!-:))) rabenkrähe mehr...

11.12.2007 von rio_riester: Allgemeine Bewertung

Ich finde die Artikel von Franz Walter meistens interessant und scharfsinnig. Darum ein kleines Dankeschön an den Prof aus Göttingen! mehr...

11.12.2007 von Cancun: Hab ich was verpasst?

Ole von Beust wurde bereits vor vier Jahren als Schwuler geoutet - und trotzdem dieses Jahr mit 98% auf Platz eins seiner Landesliste gewählt. Sind so eine läppische Scheidung oder auch ein Gspusi a la Seehofer dagegen nicht [...] mehr...

10.12.2007 von Vaterliebe: oder er hat sich für uns geöpfert

Nur weil seine Frau sich von ihm trennen will, heißt lange kein Zerfall des Spitzenpolitikers in die 'Vorzüge bindungsoffenerer Individualität.' Ganz im Gegenteil: Wenn er selbst der verlassene Ehemann ist, wie es sich anhört, [...] mehr...

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