Berlin - Wegen seiner Äußerungen zu Kindstötungen in Ostdeutschland ist Sachsen-Anhalts Regierungschef Wolfgang Böhmer (CDU) auch in seiner eigenen Partei immer stärker isoliert. Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte den Ministerpräsidenten vor dem CDU-Präsidium in Berlin zur Rede und legte ihm nach Angaben von Teilnehmern nahe, die Aussagen nicht zu wiederholen.
Auch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) distanzierte sich von ihrem Parteifreund: "Es ist keinem geholfen, wenn man die Probleme vereinfacht", sagte sie in Berlin. Von der Leyen betonte, die Frauen in Ost- und Westdeutschland dürften nicht unterschiedlich betrachtet werden. Mitverantwortlich für die Kindstötungen seien oftmals schwere soziale und psychische Probleme der Mütter.
Böhmer bemühte sich indes, die Wogen zu glätten: In einer Stellungnahme erklärte er, "die zitierten Sätze sind der verkürzte Ausschnitt eines langen differenzierenden Gesprächs zu diesem sensiblen Thema". Die besorgniserregende und statistisch belegte Häufigkeit von Kindstötungen bedürfe mehr als nur einer oberflächlichen Interpretation.
Böhmer hatte in einem "Focus"-Interview gesagt, die häufigen Fälle von Kindstötungen im Osten Deutschlands seien eine Folge der liberalen DDR-Abtreibungspolitik und der leichtfertigeren Einstellung zum werdenden Leben in den neuen Ländern. Es komme ihm so vor, als ob Kindstötungen von Neugeborenen für manche ein Mittel der Familienplanung seien.
Hintergrund seiner Äußerungen war eine vor kurzem veröffentlichte Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens, nach der drei- bis viermal mehr Kinder in den ostdeutschen Ländern von ihren Eltern getötet werden als im Westen. Die genauen Ursachen hierfür sind bislang nicht erforscht.
Harsche Kritik kam auch aus den Lagern der anderen Parteien: Nach den Grünen forderte auch die Linkspartei Böhmer zum Rücktritt auf. Die FDP nannte die Äußerungen eine Beleidigung für ostdeutsche Frauen. Der Theologe und SPD-Politiker Richard Schröder stellte sich indes hinter Böhmer. Tatsächlich habe der Respekt vor den Ungeborenen jedenfalls bei den Funktionären der DDR keine große Rolle gespielt, schrieb er im "Tagesspiegel".
Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) wies die Kritik an Böhmer als überzogen und maßlos zurück. Böhmer wisse aus eigener Erfahrung, wie bedenkenlos nicht selten die Abtreibungsmöglichkeit in der DDR genutzt worden sei, um Probleme der Lebensplanung zu lösen, erklärte ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer. Böhmer war früher Chefarzt der Gynäkologie in Wittenberg in Sachsen-Anhalt.
jma/Reuters
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