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29.02.2008
 

Integration

"Nationalität ist für mich irrelevant"

Von Gordon Repinski

Özkan Mutlu, 31, betreibt eine Bäckerei am Prenzlauer Berg. Seit seiner Geburt lebt er in Berlin. Im Winter sehnt er sich nach der Türkei, wobei ihm dort die Ordnung fehlt, die er an Deutschland schätzt. Am liebsten würde er pendeln.

Berlin - Es ist schon auf den ersten Blick keine gewöhnliche Bäckerei. Malerei hängt über den frisch gebackenen Broten, ein Van Gogh-Poster ziert die Wand. Vor der Tür laden orientalische Kissen zum Sitzen ein. "Wenn es wärmer wird, stellen wir draußen noch Pflanzen hin, dann ist es richtig nett", sagt Özkan Mutlu mit einem strahlenden Lachen im Gesicht.

Bäcker Özkan Mutlu: "Wann ist man gut integriert? Meine Vorstellung ist: Wenn man miteinander auskommen kann."
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Bäcker Özkan Mutlu: "Wann ist man gut integriert? Meine Vorstellung ist: Wenn man miteinander auskommen kann."

Seit sechs Jahren betreibt Mutlu die Bäckerei in der Nähe des Kollwitzplatzes. Eigentlich ist er Kreuzberger, aber als er von der Gelegenheit hier am Prenzlauer Berg hörte, fasste er sich ein Herz und nutzte die Möglicheit zur Selbständigkeit. Seitdem vergeht kein Monat, in dem er nicht neue Dinge anbietet, die Einrichtung verändert oder die Bäckerei verschönert. "Ich verbringe so viel Zeit hier, da möchte ich es auch schön haben", sagt der 31-Jährige. Wieder das strahlende Gesicht.

Mutlu ist in Kreuzberg geboren. "In unserer Wohnung in der Gneisenaustraße, meine Eltern haben es nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus geschafft!" Seitdem hat er immer im Viertel gewohnt.

"Am liebsten wäre mir ein Job, bei dem ich pendeln könnte"

Ist Kreuzberg deshalb jetzt sein Zuhause? Er tut sich schwer mit der Antwort. "Natürlich ist es mein Zuhause. Aber auch die Türkei ist mein Zuhause." Mutlu fährt im Sommer regelmäßig an den Bosporus. Danach vermisst er am meisten die Sonne, die Kultur: "Wenn ich in der Türkei bin, denke ich oft an Ephesus, an all die Götter, die dort vor vielen Tausend Jahren gelebt haben. Am liebsten wäre mir ein Job, bei dem ich pendeln könnte."

Mutlu hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Und wenn er sich nun entscheiden müsste, für welche Fußballmannschaft er bei einer WM aufläuft? Er zögert. Wieder das Lächeln. "Wissen Sie, vielleicht würde ich für die Türkei spielen, die bräuchten die Hilfe wahrscheinlich dringender", sagt er und schaut aus seinem Fenster auf die Sredzkistrasse. "Aber ich würde auch sehr gerne für Deutschland spielen. Man teilt dann noch ein Stück mehr mit den Menschen hier."

Er begeistert sich für die Ordnung, das Verlässliche in Deutschland. "Hier müsste ich keine Angst haben, bei einem Verkehrsunfall keine Behandlung zu erhalten, innerhalb von ein paar Minuten ist ein Krankenwagen da. Das ist in der Türkei nicht so." Aber nicht nur die soziale Absicherung weiß er zu schätzen. "Ich mag die multikulturelle Gesellschaft in Berlin, die vielen verschiedenen Menschen. Wie fantastisch die WM war, mit all den Nationalitäten zusammen zu feiern." Wenn er es sagt, klingt es, als würde ein Deutscher über die WM sprechen. Kurz danach kommt ein Französisch sprechender Mann zur Tür hinein, bestellt sechs Baguettes. "Ich bringe sie dir gleich rüber", sagt Mutlu. Viele seiner Kunden kennt er persönlich.

"Es interessiert mich, was hinter den Menschen steht"

Der Kreuzberger Mutlu ist in der neuen Künstler- und Kleinfamilienbohème des Kollwitzplatzes angekommen. "Ich mochte den Prenzlauer Berg sofort", erklärt er. "Mittlerweile habe ich auch hier eine Wohnung. Es ist mein Kiez geworden." Einige befreundete Künstler werben bei ihm mit kleinen Postkarten für Konzerte oder Theaterstücke. Regelmäßig laden sie auch ihren Bäcker Mutlu zu den Vorführungen ein. "Ich versuche, immer hinzugehen", sagt er "Es interessiert mich, was das für Menschen sind, die jeden Morgen bei mir ihr Vollkornbrot oder Sesambrötchen kaufen."

Mutlu spricht ein perfektes, fast akzentfreies Deutsch. Sicher jongliert er zwischen den Begriffen "Integration" und "Assimilation". Wie bei der Frage nach seinem Zuhause windet er sich auch bei der Einschätzung, ob er selber gut integriert sei. "Wann ist man gut in eine Gesellschaft integriert? Meine Vorstellung ist: Wenn man miteinander auskommen kann." Glaubt er, dass türkische Schüler von vornherein auf Deutsch erzogen werden, um integriert zu sein? "Nein!" entfährt es ihm deutlicher als zuvor: "Es schafft doch keine Integration, wenn ich den Kindern verbiete, die Sprache der Eltern zu lernen." Wenn es nach Mutlu ginge, müsste man auf gemischte Schulen achten. "Das schafft Integration."

Vielleicht ist Mutlus Bäckerei selbst - mit ihrem deutschen Käsekuchen und türkischen Teegebäck, dem leckeren italienischen Karottenkuchen, den marrokanischen und ägyptischen Zaubereien, den französischen Baguettes und Croissants, den amerikanischen Brownies und dem spanischen Kaffee - das beste Beispiel für Integration. Integration, die einfach stattfindet. Ohne große Debatte.

"Für mich ist Nationalität irrelevant", betont Mutlu. "Meine Nachbarin in Kreuzberg lässt immer ihre Schuhe vor der Tür stehen. Meine Grossmutter fällt darüber." Das stört Mutlu. "Meine Nachbarin ist Türkin. Wenn sie Deutsche wäre, würde es mich genauso stören."

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