Von Reinhard Mohr
Berlin - Es ist schon seltsam mit uns Deutschen und Türken. Seit Jahrzehnten leben wir zusammen im selben Land, in denselben Städten, in denselben Straßen, manchmal auch in denselben Häusern. Wir sprechen sogar oft dieselbe Sprache, zugegeben: nicht immer perfekt, aber wir verstehen uns. Wir treffen uns im Gemüseladen, im Restaurant und im Zeitungskiosk, beim Döner in Duisburg und am Strand von Antalya. Manchmal auch ganz unten, wie Günter Wallraff, der "Ali" war und im Flöz schuftete wie ein Türke. Ganz oben fliegt derweil ein anderer Türke, der erfolgreiche Reiseunternehmer Vural Öger, die Deutschen in den Urlaub.
Kaya Yanar machte Türkischdeutsch zur gefeierten Comedy-Sprache, über die Deutsche wie Türken lachen. Längst haben viele Türken zudem einen deutschen Pass, und bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 wehten schwarzrotgoldene Fahnen an vielen türkischen Geschäften.
Jenseits dieser Normalität des zivilen, alltäglichen Zusammenlebens gibt es auch jede Menge Probleme im weiten Feld zwischen Familie und Schule, Arbeitslosigkeit und Straßengewalt. Aber es existiert ein wachsendes Bewusstsein darüber, dass diese Konflikte hier, in unserer gemeinsamen Gesellschaft, gelöst werden müssen und nicht durch Stigmatisierung, Ausgrenzung und Abschiebung. Das spektakuläre Scheitern der ressentimentgeladenen Wahlkampagne von Roland Koch war deshalb ein gutes Signal.
Kaum aber kommt es zu einer Katastrophe wie dem mörderischen Brand des ausschließlich von türkischen Familien bewohnten Hauses in Ludwigshafen, melden sich dröhnend die Reiz-Reaktionsmuster des deutsch-türkischen Komplexes zurück.
Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck eilt an den Ort des schrecklichen Unglücks und äußert als erstes, ein Brandanschlag könne praktisch ausgeschlossen werden. Die Ermittlungen haben kaum begonnen, aber das weiß er schon mal. Unverkennbar, wie hier, nicht nur unbewusst, die nackte Angst regiert. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Auf der anderen Seite mutmaßen türkische Zeitungen umgehend über Brandstiftung durch Neonazis: "Ist das etwa ein neues Solingen?" fragte "Hürriyet", und andere Zeitungen beklagen sich schon über das angeblich viel zu späte Eintreffen der Feuerwehr. Der türkische Botschafter kritisiert Becks voreilige Verneinung eines politisch-kriminellen Hintergrunds, und aus Ankara reist eigens eine türkische Untersuchungskommission samt Staatsminister an den Tatort in Ludwigshafen. Innenminister Schäuble seinerseits verkündet, er wolle dem türkischen Botschafter demnächst mal "Manieren beibringen" und beschwert sich über das Misstrauen, das der deutschen Polizei entgegengebracht werde.
Raus aus dem Komplex, rein in die Wirklichkeit
Ganz offensichtlich laden sich hier gegenseitige Ängste und Vorurteile auf, die aus einiger Tiefe hervorquellen. Zuletzt hatte die Affäre um den Deutschen Marco Weiss, dem die Vergewaltigung einer jungen Engländerin vorgeworfen wurde, deutsch-türkische Verwerfungen erzeugt. In diesem Fall war es deutsches Misstrauen gegenüber der türkischen Justiz, das den Konflikt zum Politikum machte. Die Türken wiederum reagierten beleidigt und ließen die Sache, zum Nachteil von Marco, der monatelang in der Untersuchungshaft schmoren musste, umso gemächlicher angehen.
Selbstverständlich erinnert die Ludwigshafener Brandkatastrophe unwillkürlich an jene Zeit Anfang der neunziger Jahre, als in Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen und anderen Orten ein ausländerfeindlicher, rassistischer Mob Brandstiftung, schwerste Körperverletzung und vielfachen Mord beging. Die Täter waren Skinheads und Neonazis, aber auch dumpfbackige Spießer und Gaffer, die im Jogginganzug und mit der Bierflasche in der Hand zuschauten.
