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23.01.2008
 

Schicksalswahl

Warum Hessen rockt

Von Christoph Schwennicke, Wiesbaden

1985 erstmals Rot-Grün, 1999 das Comeback der CDU: In Hessen weht ein neuer Wind oft zuerst. Deshalb starrt Berlin jetzt besonders gebannt auf das Land in Deutschlands Mitte - hier vollzieht sich der archaische Kampf beider Lager wie nirgendwo sonst.

Wiesbaden - Unterwegs im Wahlkampf in Hessen, etwa in Friedewald bei Bad Hersfeld, einer Gegend, die geografisch, aber wirklich nur geografisch den Mittelpunkt Deutschlands bildet, sonst eher sein Gesäß. Der Glaube an den Gedanken fällt schwer. Hier soll sich alles entscheiden?

Sozialdemokrat Börner, Grüner Fischer: Vereidigung im hessischen Landtag 1985
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DPA

Sozialdemokrat Börner, Grüner Fischer: Vereidigung im hessischen Landtag 1985

Und doch stimmt es auch für Friedewald: Hessen ist politisch sexy, Hessen ist spannend, Hessen rockt. Hessen ist nicht lauwarm, Hessen ist heiß oder kalt, links wie die SPD in Hessen Süd oder richtig rechts wie die CDU in Fulda. In Hessen war die SPD nie Neue Mitte und wird die CDU nie Merkels Moderne. In Hessen kämpfen die Stahlhelmer der CDU gegen die sozialistischen Umverteiler der SPD. Immer schon und weiterhin.

In Hessen vollzieht sich der archaische Kampf der Lager.

Vor allem aber, und das wissen sie genau im fernen Kanzleramt in Berlin und in der CDU-Zentrale: in Hessen geht es los. Hessen swingt. In Hessen weht der neue Wind oft zuerst.

Dieses Swinging Hessen hat die CDU schmerzhaft erlebt, als erstmals in der real existierenden Bundeswestrepublik ein Sozialdemokrat namens Holger Börner es wagte, mit diesen kreativen Chaoten von den Grünen eine Koalition einzugehen - und mit dieser schillernden Kombination Rot-Grün im Bund 13 Jahre vorwegnahm. Börners Pakt mit dem Turnschuhträger Joschka Fischer war der Anfang vom Ende Helmut Kohls, selbst wenn der noch im Vollbesitz seiner Kräfte in Bonn regierte. Auf die Dauer sah Kohl immer älter aus gegen dieses moderne Modell.

Mit Hessen verlor Schröder die Mehrheit im Bundesrat

Hessens revolutionäre Kraft kam der CDU wieder zugute, als nur wenige Monate nach dem Rausch des Wahlsieges von Gerhard Schröder und eben jenem Fischer der Anfang vom Ende eben wieder in jenem Hessen begann. Im März 1999 teufelte CDU-Oppositionschef Roland Koch gegen die Multi-Kulti-Politik derer da in Berlin und beendete die Amtszeit des Sozialdemokraten Hans Eichel. Das wäre noch zu verkraften gewesen. Aber mit Hessen verloren Schröder, Oskar Lafontaine und Fischer die Mehrheit im Bundesrat und damit ihre uneingeschränkte Macht. Personalrochaden folgten.

Das alles war schon schlimm. Es kam schlimmer. Als in Hessen gewählt wurde, regierten die Sozialdemokraten alleine oder mit den Grünen in sieben Bundesländern: In Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, dem Saarland, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Doch die Länder fielen und fielen und fielen - und der erste Dominostein war Eichels Hessen.

Schröder stemmte sich erstaunliche sechseinhalb weitere Jahre gegen sein politisches Ende. Mit Fortune und Können: Beinahe hätte die Rutschbahn von Hessen dazu geführt, dass er mit nur einer Legislaturperiode in die Geschichte eingegangen wäre. Der schwarze Bundesratsblock machte ihm das Leben und Regieren schwer. Er trickste sich durch und kaufte einzelne Regierungen heraus, wo es ging, er hangelte sich durch. Die politisch glückliche Fügung von Sintflut in Sachsen und Krieg im Irak nutzte Deutschlands begnadetster Wahlkämpfer aller Zeiten schließlich, sich dem hessischen Fanal entgegenzustemmen. Die Kraft reichte aber nicht mehr für eine volle Wahlperiode.

Sie war endgültig aufgebraucht, als das letzte Flächenland fiel, Nordrhein-Westfalen im Mai 2005. Die vorgezogenen Neuwahlen waren eine Kapitulation. Was in Nordrhein-Westfalen 2005 endete, begann in Hessen 1999: Die Erosion der Macht der SPD und ihres Kanzlers.

Kippt Hessen, könnten andere Bundesländer folgen

Deshalb blickt alles so gebannt auf Hessen. "Es wird Zeit, dass sich was dreht" - der Wahlkampfschlager der SPD in Hessen zitiert eine Grönemeyer-Zeile aus dessen Fußballhymne. Andrea Ypsilanti wird erkennbar blümerant, weil sie erkennt: Das könnte klappen. Und wenn Hessen kippt, so senden die Berliner Genossen Bittgebete in den Himmel, dann könnte es auch in Hamburg kurz darauf klappen. Bayern im Herbst sicher nicht, aber schon ein besseres Abschneiden gegen eine unsortierte Nach-Stoiber-CSU ließe sich als Erfolg verkaufen. Und vor der Bundestagswahl wird dann nur noch im Frühjahr 2009 in Thüringen gewählt.

Fielen Hessen und Hamburg, dann hätte Angela Merkel zwar ihre Mehrheit im Bundesrat im Unterschied zu Schröder 1999 weiter sicher. Einer der unschätzbaren Vorzüge einer großen Koalition. Aber schon die Wahl des Bundespräsidenten in der Bundesversammlung kommendes Jahr gestaltete sich schwieriger.

Und mittelfristig, über 2009 hinaus droht die Erosion der Ländermacht eben doch: Kein Bundesland ist in Deutschland noch ein Erbhof von CDU oder SPD, sieht man von Bayern ab - doch das ist ein Sonderfall. Ansonsten ist der Wechsel grundsätzlich fast überall möglich, das hat der Wahlsieg von Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen gezeigt.

Die Macht in Berlin, das liegt im Föderalismus und dem Zweikammern-System der Bundesrepublik begründet, kommt und geht über die Länder. Über die Länder hat die CDU stets die Macht errungen, über die Länder hat sie Oskar Lafontaine zuletzt für Schröder organisiert. Die Wechselwirkung von Bundesmacht und Ländermacht ist immer die gleiche. Auf der Höhe ihrer Ländermacht erringt eine der beiden Volksparteien die Bundesmacht. Und ist dieser Zenit erreicht, dann geht das Wechselspiel von vorne los.

Es ist wie ein Naturgesetz, demzufolge das Wasser die eine oder andere Flanke des Hanges herunterläuft. Hessen könnte am Sonntag das Wasser scheiden. Eine Wasserscheide markiert in einem Gebirgszug die Stelle, von der an das Wasser in die andere Richtung fließt. Deshalb schauen Merkel und ihre Engsten so bang auf den Sonntag.

Und nicht aus Mitgefühl gegenüber Roland Koch.

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