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Von Christian Teevs
Hannover – Der Abstand zwischen Christian Wulff und Wolfgang Jüttner in den Umfragen mag groß sein. Hier, im NDR-Messestudio in Hannover, ist er es nicht. Mit geschätzt anderthalb Metern Entfernung stehen sich die beiden Duellanten im Niedersachsen-Fernsehduell gegenüber. Wenn sie sich über ihren Tisch beugen würden, könnten der CDU-Ministerpräsident und sein SPD-Rivale einander die Hände schütteln.
Was für ein Unterschied zum Hessen-Duell vor drei Tagen. Bei Roland Koch und Andrea Ypsilanti wirkte es, als hätten die Fernsehleute einen Boxkampf zum Vorbild gehabt. Der CDU-Amtsinhaber in der einen Ecke des Studios, die SPD-Herausforderin in der anderen - entsprechend krachte es zwischen beiden.
Bei Wulff und Jüttner scheint es, als würden sie sich fast mögen. Sie sind sich so ähnlich. Beide lächeln um die Wette. Jüttner versucht zu attackieren, aber die Rolle liegt ihm nicht besonders. Sein Stil ist eigentlich ein anderer: verlässlich, ruhig, ausgleichend. Genau wie der von Wulff.
Dessen größte Regung an diesem Abend ist die hochgezogene Augenbraue. Die zeigt er immer, wenn er sich über einen Angriff von Jüttner ärgert. Den dieser natürlich mit einem Lächeln vorträgt.
Nein, zu den Angriffen seiner Frau sagt Jüttner nichts mehr
Fazit nach 60 Minuten: Der Wahlkampf bleibt arg sachlich in Niedersachsen. Jüttner und Wulff diskutieren über Arbeit und Soziales, über Mindestpolitik und Innere Sicherheit, und es fliegen so viele Zahlen hin und her, dass Moderator Andreas Cichowisz schon mal mahnen muss: "Das ist für den Zuschauer jetzt nicht mehr nachvollziehbar. Niemand weiß, wessen Statistik da gerade stimmt."
Fast sehnt man sich ein wenig Polemik à la Hessen herbei. Natürlich ein frevelhafter Gedanke. Schließlich ist das ja das Ideal einer politischen Debatte: faktenreich in der Sache, freundlich im Ton. Aber so ganz ohne harte Konfrontation zweier glaubhafter Gegenpole - langweilig, ermüdend, stellenweise einfach belanglos.
Gleich zu Beginn macht Jüttner deutlich, wo für ihn die Grenze der Debatte liegt: Er sei nicht bereit, die Äußerungen seiner Frau in der "Bunten" noch mal zu kommentieren. Sie hatte der Zeitschrift gesagt, sie sei froh, dass Wulff nicht ihr Schwiegersohn sei. Schließlich habe er schon ein Kind von seiner Freundin erwartet, als er noch mit seiner Frau verheiratet war. Dafür musste Jüttner viel Kritik einstecken – auch in der SPD. Jetzt versucht er lieber, Wulff mit den Themen Mindestlohn und Abschaffung der Studiengebühren zu packen. Doch der Amtsinhaber flutscht ihm rhetorisch immer wieder weg.
Jüttner erzählt von sittenwidrigen Löhnen in Fleischindustrie und Callcentern. Wulff sagt, er wolle die Menschen am Aufschwung teilhaben lassen.
Jüttner spricht über sinkende Zahlen bei Studienanfängern – wegen der Gebühren. Wulff sagt, die niedersächsischen Universitäten nähmen mehr Anfänger auf als zuvor. (Kaum überraschend: Beide haben recht. Während Jüttner auf Zahlen von 2003 verweist, bezieht sich Wulff auf 2006.)
Quasi Merkel und Müntefering in Niedersachsen
Selbst einem der Duellanten geht da die Konzentration abhaben. Während Jüttner weiter von ausbleibenden Studienanfängern redet, unterbricht ihn Wulff plötzlich: "Ja, wir sind die Langzeitstudenten im 40. Semester losgeworden." Endlich! Ein gefundenes Fressen für den Sozialdemokraten. Erfreut korrigiert er seinen Gegenüber: "Wir reden doch gerade über diejenigen, die ein Studium erst neu aufnehmen."
Auch diese Replik wird begleitet von einem sanften Lächeln.
Ideologische Abneigung sieht anders aus - siehe Hessen. Es ist schon ein interessanter Unterschied zwischen den beiden Nachbarländern in diesen Tagen. Die beiden hessischen Spitzenkandidaten könnte man sich in keiner Großen Koalition miteinander vorstellen: Koch verwurzelt im stramm konservativen Lager der CDU, Ypsilanti im linken Flügel der SPD. Wulff und Jüttner dagegen könnten miteinander regieren: der präsidiale Landesvater und sein loyaler sozialdemokratischer Stellvertreter. Quasi Merkel und Müntefering in Niedersachsen.
Das Absurde an der Situation: Kochs Wahlkampf hat die Bürger in Hessen so polarisiert, dass dort jetzt alles nach einem sehr, sehr knappen Kopf-an-Kopf-Rennen aussieht - und eine Große Koalition in dem Land zumindest eine theoretische Option sein könnte. In Niedersachsen dagegen hat sich Wulff mit seinem landesväterlichen, fast überparteilichen Wahlkampf so weit von der SPD abgesetzt, dass es keinesfalls zum Bündnis mit Jüttner kommen muss. Seine CDU liegt in Umfragen zusammen mit der FDP bei soliden 51 Prozent.
Wulff kann cool sein. Er ist es. Im 60-Minuten-Fernsehduell spricht er immer wieder von den "tollen Niedersachsen" - und lächelt ohne Unterlass.
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