Trotz aller Lichterketten und mannigfachen Protestaktionen aus der Bevölkerung heraus fehlte damals ein klares, unmissverständliches Signal der politische Spitze: Helmut Kohl ging nicht nach Solingen, nicht nach Mölln, nicht nach Rostock-Lichtenhagen. Stattdessen wiederholte er im Fernsehen gebetsmühlenhaft seine Überzeugung, Deutschland sei "kein ausländerfeindliches Land".
Darum ging es aber gar nicht. Es ging darum, sich der Wirklichkeit solcher rassistisch motivierter Anschläge mitten in Deutschland zu stellen und sie am Ort des Geschehens, sichtbar für alle und symbolisch bedeutsam, als eklatanten Tabubruch zu brandmarken, der mit schärfsten Sanktionen verfolgt wird.
Nicht nur deutschen, sondern auch türkischen Zeitgenossen erschien damals diese Art des bräsigen Drumherumredens peinlich und unangemessen, und die politischen Entlastungsangriffe auf "linke Multikultiträumer" machten es nicht besser. Gerade bei vielen Deutsch-Türken, und auch in der Türkei selbst, konnte so der Eindruck entstehen, die Angelegenheit werde mit Floskeln abgetan, während den hässlichen Rest Polizei und Justiz erledigten. Business as usual.
Merkel sollte den Brandort besuchen
Und tatsächlich könnte man sich die umgekehrte öffentliche und politische Erregung und die Größe der "Bild"-Schlagzeilen gar nicht ausmalen, wenn etwa deutsche Touristen unter vergleichbaren Umständen in der Türkei ums Leben kämen.
So ist die akute Empfindlichkeit der türkischen Öffentlichkeit eben auch ein Reflex jener Kränkungen, die aus dieser Zeit rühren. Die unausgesprochene Botschaft: Ein toter Türke zählt nicht viel, jedenfalls viel weniger als ein toter Deutscher. Dass dahinter noch ganz andere Kränkungen – Stichwort: EU-Beitritt – schlummern, verschärft die transnationale Gefühls-Gemengelage noch. Die Kehrseite solcher Minderwertigkeitsgefühle, ein überzogener türkischer Nationalismus, ruft dann zuverlässig wieder die andere Seite auf den Plan.
Gegen all das gibt es nur ein Mittel. Es macht die Toten nicht mehr lebendig, aber es hilft uns allen: Möglichst schnelle und gründliche Aufklärung des Geschehens. Hier hat absolut niemand etwas zu verbergen – außer den möglichen Tätern.
Eine prominente Äußerung der Bundeskanzlerin, am Ende womöglich gar ein Besuch samt Treffen mit dem türkischen Kollegen, wären sehr hilfreich.
Motto: Raus aus dem Komplex, rein in die Wirklichkeit.
Auf anderen Social Networks posten:
Das Haus wurde von zwei türkischen Brüdern für 720000 DM 1994 erworben. Die marode Elektroinstallation Installation wurde nicht erneuert. Wenn ein Hauseigentümer seine Miete von Landsleuten auch so bekommt,und selbst nicht darin [...] mehr...
Natürlich ist diese Brandkatastrophe eine schlimme Sache. Doch wie dies von türkischen Medien propagandistisch ausgenutzt wird finde ich schon bedenklich. Da wird ein deutscher Polizist mit türkischem Integrations-Hintergrund als [...] mehr...
Lieber Herr Wagner, wie können Sie nur so etwas Schreckliches sagen und fordern?! Am Ende führt das gar noch dazu, daß wir plötzlich auf der Basis von Fakten diskutieren müssen. Kognitive Dissonanz. Was für ein Albtraum! Dann [...] mehr...
So wie er es erzählt wird es in den Videos verbreitet fürs türkische Wahlvolk! So wie Koch macht halt jeder sein Wahlkampftheater wie er kann. Normal interessiern den keine Rentner in der U-Bahn. Vier Tage nach dem [...] mehr...
Woher haben Sie eigentlich diese "Informationen"? Wie kommen Sie dazu, so etwas zu behaupten? Die ersten Feuerwehrleute war nach zwei (!) Minuten zur Stelle, die nächsten Einsatzfahrzeuge nach fünf Minuten. Viele [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH