• Drucken
  • Senden
  • Feedback
20.01.2008
 

TV-Duell mit Ypsilanti

90 Minuten Selbstbeherrschung

Von Christian Teevs

Sie lächelt, er bemüht sich, ruhig zu bleiben. Beim Wahlkampf-TV-Duell zwischen Roland Koch und Andrea Ypsilanti kam wenig Inhaltliches rüber. Verräterischer war, wie sich die Kontrahenten benahmen. Die Herausforderin überraschte das Alphatier Koch.

Wiesbaden – Kurz vor Schluss kann sich Roland Koch nicht mehr im Zaum halten. "Jetzt bleiben Sie doch bitte weiterhin ruhig", fährt er Andrea Ypsilanti an. Er wirkt, als habe er die Geduld verloren. Eine Geduld, die er sich aus taktischen Gründen selbst verordnet hatte.

Insgesamt 90 Minuten musste Hessens Ministerpräsident sich beim Duell des Hessischen Rundfunks beherrschen. Konfrontiert mit einer Herausforderin, die für ihn schwer zu packen war. Wer mit heftigen Attacken der Oppositionsführerin gerechnet hatte, sah sich getäuscht. Ypsilanti lächelte viel. Und so hielt sich Koch ebenfalls zurück. Schließlich wollte er nicht als aggressiver Macho darstehen. Das fiel ihm keineswegs leicht. Mehrmals mahlte er mit den Zähnen und wirkte immer unzufriedener, je länger die Sendung dauerte.

Dabei dürfte ihm die Schwierigkeit der Aufgabe vorher klar gewesen sein. In weiten Teilen erinnerte die Konstellation eine Woche vor der Hessen-Wahl an das Duell Merkel-Schröder im September 2005. Wie der Altkanzler vor der letzten Bundestagswahl musste sich Koch als Amtsinhaber einer Herausforderin stellen, die über wesentlich weniger Erfahrung im politischen Geschäft verfügt. Jedoch ließ ihm Ypsilanti am Sonntag ebenso wenig Chancen zur Attacke wie die heutige Kanzlerin damals ihrem Vorgänger. Koch blieb kaum Gelegenheit, seine Rivalin so darzustellen, wie er es wollte – als Frau, die es nicht kann.

Dafür sorgte auch der grundsätzliche Ablauf eines TV-Duells. Stets lamentieren Wahlforscher nach diesem inzwischen zur Wahlkampfinstitution gewordenen Schauspiel darüber, wie wenig es dem Wähler eigentlich bei seiner Entscheidung hilft. Schuld an der dröhnenden Langeweile sind vor allem die zuvor festgelegten Regeln, deren Beachtung die Moderatoren ohne Unterlass anmahnen.

Moderatoren verhindern mögliche Spannung

Sieben Tage vor der Landtagswahl in Hessen, der auch bundespolitisch so große Bedeutung beigemessen wird, sind das HR-Chefredakteur Alois Theisen und seine Kollegin Claudia Schick. Sie mahnen die Duellierenden immer dann zur Ruhe, wenn es gerade einmal spannend wird. So unterbricht Schick einen aufkommenden Streit über die Innere Sicherheit. Während Koch für sich in Anspruch nimmt, die Polizisten mit dem neuesten Stand der Technik ausgerüstet zu haben, spricht Ypsilanti von einem normalen technischen Fortschritt. Doch bevor die beiden in einen eventuell einmal spannenden Clinch gehen können, unterbricht Schick sie mit den Worten: "Wir reden doch jetzt nicht über Schreibmaschinen." Doch genau diese Details ermöglichen erst eine aufschlussreiche Diskussion. So bleibt es wieder einmal bei einem schlichten Austausch der Wahlprogramme und die Sendung gerät unnötig fade. Immer wenn Koch und Ypsilanti auf einen ernsthaften Konflikt zusteuern, fährt ein Moderator dazwischen. "Herr Koch führt mit einer Minute. Jetzt ist Frau Ypsilanti dran", heißt es dann. Oder: "Wir müssen leider zum nächsten Thema, sonst schaffen wir das nicht mehr." Eine abstruse Grundlage für ein politisches Streitgespräch. Acht Themen müssen die beiden Moderatoren in neunzig Minuten durchpeitschen. Neben den Hauptthemen des Wahlkampfes Jugendkriminalität und Mindestlohn sind das: Bildungspolitik, Integration, Umwelt, Frankfurter Flughafen, Haushalt und Familie.

