Von Carsten Volkery
Berlin - Es ist lange her, sehr lange, dass Günter Grass an einer SPD-Fraktionssitzung teilnahm. 1974 war das, damals hieß der Fraktionschef noch Herbert Wehner. Grass war noch kein Nobelpreisträger, und der geschäftsführende Fraktionsvorstand lehnte die Einladung zunächst ab - weil die Idee von Wehner kam. Erst sechs Monate später durfte Grass dann kommen.
Günter Grass: "Man muss ein kräftiges Wort einlegen"
Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen brach der Wahlkämpfer in Grass durch. "Demagogen" wie Roland Koch müsse man widerstehen, sagte er vor dem Fraktionssaal. Wenn er bei Politikern Ausländerfeindlichkeit wittert, ist Grass sehr empfindlich: Aus Protest gegen die Verschärfung des Asylrechts war er 1993 aus der SPD ausgetreten. In der aktuellen Debatte um Jugendgewalt aber stärkt er seiner alten Partei den Rücken. "In einer Zeit, in der, wie wir es gegenwärtig erleben, die Demagogen wieder meinen, die Stunde habe für sie geschlagen, muss man ein kräftiges Wort einlegen - ob das nun Herr Koch in Hessen ist oder Lafontaine auf der anderen Seite", sagte Grass.
In seiner Rede streifte Grass die Jugendgewalt-Debatte nur am Rande - in einem Nebensatz nannte er Koch einen "Populisten". Den Springer-Verlag, dessen "Bild"-Zeitung seit Wochen eine Kampagne gegen kriminelle Ausländer fährt, nannte er eine "Dreckschleuder".
Die meiste Zeit des halbstündigen Vortrags verwandte er allerdings darauf, die Verdienste Willy Brandts herauszustellen, für den er damals über hundert Wahlkampfauftritte absolviert hatte. Länglich referierte er etwa über die Nord-Süd-Politik des verstorbenen Bundeskanzlers und rief die Abgeordneten zur Besonnenheit auf. Man müsse nicht ständig neue Vorhaben diskutieren, sagte Grass. Manchmal sei auch ein Blick in die Vergangenheit ganz hilfreich.
Die Gesamtschule habe die SPD bereits in den siebziger Jahren erfunden, sagte Grass. Heute diskutiere die ganze Republik über Ganztagsschulen. Die SPD dürfe sich dieses Thema nicht von der christdemokratischen Familienministerin Ursula von der Leyen "klauen" lassen. Auch den Begriff des "demokratischen Sozialismus" dürfe man sich nicht von der Linkspartei streitig machen lassen. SPD-Chef Kurt Beck dankte Grass für die mahnenden Worte und sagte, von Brandts Visionen einer gerechten Welt zehre die SPD bis heute.
Die Abgeordneten bedachten ihren Gast mit Standing Ovations. Der Auftritt wurde auch als Wahlkampfhilfe verstanden. Grass hat in den vergangenen Jahren immer wieder Wahlkampf für die SPD gemacht - für Gerhard Schröder, für Heide Simonis. Auch für Michael Naumann in Hamburg engagiert er sich jetzt. Aus Altersgründen sind es aber nicht mehr die großen öffentlichen Auftritte, sondern kleinere Aktionen wie etwa das Spenden von Lithographien, deren Verkaufserlös in die Wahlkampfkasse fließt.
Wieder eintreten in die SPD wolle er allerdings nicht, bekannte der 80-Jährige. Der Asylparagraf sei schließlich bis heute nicht geändert.
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