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Oskar Lafontaine Erreger des Jahres

2. Teil: Renaissance der Gerechtigkeitsdebatte

Das zweite Datum, das Lafontaine in diesem Jahr tiefe Genugtuung bringt, ist der 1. Oktober. Durch eine Meldung im SPIEGEL wird der Plan von SPD-Chef Beck publik, einen Teil der Agenda-2010-Reform zu korrigieren und die Kürzung der Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld I (ALG I) zurückzunehmen. Es ist ein beachtlicher Kurswechsel, die Agenda-Reformen waren in der SPD bis zu diesem Zeitpunkt unantastbar. Beck, lange Zeit Verfechter des unter Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeleiteten Reformkurses, tritt auf die Bremse. Es ist ein Befreiungsschlag Becks, dessen Partei zerrieben wird zwischen Union und der Linken. Der SPD-Mann sieht plötzlich ein "Glaubwürdigkeitsproblem" beim ALG I. "Wir sollten noch einmal darüber nachdenken."

Es wird viel nachgedacht - die folgenden Wochen führen zu einer regelrechten Renaissance der Debatte über soziale Gerechtigkeit. Einschneidende Reformen waren gestern, fortan wollen alle sozial gerecht sein. Das passt zum Klima in der Bevölkerung. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Deutschen soziale Gerechtigkeit in der Regierung für unterbewertet hält.

Zuerst handelt die SPD: Auf ihrem Parteitag im November schwenken die Genossen klar nach links. Michael Naumann, Spitzenkandidat der Hamburger SPD, einst Kulturstaatsminister und enger Vertrauter von Gerhard Schröder, hält eine Rede, die bei jedem Treffen der Lafontaine-Linken tosenden Applaus auslösen würde: "Immer mehr Suppenküchen für immer mehr Bedürftige, 1300 Obdachlose und 3000 Wohnungslose, das ist die Realität der Unionspolitik. Sie ist eine Schande für die reichste Stadt Deutschlands", sagt Naumann über die Hansestadt, in der er im kommenden Jahr Ole von Beust (CDU) als Bürgermeister ablösen will.

Mehr Arbeitslosengeld für Ältere und die Wiedereinführung der Vermögensteuer, so lauten zentrale Beschlüsse des Parteitages. Und den Begriff "demokratischer Sozialismus" will die SPD nicht länger der Lafontaine-Linken überlassen und schreibt ihn wieder ins neue Grundsatzprogramm. Die Linke nimmt die Metamorphose der SPD amüsiert zur Kenntnis: Die Leute könnten kaum mehr unterscheiden, "ob die Sätze von denen oder von uns sind", stichelt Linksfraktionschef Gregor Gysi über das neue Programm der SPD. Wir sind der Taktgeber, und die SPD läuft uns hinterher, das ist die Botschaft Gysis.

Kurt Lauk, Vorsitzender des CDU-Wirtschaftsrats, formulierte es so: "Lafontaine hat es geschafft, die SPD in Angst und Schrecken zu versetzen." Aber auch die Union treibt die Angst um. "Unser qualitativer Gegner heißt nicht Beck, sondern Lafontaine", gibt ein führender Unionspolitiker unumwunden zu.

Besorgt äußerte sich auch der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement: "Die Union folgt der SPD und die wiederum ist sehr fixiert darauf, was diese Lafontaine- und Gysi-Truppe macht", sagte der SPD-Politiker der Online-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung".

Auch CDU und CSU rücken 2007 nach links. Am 12. November fällt im Koalitionsausschuss die Entscheidung, die Bezugsdauer des ALG I zu verlängern - Vertreter von Union und SPD einigen sich in dem Gremium auf diesen Korrekturschritt. Dies ist das wohl markanteste Datum für den Erfolg Lafontaines in diesem Jahr. Monatelang hat er die soziale Karte gespielt, gegen die "Hartz-IV-Parteien" im Bundestag gewettert und damit zunehmend die Stimmung in der Bevölkerung getroffen. Jetzt nehmen die Volksparteien die Fährte auf. Lafontaine kann zufrieden sein. "Ohne uns hätte es diese Korrektur nicht gegeben", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Angela Merkels schneidige Reformrhetorik vom CDU-Parteitag 2003 in Leipzig - entsorgt, Geschichte, ein Fall für die Archive. Die Delegierten hören vor wenigen Wochen in Hannover eine ganz andere Parteichefin. "Teilhabe ist die Grundlage der sozialen Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert", sagt die Kanzlerin - und erntet den größten Applaus, als sie gegen hohe Managergehälter polemisiert. Es sind ungewohnte Töne für einen CDU-Parteitag.

Ende vergangenen Monats folgt die Einigung der Großen Koalition auf einen Mindestlohn in der Postbranche. Lange hatte sich die Union geweigert, am Ende stimmt sie zu und sieht sich inzwischen einem Koalitionspartner gegenüber, der einen flächendeckenden Mindestlohn fordert. Auf den Fahnen von der Lafontaine-Linken steht dieses Thema schon lange. "Wir bestimmen einen Teil der deutschen Politik", sagt Lafontaine.

Für einen Oppositionspolitiker ist das keine schlechte Jahresbilanz.

