Von Björn Hengst, Hannover
Hannover - Christian Wulff sieht um 18.15 Uhr so aus, als wolle er den acht Millionen Niedersachsen genau zeigen, was er meint, wenn er vom "Land des Lächelns" spricht. Sein Mienenspiel kennt nur einen Ausdruck, als er von seinen Hintersassen in den CDU-Fraktionssaal des Landtages in Hannover gebracht wird: Es ist ein einziges Strahlen, Wulff ist jetzt der Herr des Lächelns.
Die Helfer pflügen eine breite Schneise für den 48-Jährigen in den vollen, stickigen Raum, es geht alles ganz schnell, dann steht der Ministerpräsident auf der Bühne, irgendjemand drückt ihm einen Blumenstrauß in die Hände, die Leute rufen "Heyheyhey" und "Christian, Christian, Christian", dazu läuft Musik, die nach einer Mischung aus "Pur" und den "Prinzen" klingt und bei der die Liedzeilen so gehen: "Komm mit ins Zukunftsland, es liegt in deiner Hand, hier in Niedersachsen."
Wulff ist der alte und neue Regierungschef Niedersachsens. Die Wahl hat der CDU-Politiker trotz Stimmverluste klar gegen seinen sozialdemokratischen Herausforderer Wolfgang Jüttner gewonnen und wird weiter mit der FDP regieren können. Auf 42,5 Prozent kommen die Christdemokraten diesmal.
"Darauf können wir stolz sein", sagt Wulff unter dem Jubel seiner Anhänger, bedankt sich artig bei seinen Helfern, die "Tach und Nacht" für die wahlkämpfende CDU im Einsatz gewesen seien - und dann sagt er einen Satz, der vielleicht am meisten über seinen Wahlkampf, sein Erfolgsrezept und über Wulff als Person aussagt: Die CDU werde trotz des Wahlsieges "auf dem Teppich" bleiben.
"Er ist ein ernstzunehmender Kandidat für die Bundespolitik"
Bodenständig, eben "auf dem Teppich" geblieben - so hat Wulff selbst agiert, vor allem zuletzt im Wahlkampf: Keine dröhnenden Parolen, keine markigen Forderungen. Wulff war der Vermittler, der ausgleichende Landesvater, sanft im Ton.
Einschnitte hatte Wulff den Niedersachsen vor allem in der ersten Hälfte seiner Legislaturperiode zugemutet: Da strich er den Beamten das Weihnachtsgeld, schaffte die Bezirksregierungen ab und ließ landeseigene Krankenhäuser privatisieren. Zuletzt war er gönnerhafter, stellte Eltern beitragsfreie Kindergartenjahre in Aussicht und erhöhte die Gehälter für Beamte.
Für den CDU-Vizechef Wulff ist es ein Erfolg, der auch seine Position in der Bundespartei stärken dürfte; so sehen es jedenfalls seine niedersächsischen Parteifreunde: "Er ist ein ernstzunehmender Kandidat für die Bundespolitik. Man weiß ja nie, was kommt", sagt der Landtagsabgeordnete Wilhelm Heidemann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Damit zielt Heidemann auf die Debatte über die Kräfteverteilung in der Union, falls Angela Merkel eines Tages nicht mehr an der Spitze stehen sollte. Schon weit vor den beiden Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen war von einem Fernduell der beiden CDU-Politiker, Regierungschefs und Kanzlerreservisten Koch und Wulff die Rede gewesen. Der Gewinner des Abends, so die allgemeine Lesart, würde zur stärksten Kraft hinter Merkel werden.
Und Koch ist es sicher nicht. Er hat kampagnenmäßig aus dem Köcher gezogen, was man aus dem Köcher ziehen kann (Kampagne gegen Jugendkriminalität und Burkas, Warnung vorm Kommunismus) und massiv Stimmen verloren.
SPD-Debakel im Schröderland
Auch in Niedersachsen gibt es einen großen Verlierer - die SPD. Das Wahlergebnis: sogar noch schlechter als vor fünf Jahren, als der heutige Umweltminister Sigmar Gabriel Wulff klar unterlegen war und 13 Jahre sozialdemokratischer Regierung zu Ende gingen. 30,3 Prozent stehen am Abend zu Buche.
SPD-Spitzenkandidat Jüttner hätte an diesem Tag schon früher in den Landtag kommen müssen, um einen stillen Augenblick des Triumphs zu genießen - auch wenn es nur ein virtueller gewesen wäre. Am Nachmittag testet die ARD ihre technische Ausrüstung und lässt Zahlen über das elektronische Laufband flirren: SPD 42,0 Prozent, CDU 38,4 Prozent ist zu lesen, dazu die Worte "Endergebnis Niedersachsen". Was wäre das für ein Erfolg für die Sozialdemokraten gewesen, eine Art Wiedergeburt. Aber es ist eben nur ein Techniktest, die Zahlen - klick - verschwinden schon bald mit einem Tastendruck und machen denen Platz, die Realität abbilden.
Über seine Zukunft ist sich der Fraktionschef, der seit mehr als 20 Jahren im Landtag sitzt und bereits als Umweltminister gearbeitet hat, offenbar selbst nicht sicher. Ob er weitermachen werde, fragt ihn ein Journalist, als der 59-Jährige über den Flur des Landtages zieht: "Das ist doch nicht die Frage des Abends", sagt Jüttner und biegt nach links zu einem Kamerateam ab.
Die Linke jubelt über ein Superergebnis im Westen
Wäre Jüttner nach rechts gegangen, hätte er Kreszentia Flauger begegnen können, die nicht unerheblich zum schlechten Abschneiden der SPD beigetragen haben dürfte - und eine Tasche ihrer Partei mit sich trägt, der Aufdruck passt gut zum Ausgang der Wahl: "Hier kommt die Linke", steht darauf geschrieben. Dass die Linke in den niedersächsischen Landtag eingezogen ist, gehört zu einer der Überraschungen des Wahlabends. Zwar sahen Umfragen die Linke zuletzt bei mehr als fünf Prozent, in den Vorwochen hatte die Partei aber meist unter dieser Hürde gelegen. Nun schafft die Linke den Sprung klar: 7,1 Prozent.
Sie wolle jetzt das Thema soziale Gerechtigkeit in das Landesparlament bringen, sagt die Linke-Spitzenkandidatin Flauger und lässt sich von einem Parteifreund in die optimale Position für ein Foto manövrieren. "Hier stehen wir ja direkt an der Garderobe und bei den Toiletten", sagt der Genosse zu Flauger. Also geht sie ein paar Meter weiter und folgt den Wünschen der Fotografen. Mal rückt sie ihre Tasche besser in die Kameras, mal schaut sie bedeutungsvoll auf die Uhr, Flauger fühlt sich sichtlich wohl im Parlament: "Bis zu meinem nächsten Termin stehe ich Ihnen gern zur Verfügung", sagt sie mit breitem Grinsen - das "Land des Lächelns", wie Ministerpräsident Wulff im Wahlkampf über Niedersachsen gesprochen hatte, seit heute gilt dies auch für die Linke, die erstmals in den Landtag eines westdeutschen Flächenlandes eingezogen ist.
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