Berlin - "Der von Christa Müller noch mal wiederholte unhaltbare Vergleich von Folgeschäden durch Genitalverstümmelung mit der Bildung und Erziehung kleiner Kinder in Kindertagesstätten ist zynisch und skandalös", sagt Astrid Rothe-Beinlich, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, am Dienstag zu SPIEGEL ONLINE.
Christa Müller, familienpolitische Sprecherin der Saar-Linken und Ehefrau des Linke-Vorsitzenden Oskar Lafontaine, hatte sich am Montag gegen Angriffe aus der eigenen Partei verteidigt und den Vergleich zwischen ihrem Kampf gegen die Beschneidung von jungen Frauen und Mädchen mit jenem gegen die Fremdbetreuung von Kindern aufrechterhalten: "Ich bleibe bei dem Vergleich. Zwar nicht in jedem Einzelfall, aber für manche Kinder ist Krippenbetreuung eine traumatische Erfahrung, wenn sie zu früh und zu abrupt von ihrer Bindungsperson getrennt werden", sagte sie SPIEGEL ONLINE.
Bereits zuvor hatte Müller, die auch Vorsitzende des weltweit gegen die Beschneidung von Frauen kämpfenden Vereins "Intact" ist, auf SPIEGEL ONLINE betont, dass es sich bei der Genitalverstümmelung um Körperverletzung, "bei der Krippenbetreuung in einigen Fällen um seelische Verletzung" handele - und die sei "manchmal schlimmer als Körperverletzung". Deshalb verglich sie den Kampf gegen das eine mit jenem gegen das andere.
"Eindeutige Distanzierung" von Lafontaine erwartet
Grünen-Vorstandsmitglied Rothe-Beinlich beklagt nun, Müller relativiere dadurch "das Leid unzähliger Frauen". Zudem diffamiere sie jene Eltern, "die sich mit guten Gründen dafür entscheiden, ihr Kind für einen Teil des Tages in eine Kindertagesstätte zu geben und somit mit Erzieherinnen Verantwortung teilen".
Rothe-Beinlich weiter: "Frau Müllers These, dass Kinder in Kinderkrippen oder Kindertagesstätten einen psychischen Schaden davontragen, ist schlicht falsch und brandgefährlich." Die Linke-Politikerin verhöhne so auch die Arbeit von Erziehern.
Auf die Äußerungen von Christa Müller müsse deren Partei nun entschieden reagieren, fordert Rothe-Beinlich: "Die männerdominierte Spitze der Linkspartei muss jetzt endlich klar Stellung beziehen." Die bisherigen Äußerungen aus der Linke-Bundestagsfraktion genügten nicht. "Ich erwarte auch von den Herren Lafontaine, Gysi und Ramelow eine eindeutige Distanzierung von derartigen Aussagen. Alles andere macht die Frauenpolitik der Linkspartei zur Farce", so die Grünen-Politikerin abschließend.
Kritik kam zuvor auch aus der Bundestagsfraktion der Grünen. Die parlamentarische Geschäftsführerin Irmingard Schewe-Gerigk bezeichnete Müllers Ausführungen gegenüber dem SPIEGEL als "unglaubliche Entgleisung" und "Verhöhnung der Opfer von Genitalverstümmelung".
Christa Müller weist Kritik zurück
Christa Müller hat am Montag bereits ähnlich lautende Vorwürfe des familienpolitischen Sprechers der Linksfraktion im Bundestag, Jörn Wunderlich, entschieden zurückgewiesen. "Ich weiß nicht, wie viel Mädchen Herr Wunderlich vor Beschneidung gerettet hat, aber der Verein 'Intact', den ich 1996 mitgegründet habe, hat Zehntausende von Mädchen in Benin, Togo, Burkina Faso und anderswo vor dieser furchtbaren Operation gerettet", so Müller zu SPIEGEL ONLINE.
Auch ihre Pläne eines Erziehungsgehalts von anfangs 1600 Euro pro Monat und Kind, die sie in ihrem Buch "Dein Kind will dich. Echte Wahlfreiheit durch Erziehungsgehalt" darlegt, verteidigte sie gegen die Vorwürfe aus der eigenen Partei: Sie kämpfe nicht für ein "traditionelles Familienbild", dies sei ein "Irrtum", so Müller zu SPIEGEL ONLINE. Denn nach ihrem Modell sollten alle Eltern ein Erziehungsgehalt bekommen: "Die entscheiden dann selbst, ob sie es in einen guten Betreuungsplatz investieren oder die Kinder selbst erziehen." Mit den dafür nach ihrer Rechnung insgesamt benötigten 48 Milliarden Euro werde so "auch ein Beitrag gegen Kinderarmut geleistet".
In diesem Bereich beklagte Müller Defizite der Berliner Linksfraktion: Sprecher Wunderlich habe vor kurzem zwar die "soziale Schieflage beim Elterngeld" moniert und die Anhebung der Mindestauszahlung auf 450 Euro gefordert. Doch sei damit die soziale Ungerechtigkeit nicht behoben: "Wenn das Höchstelterngeld 1800 Euro betragen soll, das Mindestelterngeld aber nach Forderung der Linksfraktion nur 450 Euro, dann soll mir der Herr Wunderlich mal erklären, wo das sozial gerecht ist." So könne man armen Familien nicht helfen, sagte Müller.
Unterdessen dauern die Angriffe aus der eigenen Partei an. Die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Kirsten Tackmann, wirft Müller vor, sie beleidige "vor allem ostdeutsche Biographien". Tackmann weiter: "Mit ihrem aktuellen Angriff über SPIEGEL ONLINE gegen meinen Kollegen Jörn Wunderlich und die Positionen der Bundestagsfraktion geht sie nun entschieden zu weit, denn es sind in der Linken Mehrheitspositionen." Müller nehme Fraktion und Partei "für ihre persönliche Missionierung in Haftung".
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