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insgesamt 291 Beiträge
Andreas Hoberg 23.12.2007
ja eine Analyse, die ungewohnt fuer den neuen neolieberalen Spiegel sachlich ist und inhaltlich aussagekraeftig, auch wenn es dem Autor natuerlich nicht passt, dass Oskar trotz neolieberaler Schwaetzerwelt so erfolgreich ist....im [...]
ja eine Analyse, die ungewohnt fuer den neuen neolieberalen Spiegel sachlich ist und inhaltlich aussagekraeftig, auch wenn es dem Autor natuerlich nicht passt, dass Oskar trotz neolieberaler Schwaetzerwelt so erfolgreich ist....im uebrigen teile ich die optimistische Analyse zugunsten der "Linken" nicht...12% sind immer noch viel zu wenig, um die Hartzparteien zu einer Abkehr von ihrem idiotischen Kurs zu bringen...aber vielleicht wird das noch.
madamef 23.12.2007
Als einer der wenigen Politiker, die nicht käuflich sind, kann Lafontaine die Wahrheit sagen. Ich habe ihn und Heiner Geißler, auch ein Unbestechlicher, 2003 auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Neoliberalismus hören dürfen. [...]
Als einer der wenigen Politiker, die nicht käuflich sind, kann Lafontaine die Wahrheit sagen. Ich habe ihn und Heiner Geißler, auch ein Unbestechlicher, 2003 auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Neoliberalismus hören dürfen. Sehr beeeindruckend. Leider wird Politikern, die auf sozialen Ausgleich bedacht sind, Popolismus und Rückwärtsgewandtheit vorgeworfen, während man den herrschenden Casinokapitalismus mitsamt seinen Spielarten ( Heuschrecken, überbordene Managergehälter, Verschleuderung von Volksvermögen durch Privatisierungen usw.) als unumgänglich im Rahmen der Globalisierung darstellt. Die gleichgestalteten Medien folgen wie die Lemminge den Leimruten der INSM. Lafontaine und DIE LINKE sind meine einzige Hoffnung darauf, dass Deutschland nicht komplett leer gefressen und ausgesaugt wird.
Das Lafontaine für dermaßen viel Wirbel und Verwunderung verantwortlich ist, ist ja eigentlich nur dadurch zu erklären, daß sich die "etablierten Parteien" offenkundig nichtmal mehr vorstellen können, Politik nach den [...]
Das Lafontaine für dermaßen viel Wirbel und Verwunderung verantwortlich ist, ist ja eigentlich nur dadurch zu erklären, daß sich die "etablierten Parteien" offenkundig nichtmal mehr vorstellen können, Politik nach den Interessen der Wähler zu gestalten. Offenbar glaubt man, nur wer ein schwarzes Köfferchen überreicht oder einen Vorstandsposten anbietet, dürfe die politische Richtung beeinflussen. Aber auch die Amigos haben nur eine Stimme bei der Wahl (noch, bald kommen ja die elektronischen Wahlmaschinen) und wer eine Minderheitenpolitik wie SPD/CDU/Grüne sie derzeit veranstalten betreibt, der muss sich nicht echauffieren, wenn das Volk sein Kreutz in Zukunft bei der Linkspartei macht. Wenn die käuflichen Dilletanten der Regierungsparteien so weiter machen, dann stellen sie in naher Zukunft für eine Übergangszeit noch den Kanzler, regieren tun aber andere.
lusitania1 23.12.2007
Was ist das für ein Land, in dem der populistische Rattenfänger von Saarbrücken die "einzige Hoffnung" darstellt? Warum ist er denn nicht Finanzminister von Rot-Grün geblieben und Vorsitzender der grossen [...]
Zitat von madamefLafontaine und DIE LINKE sind meine einzige Hoffnung darauf, dass Deutschland nicht komplett leer gefressen und ausgesaugt wird.
Was ist das für ein Land, in dem der populistische Rattenfänger von Saarbrücken die "einzige Hoffnung" darstellt? Warum ist er denn nicht Finanzminister von Rot-Grün geblieben und Vorsitzender der grossen Regierungspartei SPD? Hat er Angst gehabt vor der Verantwortung? Oder etwa vor der Rezession am Horizont? Reissaus nehmen, wenn's schwierig wird, ja das kann er wirklich gut. Und populistische Reden schwingen, das kann er noch besser.
maksim 23.12.2007
Nichts stellt die hohlen Sprüche der Marktfetischisten mehr, bloss, als die Existenz der Linken. Warum wählen die Leute die Linken? Aus lauter Boshaftigkeit und Undankbarkeit gegenüber ihren neoliberalen Wohltätern, nachdem die [...]
Nichts stellt die hohlen Sprüche der Marktfetischisten mehr, bloss, als die Existenz der Linken. Warum wählen die Leute die Linken? Aus lauter Boshaftigkeit und Undankbarkeit gegenüber ihren neoliberalen Wohltätern, nachdem die sich alle Mühe mit den Arbeitnehmern und Rentnern gegeben haben? Nichts hat diese ehrenwerten Herrschaften in Berlin und den Vorstandsetagen so desavouiert, wie dieser Peter H. aus Wolfsburg, sein nach ihm benanntes Gesetz und die Umstände der Entstehung desselben. Hartz IV ist die Kriegserklärung der Politik im Verbund mit dem Kapital an die deutschen Arbeitnehmer. Hartz IV ist die Peitsche, die dem deutschen Arbeitnehmer am Morgen, zum Mittagessen und vor dem Schlafengehen vor die Nase gehalten wird. Die Linken, Sozialisten und Kommunisten aus den Parlamenten rauszuhalten, liegt ganz allein in der Verantwortung der so genannten Neoliberalen. Das wird aber nicht passieren, weil diese die niederen Instinkte nicht im Griff haben. Die niederen Instinkte, die den Wesenskern dieser Ideologie bilden. Das Gezeter der so genannten Neoliberalen über die Linken entspricht dem Gejammer des Alkoholikers über seinen Kater am Morgen danach. So wie der Kater die Folge eines Saufgelages ist, ebenso sind die Linken die Folge von ökonomischen Exzessen. Man kann die Warnsignale des Körpers ernstnehmen und sein Verhalten ändern. Oder auch nicht und muss aber dann dafür die Folgen tragen.
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