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29.02.2008
 

Integration

"Man kann seine Vergangenheit nicht komplett aufgeben""

Vom Hilfsarbeiter zum Geschäftsführer: Gürol Gür arbeitete sich bis zum Chef der Hamburger Schanzenbäckerei hoch. Seit 26 Jahren lebt er in Deutschland - dass seine Familie nicht den hiesigen Klischees über Türken entspricht, merkt er vor allem beim Möbelkauf.

Franzbrötchen sind sein persönlicher Favorit: Gürol Gürs Lieblingsgebäck ist eine typische Hamburger Spezialität. Der 42-Jährige lebt seit 1982 in Deutschland und hat sich vom Bäckergehilfen bei Dat Backhus zum Chef seiner eigenen Kette hochgearbeitet - der Schanzenbäckerei.

Geschäftsmann Gürol Gür: "Da bringt ein Vollidiot seine Schwester um und schon denken manche, dass alle Türken so sind"
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Geschäftsmann Gürol Gür: "Da bringt ein Vollidiot seine Schwester um und schon denken manche, dass alle Türken so sind"

In seiner Filiale im Industriegebiet Hammerbrook riecht es nach Kaffee und frischen Brötchen, aus den Lautsprechern tönt US-HipHop von Destiny's Child und Kanye West. Gürol Gür sitzt an einem der rund 15 Cafétische. Er trägt Nadelstreifenanzug, keine Krawatte, sein weißes Hemd ist oben aufegknöpft. "Vom Aussehen her bin ich Türke, aber von innen her nicht mehr", sagt Gür. "Ich bezahle meine Steuern hier, Deutschland ist meine Heimat geworden."

Gürs Familie hat das Leben türkischer Einwanderer in drei Generationen erlebt. Schon 1963 kam sein Vater als Gastarbeiter nach Deutschland, knapp 20 Jahre später holte er seine Kinder nach. "Damals wollte ich eigentlich gar nicht nach Deutschland, ich hätte viel lieber in der Türkei studiert und wäre Lehrer geworden", sagt Gür. Seine eigenen fünf Kinder, der älteste Sohn ist 20 Jahre, die jüngste Tochter acht Monate alt, kennen das Bergdorf der Großeltern zwischen Antalya und Konya nur von Urlaubsreisen. "Sie langweilen sich dort, rufen dann jeden Tag in Hamburg an und sagen 'Papa, hol uns hier raus'", sagt Gür.

Büffeln bis spät in die Nacht

Heute sind etwa 250 Angestellte in den 25 Filialen der Schanzenbäckerei beschäftigt. Zehn davon leitet Gür selbst, der Rest sind Franchise-Unternehmen. Doch der Weg zum erfolgreichen Unternehmer verlief für den 42-Jährigen alles andere als geradlinig. Nur mit viel Anpassungsfähigkeit konnte er Frau und Kinder ernähren und sich gleichzeitig selbst weiterbilden.

Nach einem Deutschkurs und einer einjährigen "Maßnahme zur Berufsvorbereitung und sozialen Eingliederung junger Ausländer" an einer Hamburger Schule nahm er 1983 einen Ausbildungsplatz zum Bauschlosser an. Später begann Gür ein Maschinenbau-Studium an einer Fachhochschule, das er jedoch nach wenigen Monaten aus Geldmangel abbrechen musste. Dann stieg er als Hilfsarbeiter bei der Bäckerei Dat Backhus ein.

Er wollte seinen Job gut machen, büffelte bis spät in die Nacht Theorie zu Nährstoffen und Backverfahren. "Mein Chef hat gesehen, dass ich mir Mühe gebe, und sich jeden Tag eine Stunde Zeit genommen, um mir Sachen beizubringen", sagt Gür. Wie ein Vater sei er für ihn gewesen, dafür sei er bis heute dankbar. Doch nach fünf Jahren hatte er genug gelernt, machte sich selbständig - und blieb trotzdem loyal zu seinem Lehrmeister: "Wir tun uns nicht weh, ich gehe bis heute nicht dahin, wo es schon ein 'Backhus' gibt", sagt Gür. Während er spricht, füllt sich hinter ihm langsam der Bistrobereich. In der Mittagspause kommen viele Angestellte der umliegenden Firmen, außer Brot und Gebäck gibt es hier auch Pizza und Aufläufe. Doch nicht immer war der Zulauf der Schanzenbäckerei so groß, zehn Jahre lang blieb trotz harter Arbeit häufig nur ein "Hungerlohn" für die Familie.

Doch obwohl er sich derzeit jährlich über Umsatzzuwächse freuen kann und auch 2008 zwei neue Filialen in den Premiumlagen Mönckebergstraße und Hafencity eröffnen wird - gerade in den letzten Wochen und Monaten fühlte Gür sich manchmal wieder fremd in Deutschland. "Roland Kochs Gesabbel zur Gewalttätigkeit von Migrantenkindern oder die Reaktionen auf die Rede von Staatschef Erdogan in Köln - das verletzt uns irgendwo schon." Erdogan habe sich für Integration ausgesprochen und sei in Deutschland missverstanden worden, als er Assimilation als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" bezeichnete: "Assimilation heißt für mich, dass man seine Heimat, seine Vergangenheit komplett aufgeben und vergessen soll, das kann man doch von niemandem verlangen, der in ein anderes Land auswandert", sagt Gür.

Er befürchtet, dass durch die Berichterstattung in den Medien die Deutschen häufig ein falsches Bild von Türken vermittelt. "Zum Beispiel bei dieser Ehrenmordgeschichte - ein Vollidiot bringt seine Schwester um und schon denken manche, dass alle Türken so sind." Auch sein eigenes Familienleben entspricht nicht dem Klischee, das seiner Meinung nach viele Deutsche haben: "Zu Hause ist meine Frau der Chef", sagt Gül. "Wenn wir zusammen Möbel kaufen - egal was ich sage, ich kriege einfach nicht durch, was ich möchte."

Aufgezeichnet von Stephan Orth

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