Spannend ist bei all dem bekannten Wahlkampfgerede lediglich, wie häufig sowohl Koch als auch Ypsilanti ihre eigenen Kinder quasi als Legitimation ins Feld führen. Koch nennt etwa beim Thema Bildungspolitik seine "beiden Jungs", die gerade aus der Schule raus seien. Als er sein Amt 1999 übernommen habe, hätten in Deutschland viele über das Hessen-Abitur gelächelt. Und das sei inzwischen nicht mehr so. Aufschlussreich ist auch seine Volte bei der Anwendung des Jugendstrafrechts für Unter-14-Jährige. Dies hatte Koch in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" vor einer Woche gefordert. Die CDU-Spitze hatte ihn am Montag allerdings zur Aufgabe dieser Position gedrängt. Nun sagt Koch, auch er mache Fehler und natürlich wolle er Zwölfjährige nicht in den Knast schicken. Schließlich seien seine Söhne vor neun Jahren auch gerade in diesem Alter gewesen.

Ypsilanti reagiert darauf mit einer rührseligen Geschichte. Ihr Sohn habe dazu eine Meldung im Videotext gelesen. Und dann gesagt: "Mama, das sind doch Kinder, die nur wenig älter sind als ich. Die können doch nicht in den Knast müssen, weil ihre Eltern Fehler gemacht haben." Der Sohn der hessischen Parteichefin ist zwölf Jahre alt.

Insgesamt fällt eines auf bei diesem TV-Duell: Ypsilanti kann vor der Kamera überzeugen. Sie lächelt in der Tat sehr viel, agiert nach den letzten, für sie positiven Umfragen sehr viel selbstbewusster als noch vor zwei, drei Wochen. Während sie bei Reden vor großen Sälen häufig unkonzentriert und fahrig wirkt, gelingt ihr das Spiel mit der Kamera gut. Sie punktet selbst in Momenten, wo Koch spricht, sie aber im Bild zu sehen ist.

Koch hingegen fehlt das Publikum. Er braucht die Bestätigung, den Applaus, dann dreht er auf. Zwar wird auch bei dieser Konfrontation deutlich, dass er der bessere Rhetoriker ist. Doch wenn er nicht spricht, macht er einen genervten und fast verärgerten Eindruck. Daran ist sicherlich nicht nur Andrea Ypsilantis Auftreten Schuld. Aber auch.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 60 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.01.2008 von rakim: anti- ypsilanti

meiner meinung nach ist das duell im artikel eher mittelmäßig wiedergegeben! Die einzige wirklich zutreffende Beobachtung ist das Unterbinden der Moderatoren von spannenden Diskussionen. Ich bin zwar kein großer Koch- Fan, aber [...] mehr...

21.01.2008 von D0nJuAn: i44

AHAHAHAHAHAHAHAHHAHA! Also es gab eines, was ich in dieser Diskussion nicht gehört habe DETAILS. von Y noch weniger wie von Koch. Das war typisches wir versprechen alles Oppositionspolitik. Selbst wenn sie dran kommt, wird das [...] mehr...

21.01.2008 von D0nJuAn: ru4

[/QUOTE] Wie sie shcon sagten sie ist soziologin. Ich bin wirtschaftstudent und hab von soziologie kaum eine Ahnung und bei ihr ist es genauso andersrum, weshalb sie sich nur auf den "gesunden Menschenverstand" [...] mehr...

21.01.2008 von Heimspieler: Energie

Angesichts der zunehmenden Knappheit atomar-fossiler Energieträger ist es vielmehr naiv und wahnsinnig, es bei der derzeitigen Energieerzeugung zu belassen. Von den Folgen für die Umwelt mal ganz abgesehen. Frau Ypsilanti hat [...] mehr...

21.01.2008 von ruhland: Fakten oder Faxen

Mein Eindruck von der Diskussion war, dass Frau Ypsilanti sicherlich besser gelächelt hat als Herr Koch, aber inhaltlich fand ich sie bei weitem nicht so überzeugend. Die Tatsache, dass sie "nur" 60% des hessischen [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Wahl in Hessen und Niedersachsen 2008

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP