Berlin - Fühlt sie sich deutsch, fühlt sie sich türkisch? Für die Berlinerin Leyla Karadeniz gibt es keine Antwort auf die Frage: Sie weiß es nicht - und es ist ihr auch nicht wichtig: "Ich meine, ich komme aus der Türkei, ich habe einen deutschen Pass. Also bin ich beides, Türkin und Deutsche. Dieses Differenzieren, du bist das, ich bin das - das finde ich schwierig", sagt die 44-jährige Erzieherin. Die Friseurin Yasemin Tolanlar aus München sagt, die Bezeichnung "bayerische Türkin" würde ihre Identität richtig beschreiben. "Ich fühle mich hier sehr wohl, hatte noch nie Probleme in Bayern."
Karadeniz und Tolanlar sind zwei von mehr als 2,5 Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland. Viele sind als Kinder der Gastarbeiter in den sechziger oder siebziger Jahren nach Deutschland gekommen. Sie haben Obstgeschäfte in den Großstädten eröffnet, sie sind Bäcker geworden, Erzieher oder Krankengymnasten. Ihre Ankunft in Köln, Gelsenkirchen, Berlin oder München geschah leise - ohne Aufsehen haben sie sich selbstbewusst ihren Platz in der deutschen Gesellschaft erobert.
SPIEGEL ONLINE hat dreizehn Deutsch-Türken in Hamburg, Berlin, München, Düsseldorf und Hannover besucht und beschreibt exemplarisch, wie aus Ausländern Inländer geworden sind. Die Reporter haben erfahren, wie schwer der Anfang in Deutschland oft war und wie sehr die Kinder unter den Ängsten ihrer eigenen Eltern, die als Gastarbeiter kamen, leiden mussten. Einwanderer der ersten und zweiten Generation erzählen, wie sie zwischen türkischen Traditionen und deutscher Großstadt einen Weg gefunden haben - wie beide Welten für sie selbstverständlich geworden sind.
Yasemin Tolanlar, Friseurmeisterin:
"Ich bin eine bayerische Türkin"
In München geboren und aufgewachsen: Yasemin Tolanlar lebt "bestens integriert" in Bayern, sie feiert sogar deutsche Weihnachten. Die 26-jährige Friseurin will auch die türkische Kultur nicht aufgeben - hält sie aber für Privatsache. mehr...
Resul Kara, Gemüsehändler:
"Mein Regierungschef ist Angela Merkel"
Resul Kara besitzt einen Gemüseladen in Hamburg-Eimsbüttel, einen deutschen und einen türkischen Pass. Der Moslem fühlt sich wohl in seiner Wahlheimat, auch wenn er sich - vor allem auf Behörden - manchmal ausgegrenzt sieht. mehr...
Leyla Karadeniz, Erzieherin:
"Nur die Jungs durften zur Schule gehen"
Sie konnte kein Wort Deutsch, als sie mit sieben Jahren nach Deutschland kam, aber Leyla Karadeniz schaffte es in den siebziger Jahren auf ein Gymnasium. Heute arbeitet sie als Erzieherin und ermuntert Migrantenfrauen, sich aus der Wohnung zu wagen. mehr...
Gürol Gür, Unternehmer:
"Die Vergangenheit nicht komplett aufgeben"
Vom Hilfsarbeiter zum Geschäftsführer: Gürol Gür arbeitete sich bis zum Chef der Hamburger Schanzenbäckerei hoch. Seit 26 Jahren lebt er in Deutschland - dass seine Familie nicht den Klischees über Türken entspricht, merkt er vor allem beim Möbelkauf. mehr...
Dilek Bölükgiray, Polizistin:
"Ich liebe die türkische Gastfreundschaft"
Sie ist in Berlin geboren, aber Deutschland hat sie erst als Erwachsene kennengelernt, sagt Dilek Bölükgiray. Heute kämpft die 33-Jährige Kommissarin in Berlin-Wedding als Präventionsbeamtin gegen Gewalt. mehr...
Ümit Bayam, Stadtplaner:
"Berlin wurde das Zentrum meines Lebens"
Wenn in Kreuzberg ein Bauprojekt die Anwohner stört, dann beginnt Ümit Bayams Arbeit. Der 43-jährige Stadtplaner kämpft für die Rechte der Bürger - als Brückenbauer. Schließlich wurde er eingestellt, weil er beide versteht, Türken und Deutsche. mehr...
Gülay Nawrath, Physiotherapeutin:
"Ich lebe hier, also will ich wählen können"
Gülay Nawrath folgte vor 16 Jahren einem Mann aus dem Süden der Türkei nach Hamburg. Inzwischen ist sie Deutsche und vermisst eigentlich nur die Olivenhaine ihrer Heimat. Zum Thema Anpassung hat sie eine ganz eigene Definition. mehr...
