SPIEGEL ONLINE: Frau Saalfrank, mehrere tote Kinder sind in der vergangenen Woche gefunden worden, getötet von ihren Müttern. In Schwerin verhungerte vor einigen Wochen die kleine Lea-Sophie. Sind Vernachlässigung und Kindesmisshandlungen ein reines Unterschichtenproblem?
Saalfrank: Das würde ich pauschal so nicht sagen, Vernachlässigung - auch emotionale - zieht sich häufig durch alle gesellschaftliche Schichten. Solche Dinge passieren immer dann, wenn Menschen überfordert und alleine sind - und das sind sie wegen ganz unterschiedlicher Faktoren. Finanzielle Schwierigkeiten sind nur ein Aspekt. Im Übrigen denke ich, dass es Kindstötungen und Vernachlässigungen auch schon immer gegeben hat. Seit einiger Zeit wird einfach mehr darüber berichtet - die Sensibilität ist zum Glück gestiegen.
SPIEGEL ONLINE: Wird in Familien, die sozial besser gestellt sind, denn anders gequält? Psychologen berichten zum Beispiel davon, dass Eltern als Strafe den Lieblingsteddy des Kindes verbrennen. Ist solch seelische Gewalt typisch für die sogenannte Mittelschicht?
Saalfrank: Ich spreche ungern von Schichten und mag Menschen nicht in Gruppen einteilen. Es kann jedem von uns passieren, dass er von einem Tag auf den anderen seinen Job verliert. Ich mache keinen qualitativen Unterschied zwischen seelischer und körperlicher Gewalt. Diese findet in Familien aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen statt. Auch in reflektierteren, intellektuellen Familien, wo Menschen viele Bücher lesen, sich informieren und fest im Leben verankert scheinen, kann oft nicht eingeordnet werden, was für eine massive seelische Misshandlung es ist, den Lieblingsteddy des Kindes als "Strafe" zu verbrennen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist mit körperlicher Gewalt?
Saalfrank: Meiner Erfahrung nach stimmt der Eindruck nicht, dass es in sozial privilegierteren Familien nicht zu körperlicher Gewalt kommt. Oft zählt hier die Ohrfeige zum Alltag und Misshandlungen können in allen Familien vorkommen und haben etwas mit einer psychischen Belastung der Eltern zu tun. Man kann in solchen extremen Situationen schneller das Maß verlieren.
SPIEGEL ONLINE: In der RTL-Sendung "Die Super Nanny" sind meistens Familien zu sehen, die sozial benachteiligt sind. Warum bewerben sich keine Ärzte- und Anwaltsfamilien?
Saalfrank: Ich arbeite im Rahmen der Sendung nicht nur mit sozial benachteiligten Familien. Ich habe allerdings vor meiner Arbeit im Fernsehen auch als Pädagogin in der Familienberatung gearbeitet und die Erfahrung gemacht, dass z.B. Lehrer, Anwälte und Ärzte weniger in Beratungsstellen kommen. Es ist nicht so einfach, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Viele haben jedenfalls eine große Hemmschwelle und Angst vor dem Jugendamt - die ist immer noch weit verbreitet.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass die Jugendämter sorgfältig genug arbeiten?
Saalfrank: Ich will das nicht generalisieren. Es gibt Jugendämter, die sehr verantwortlich arbeiten und sofort einschreiten können. In anderen Ämtern wieder scheint die organisierte Verantwortungslosigkeit zu herrschen. Scheinbar weiß der eine nicht, was der andere macht - so zumindest meine Erfahrung, und das kann dann fatale Folgen für Kinder haben. Entscheidend ist jedoch immer, mit welchen Hilfen und Möglichkeiten die Jugendämter in die Familien gehen können - Hilfen müssen bewilligt und bezahlt werden. Geld ist dabei die eine Sache. Es ist meiner Meinung nach auch entscheidend, dass die Ämter mit genügend Personal und motivierten und gut ausgebildete Mitarbeiter ausgestattet sind.
SPIEGEL ONLINE: Als Pädagogin sind Sie in der Sendung "Die Super Nanny" oft mit Verwahrlosung konfrontiert. Gab es Bewerber, die sie abgelehnt haben, weil ihnen die Situation in der betreffenden Familie zu heftig war?
Saalfrank: Es kommt wohl vor, dass RTL und die Produktionsfirma manche Fälle an Ämter weiterleiten. Ich selbst allerdings arbeite mit den Familien, die der Sender auswählt und nehme dann meinen Auftrag sehr ernst. Die Familien haben einen hohen Leidensdruck. Würde ich da ablehnen, wäre es für mich, als ob man zum Arzt geht und der einen wieder wegschickt. Viele Familien fragen mich allerdings, ob ich auch ohne Kamera zu ihnen kommen würde. Meistens vermittele ich dann andere Hilfen, zum Beispiel Beratungsstellen im Internet. Ich bin eben auch nur eine ganz normale Pädagogin und kann nicht mehr leisten als gute Berater in Jugendämtern - auch wenn ich das Medium Fernsehen im Rücken habe.
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