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29.02.2008
 

Integration

"Ich bin eine bayerische Türkin"

Von Sebastian Fischer

In München geboren und aufgewachsen: Yasemin Tolanlar lebt "bestens integriert" in Bayern, sie feiert sogar deutsche Weihnachten. Die 26-jährige Friseurin will die türkische Kultur nicht aufgeben - hält sie aber für Privatsache.

Als sie acht Jahre alt war, machte ihre Mutter einen Versuch. Einen Rückkehrtest. "Ein Jahr schickte sie mich zur Probe zu Verwandten in die Türkei", erinnert sich Yasemin Tolanlar: "Die Leute waren nett, es war schön, aber mein zu Hause ist doch Deutschland." Sie konnte nicht in Izmir bleiben.

Friseurmeisterin Tolanlar: "Wir kannten das Land ja gar nicht"
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Friseurmeisterin Tolanlar: "Wir kannten das Land ja gar nicht"

Und tatsächlich: Die Familie blieb und ging nicht zurück in die Türkei.

Als Gastarbeiter waren sie gekommen, damals in den siebziger Jahren. "Acht bis zehn Stunden täglich haben meine Eltern in einer Münchner Fabrik am Fließband gestanden. Sie wollten ein paar Jahre bleiben, Geld verdienen und dann zurückkehren." Daraus sei ja nun nichts geworden. "Zum Glück, denn ich und mein vier Jahre älterer Bruder - wir kannten das Land ja gar nicht, wir sind beide in München geboren."

Trotzdem ist das so eine Sache mit der Identität. Ist sie Deutsch-Türkin? Deutsche? Die 26-Jährige nimmt einen Schluck Kaffee, legt den Kopf schief und schaut in die Ferne: "Also als Deutsche bezeichne ich mich eher nicht, aber sage manchmal, dass ich Türkin bin." Ihr Freund, der aus einer deutschen Familie stammt, "reißt dann Witze: 'Möchtegern-Türkin' nennt er mich, weil ich ja keinen türkischen sondern einen deutschen Pass habe". Sie lächelt. "Naja, ich finde, er soll mich einfach 'bayerische Türkin' nennen, das trifft's ganz gut." Sie fühle sich sehr wohl in Bayern.

"Nicht traditionell türkisch erzogen"

Ihre Eltern hätten sie "nicht traditionell türkisch" erzogen, "also nicht konservativ". So habe sie nicht wie manche Gleichaltrige rebellieren müssen: "Obwohl meine Eltern hart arbeiteten und nur wenig Zeit hatten für uns Kinder, haben sie auf unsere schulischen Leistungen geachtet und uns zum Beispiel Nachhilfe organisiert." Sicher eine Ausnahme in Gastarbeiter- und Zuwandererfamilien.

Tolanlar spricht perfekt deutsch, mit leichter münchnerischer Färbung. Sie sei in ihrer Schulzeit in eine gemischte Klasse gegangen, das habe ihr geholfen: "Ich hab' sprachlich immer von meinen deutschsprachigen Mitschülern profitiert." Ihr Bruder hingegen habe am Anfang eine rein türkische Schulklasse besuchen müssen: "Da waren überhaupt keine Deutschen, das funktionierte nicht."

Nach der Ausbildung zur Friseurin und anschließender Meisterprüfung eröffnete Yasemin Tolanlar einen eigenen Laden mit einer Angestellten: "Die meisten Kunden wissen gar nicht, dass meine Familie aus der Türkei kommt. Neulich meinte einer, ich sei wohl Spanierin."

"Meine Bundeskanzlerin ist Angela Merkel"

Ihre Eltern seien "als Zuwanderer natürlich noch sehr auf die türkische Community fixiert gewesen", in ihrem eigenen Freundeskreis dagegen würden die Deutschen überwiegen: "Aber das spielt doch alles keine Rolle. Entscheidend ist, dass man angekommen ist in der Gesellschaft hier, dass man dabei ist, dass man sich anpasst", sagt sie - und macht eine Pause. "Ja, ich weiß schon. Anpassung halten manche für das falsche Wort."

Wie etwa der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der Anfang Februar auf einer Großveranstaltung in Köln knapp 20.000 Deutsch-Türken vor "Assimilation" warnte. Dies sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", so Erdogan.

Yasemin fühlt sich nicht angesprochen: "Ob ich es Integration oder Anpassung nenne oder sonstwie, das ist doch nur ein Wort." Sie sei "bestens integriert oder meinetwegen auch angepasst". Sie feiere sogar Weihnachten, "aber nicht, weil ich an Jesus Christus glauben würde, sondern weil das einfach ein Familienfest ist für mich. Die Christen sehen es religiös, okay, das ist in Ordnung. Und ich feiere eben parallel mit meinen Verwandten."

Sie findet die gegenwärtige Debatte nach Erdogans Auftritt "komisch, wir Türkischstämmigen werden in ein falsches Licht gerückt". Erdogan sei für sie der Regierungschef der Türkei - aber sie lebe in in Deutschland: "Und da regiert die Bundeskanzlerin Angela Merkel."

Und was die türkische Kultur betreffe: Die sei ihr sehr wichtig, "die will ich auch nicht aufgeben. Aber das ist meine Sache. Das ist weder die Angelegenheit des türkischen noch die des deutschen Staates". Sie gibt ein Beispiel: "Manchmal ärgere ich mich, dass ich nicht perfekt Türkisch spreche. Das ist echt schade, intensive Diskussionen von Verwandten kriege ich manchmal nicht richtig mit." Sie wolle deshalb in Zukunft vielleicht einen Sprachkurs belegen. "Aber aus Eigeninitiative. Warum sollte denn etwa die Türkei Lehrer nach Deutschland schicken? Wenn es an den Schulen hier freiwilliges Interesse gibt, könnte man auch Türkisch unterrichten, klar. Aber das können dann Lehrer aus Deutschland machen."

Ob sie als Deutsch-Türkin mit einem Gefühl der Zerrissenheit zwischen dem Hier und Dort lebe? Nein, Tolanlar schüttelt den Kopf: "Ich mag beide Länder." Vielleicht gehe sie später einmal in die Türkei. "Als Kind wollte ich nicht in dieses mir fremde Land. Aber wie manche andere für ihr späteres Leben vom Häuschen in Südfrankreich träumen, so denke ich jetzt eben manchmal an die Gegend um Izmir", sagt sie - und strahlt. "Ich mag die Landschaft, ich mag die Menschen. Das Zusammenleben dort geht mehr Hand in Hand als hier bei uns, es gibt mehr Nachbarschaftshilfe. Und das gefällt mir sehr."

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