Von Oliver Rezec, Leonberg
Auch für die Bettruhe gelten geregelte Zeiten: An den meisten Tagen dürfen die Jungs um 22 Uhr ins Bett fallen - nicht früher, und seien sie noch so erledigt vom Tag. Der strikte Plan ist ein Training für die Jugendlichen, die sonst niemals einen Acht-Stunden-Arbeitstag durchhalten würden, weil sie es gewöhnt sind, jederzeit zu tun, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Auch, dass man abends was anderes tun kann, als aus Langeweile durch die Straßen zu ziehen, müssen sie erst mal beigebracht bekommen.
Vor allem von ihren "Haus-Eltern". Zwei Ehepaare leben mit im Seehaus, jedes auf einem Stockwerk zusammen mit derzeit vier Jungs. Es wird zusammen gegessen, geplant, gelobt, gerügt, es werden Probleme besprochen - und es werden Bewerbungen um Ausbildungsplätze geschrieben.
Auch wenn es ja eigentlich Arbeit ist, was die "Haus-Eltern" und ihre Mitarbeiter da leisten: "Die Jungen gehören zur Familie", sagt "Haus-Mutter" Jaqueline Hofmann. "Wenn man das nicht so sieht, dann geht das alles nicht." Natürlich ist diese Familie oft reichlich anstrengend: "Wenn die Jungs neu kommen, können sie sich an keine Regeln halten, auch nicht bei Tisch oder was den richtigen Ton angeht." Aber mitzuerleben, wie die jungen Männer nach und nach zur Räson kommen - das entschädige, meint Hausvater Steffen Hofmann: "Man bekommt einfach sehr viel zurück von dem, was man in die Person investiert. Wie die Jungen ihre Gaben entdecken, wie sie ihren Charakter entwickeln - das ist so viel Lohn! Und da entstehen wirklich Freundschaften."
Auch diese Bindung sei ein Grund dafür, dass in den vier Jahren noch niemand ausgerissen sei, glaubt Projektgründer Merckle. Obwohl die meisten, die sich aus dem Jugendknast heraus auf einen Platz im Seehaus bewerben, das nur tun, um dann abzuhauen. Das war auch bei Adis so. Warum er dann doch geblieben ist, kann der 17-Jährige heute nicht mehr sagen. Wie für alle war es ihm anfangs unerträglich, sich an die Hausregeln zu halten, sich von den anderen Jugendlichen sagen zu lassen, wie er sich zu benehmen habe. "Ich hab' halt ein Ego, dass ich einen dummen Spruch nicht auf mir sitzen lassen kann", sagt er.
"Wir konfrontieren, um zu helfen"
An diesem Ego werden die Jungs in Leonberg gepackt - mit sturen Riten wie den "Hilfreichen Hinweisen". Im täglichen Stehkreis muss jeder einzeln vortreten und sich von den anderen Jungs kleinlich vorwerfen lassen, gegen welche Hausregel er verstoßen habe. Die wird dann artig heruntergeleiert: "Wir werden nichts tun, das uns selbst oder das Haus Leonberg in ein schlechtes Licht rückt." "Wir konfrontieren, um zu helfen, nicht um zu verletzen." Irgendwann, sagen die Jungs, haben sie es satt, sich jeden Tag denselben Sabbel anhören zu müssen - noch dazu von Gleichaltrigen, die ihnen ja eigentlich gar nichts zu sagen haben. Also halten sie sich lieber an die Regeln.
Ob sie die wirklich verinnerlichen, ist eine andere Frage. Jedenfalls hat das Projekt bislang eine Rückfallquote, von der andere Anstaltsleiter nur träumen können: 15 Jungen haben ihre Haft in Leonberg in den letzten drei Jahren beendet, sagt Leiter Tobias Merckle, nur zwei seien bislang rückfällig geworden. Noch stehen sie nicht lange genug im eigenen Leben, um diese Zahlen seriös mit denen normaler Gefängnisse zu vergleichen. Dort allerdings liegt die Rückfallquote bei um die 80 Prozent. Adis wundert das nicht: "Hier lern' ich einen Beruf. In der U-Haft hab' ich gelernt, wie man einen Roller knackt."
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