SPIEGEL ONLINE: Es gibt zum Teil scharfe Kritik an Ihrer Sendung, weil sie gegen die Würde der Kinder verstoße. Wie rechtfertigen sie, dass unmündige Kinder ständig - auch im Schlaf - gefilmt werden?
Saalfrank: Ich stehe meiner Arbeit nicht unkritisch gegenüber, und es ist sicherlich eine Gratwanderung, derer ich mir bewusst bin. Ich halte es dennoch für wichtig, Gründe und Ursachen für schwierige Situationen, in die Menschen kommen können, sensibel zu erforschen und auch zu zeigen, unter welchen Umständen dann Kinder aufwachsen. Damit wird die Tabuisierung von Gewalt in der Familie auch ein Stück gebrochen. Es geht um das Verstehen. Ich bin oft überrascht, wenn in Schulen erwartet wird, dass Kinder "funktionieren". Oft wissen Außenstehende, etwa Lehrer, wenig über die familiären Umstände der Kinder und nehmen nur wahr, dass das Kind im Verhalten auffällig ist. Dabei verhalten sich die Kinder oft relativ gesund in einer oft "krankmachenden" Umwelt - nur können wir es nicht deuten.
SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Kameras aus sind - bekommen die Familien, in denen Sie im Rahmen der "Super Nanny" waren, hinterher psychologische Betreuung?
Saalfrank: Ja, es gibt ein Psychologenteam, das in Absprache mit mir die Familien direkt nach meiner Arbeit betreut und die Familien in Kontakt mit den Ämtern und anderen öffentlichen Einrichtungen bringt. Außerdem wird die Ausstrahlung der Sendung begleitet: An jedem Mittwochabend, an dem "Die Super Nanny" auf RTL läuft, sitzt eine Psychologin zusammen mit der Familie und schaut sich die Sendung an. Es gibt Gespräche darüber, was nach der Sendung passieren könnte. Die Familien sind nicht alleine, sondern erfahren durch die Gespräche noch einmal Wertschätzung für alle Schritte, die sie gegangen sind - nicht nur für die, die in der Sendung zu sehen waren.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie selbst, wie verkraften Sie es, wenn sie mitbekommen, wie ein Vater seinen dreijährigen Sohn beschimpft und massiv bedroht, wie neulich in einer Sendung?
Saalfrank: Diese Frage müsste man eigentlich allen Menschen stellen, die soziale Arbeit leisten. Für alle ist ihr Engagement auch oft belastend, für Altenpfleger, Ärzte, Krankenschwestern. Ich habe als Pädagogin die Möglichkeit, nach meiner Arbeit mit den Familien in eine Supervision zu gehen. Für mich ist das professionelle Gespräch mit einer Kollegin nach der Sendung notwendig, um meine "Kanäle" wieder frei zu bekommen und mit Kraft und neuem Engagement auf die nächste Familie zugehen zu können. Für viele andere ist das allerdings eine Kostenfrage. Lehrer, Sozialarbeiter bekommen dafür oft nicht die Möglichkeit - ihre Arbeit am Rande der Erschöpfung wird von der Gesellschaft häufig nicht wertgeschätzt.
SPIEGEL ONLINE: Fast drei Millionen Kinder leben in Deutschland in Armut. Was erwarten Sie von der Politik?
Saalfrank: Eltern muss wieder Mut gemacht werden. Familien müssen finanziell unterstützt werden, es muss Wertschätzung dafür geben, dass Menschen Kinder bekommen. Es ist schrecklich, wenn die Entscheidung für ein Kind zu einer rein finanziellen Rechnung wird. Aber auch das soziale Umfeld von Kindern braucht gute Rahmenbedingungen. Lehrer brauchen Entlastung und Kinder gute Bedingungen.
SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie damit?
Saalfrank: Meine Vorstellung von einem guten Schulmodell sind kleine Klassen mit doppelter Lehrerbesetzung und Supervisionen und Weiterbildung für Lehrer. Es ist extrem wichtig, dass Kinder, die in einem schwierigen Umfeld groß werden, zum Beispiel in Schulen Verständnis bekommen - dass ihr gesamter Kontext gesehen wird. Lehrer dürfen nicht nur registrieren, dass etwa ein Kind seine Hausaufgaben nicht macht, sondern müssen auch fragen, warum niemand da ist, der sich darum kümmern kann. Es darf kein Zufall sein, ob ein Kind an einen engagierten, verständnisvollen Lehrer gerät. Alle Kinder müssen auch auf der Beziehungsebene gestärkt werden. Das heißt, sie brauchen Anerkennung und Bestärkung. Hier sollten alle Kinder die gleichen Chancen haben.
Das Interview führte Anna Reimann
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