Nebahat Ercan, Lehrerin:
"In der Migration gibt es kein Zurück"
Als junge Frau verlässt Nebahat Ercan die Türkei, um als Zimmermädchen in Deutschland zu arbeiten. Heute lebt sie in Hamburg-Blankenese, ist stolz auf ihre erfolgreichen Kinder und schreibt Bücher - etwa über 36 Jahre türkische Identität in der Fremde. mehr...
Özkan Mutlu, Bäcker:
"Nationalität ist für mich irrelevant"
Özkan Mutlu, 31, betreibt eine Bäckerei am Prenzlauer Berg. Seit seiner Geburt lebt er in Berlin. Im Winter sehnt er sich nach der Türkei, wobei ihm dort die Ordnung fehlt, die er an Deutschland schätzt. Am liebsten würde er pendeln. mehr...
Aleyna, Sekretärin:
"Jede Freundschaft basiert auf einer Lüge"
Zweimal haben sie ihre Eltern in die Türkei verschleppt und wollten sie dort verheiraten - zweimal gelang der jungen Deutsch-Türkin Aleyna* die Flucht. Heute baut sie sich in einer deutschen Großstadt ihr eigenes Leben auf. mehr...
Gediz Taskaya, Medizinstudent:
"Ach ja, ich bin ja eigentlich Türke"
Er fühlt sich in der Türkei fremder als in Deutschland: Für den 26-jährigen Medizin-Studenten Gediz Taskaya ist die Heimat seiner Eltern vor allem Urlaubsziel. Im Klinikalltag sind seine Türkischkenntnisse sehr gefragt. mehr...
Banu Baturay, Journalistin:
"Politik bewegt sich sehr langsam hier"
Banu Baturay kam aus der Istanbuler Oberschicht nach Deutschland. Als Journalistin für den Radiosender Radiomultikulti beobachtet sie die deutsche Integrationspolitik - und kann nicht verstehen, warum Migranten nicht endlich als Potential erkannt werden. mehr...
Tünya Özdemir, Modedesignerin:
"Mein türkisches Coming Out"
Tünya Özdemir wuchs als Hausmeistertochter im Souterrain einer Villa auf. Erst als sie bei den Eltern auszieht, hat sie in Berlin-Kreuzberg ihr "türkisches Coming Out". Sie hasst den Begriff Integration. "Weil er sagt: Du bist ein Fremdkörper. Gehörst nicht dazu." mehr...
Der Mikrozensus von SPIEGEL ONLINE zeigt eines ganz deutlich: Der Weg in die Mitte der deutschen Gesellschaft führt über Bildung, Bildung, Bildung. Bei manchen Migranten reifte diese Erkenntnis schon in der frühen Kindheit. Wie bei Leyla Karadeniz, die als kleines Mädchen gesehen hat, wie ihre Brüder in der Türkei zur Schule gingen, was sie nicht durfte. Nichts hat sie sich sehnlicher gewünscht, als selbst einmal Hausaufgaben machen zu können. Manchmal war Bildung auch die einzige Chance, der traditionellen Familie zu entfliehen. Wie bei der jungen Deutsch-Türkin Aleyna*, die vor ihren Eltern flüchten musste.
Menschen wie die Münchner Friseurin Yasemin Tolanlar und die Erzieherin Leyla Karadeniz leben mit beiden Kulturen - und sie leben im Jetzt: Für sie ist Deutschland das Zuhause - und im Urlaub fahren sie in die Heimat ihrer Eltern, in die Türkei. Sie feiern türkische und deutsche Feste. Sie schicken ihre Söhne und Töchter auf deutsche Schulen und wollen alles tun, damit sie nicht zu den vielen Kindern aus den Migrantenfamilien gehören, die die Schule ohne Abschluss verlassen.
Die Einwanderer, die sich selbst Beispiel erfolgreicher Integration bezeichnen, sehen natürlich die Probleme von Migranten in Deutschland. Auch sie haben das Gefühl, dass es der Politik nach mehr als 40 Jahren Einwanderung noch immer nicht gelungen ist, von Herzen "Ja" zu den Millionen Einwanderern im Land zu sagen.
Viele von ihnen sind Menschen, um die sich die Politik nicht kümmern muss, weil sie keine Probleme machen - über die Politiker aber öfter reden sollten, weil sie zeigen, wie es gehen kann.
Nicht wenige der erfolgreichen Einwanderer haben inzwischen selbst die Rolle des Mittlers übernommen. Sie arbeiten in der türkischen Community, um Migranten zu helfen, sich in Deutschland zu integrieren.
*Name von der Redaktion geändert
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