Von Stefan Schultz
Berlin - Der Mann hat Geheimratsecken und ein unschuldiges Lächeln. Sein Sakko ist ihm leicht zu groß, am linken Arm baumelt eine klotzige, silberne Uhr. Ismael Karaca heißt er mit bürgerlichem Namen, seine Freunde, sagt er, nennen ihn Isi. Isi sorgt seit nunmehr einem halben Jahr in Berlin für Aufregung, jetzt stellt er sich erstmals der Öffentlichkeit.
Isi Karaca plant das erste Laufhaus der Stadt, ein Etagenhotel, in dem sich Prostituierte für bezahlten Beischlaf Zimmer mieten, für 20 Euro pro Tag, von elf Uhr vormittags bis sechs Uhr morgens. Zusammen mit seiner Frau will er das Etablissement betreiben.
"Laufhaus, nicht Bordell", betont Karaca, die Unterscheidung ist ihm wichtig. Im Bordell arbeiteten die Frauen für den Betreiber, er hingegen sei nur der Vermieter der Zimmer. "Was die Damen hinter den Türen machen, ist mir egal."
Eine Falzbroschüre in babyblau und pink beschreibt die Vorzüge der Einrichtung: Von "umweltgerechter Entsorgung der Kondome" ist darin die Rede. Von einer "Kommunikationsebene" für Prostituierte mit "psychologischer Betreuung, Massage und Friseur". Auch einen Kaffeeautomat, sagt Karaca, soll es später mal geben.
Im Rotlicht-Business hat der 44-Jährige einige Erfahrung: Seit August 2007 betreibt er einen Tabledance-Laden im Stadtteil Wilmersdorf. Sich selbst sieht Karaca vor allem als Geschäftsmann. "Was ich mache, ist zwar keine Bücherei", sagt er. "Aber ich lebe davon gut, und ich habe vor, durch das Laufhaus noch besser zu leben."
Die Stadt Berlin stellt er mit seinem Puff-Projekt indes vor ein großes Problem: Denn ausgerechnet im ehemaligen Wegert-Haus, Ecke Potsdamer Straße/Kurfürstenstraße, soll das Laufhaus eingerichtet werden. Das Sex-Hotel läge damit mitten im stadtbekannten Straßen- und Babystrich. Die Bezirksverwaltung fürchtet, das ohnehin von Prostitution geprägte Viertel könnte dadurch vollends umkippen.
Im vergangenen Jahr hat sich das Milieu rund ums Wegert-Haus sichtbar verschlimmert. Neue Prostituierte kamen in Scharen, viele aus Osteuropa. Die ärmsten unter ihnen, berichten Anwohner, verkehren mit ihren Kunden für fünf Euro ohne Kondom, im Freien. Ein Mitarbeiter der im Viertel ansässigen Zwölf-Apostel-Kirche berichtet von "prügelnden Zuhältern", von "Mädchen, die sich auf Motorhauben legen, um potentielle Kunden am Wegfahren zu hindern".
"Seit etwa einem Jahr hat die Prostitution im Viertel eine neue Stufe erreicht", bestätigt Siegmund Kroll, Leiter des Stadtplanungsamtes Schöneberg/Tempelhof. Der Stadtteil drifte dadurch zusehends ab: "Anwohner beschweren sich über aggressive Prostituierte, Gewerbetreibende klagen, dass immer weniger Kunden kommen."
Beim Laufhaus zog die Regierung dann die Notbremse. Mitte Februar schmetterte der Baustadtrat Karacas Geschäftsgesuch ab. Er berief sich dabei auf Paragraph 15 der Baunutzungsverordnung, laut dem die Stadt Nutzungen von speziellen Gebäuden unterbinden kann, wenn davon "Belästigungen oder Störungen ausgehen können, die nach der Eigenart des Baugebiets im Baugebiet selbst oder in dessen Umgebung unzumutbar sind".
"Ein solches Etablissement wäre eine zusätzliche Belastung, die die Gegend vielleicht nicht mehr verkraftet", begründet Kroll die Entscheidung. "Herr Karaca plant in seinem Etablissement fast 50 Betten. Wenn die im Drei-Schichten-Betrieb belegt sind, wird das auf die Umgebung gewaltige Auswirkungen haben."
Karaca hingegen ist der festen Überzeugung, sein Laufhaus könnte die Situation im Kiez sogar verbessern, da sich die Prostitution von der Straße hinter verschlossene Türen verlagere. Durch Duschen und die Pflicht der Prostituierten, alle 14 Tage ein Attest vorzulegen, würden sich auch die Hygienebedingungen verbessern. Wachmänner und regelmäßige Polizeikontrollen im Etablissement sollen die Sicherheit im Viertel verbessern, und letztlich, sagt Karaca, würde vom Laufhaus sogar der Staat profitieren: "Schließlich zahle ich Steuern."
Doch Experten bezweifeln, dass ein Laufhaus im Straßenstrich positive Auswirkungen hat. "Wir gehen aber eher davon aus, dass das zusätzliche Angebot nicht zu einer Verdrängung bestehender Strukturen führen würde, sondern zu einer weiteren Konzentration", sagt Kroll. Ein Laufhaus werde den Straßenstrich nicht ersetzen, sagt Stephanie Klee von der Agentur "Highlights", die selbst anschaffen geht, der "Welt".
Der Streit zwischen Karaca und der Stadt dürfte bald vor Gericht gehen: Gegen den Ablehnungsbescheid der Bezirksverwaltung hat Karacas Anwalt Leander Gast bereits Einspruch eingelegt. Habe dies keinen Erfolg, solle die Sache der zuständigen Senatsverwaltung vorgelegt werden, sagt Gast. Lehne auch diese das Gesuch ab, folge die Klage. Zudem fordert Karaca von der Stadt Schadensersatz. Bereits sei 1. Januar zahlt er für das Wegert-Haus die Miete, seit diesem Zeitpunkt will er monatlich ein Ausfallgeld von 40.000 Euro.
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Da will ein Investor die Frauen von der Strasse holen, die hygienischen und auch andere Zustände verbessern und die Baubehörde ist dagegen? Ich glaub es nicht, was ist denn neuerdings in Berlin los? Oder steckten da die [...] mehr...
Es geht hier nicht um das Problem, sondern nur um die Verdrängung dessen. Anstatt die Prostituierten zu unterstützen, müssen die sich weiterhin in dunklen Ecken und auf riskante Mitfahrten einlaßen. Klar würde das Laufhaus, nicht [...] mehr...
Nein, darum geht es nicht und das Thema geistert schon länger in den Medien. Vor ein paar Wochen habe ich mal einen Fernsehbericht gesehen (keine Ahnung welcher Sender und welche Sendung). In dem Bericht ist die Situation aus [...] mehr...
Klasse, auf nach Berlin! Danke für die Info. Mal im Ernst: Was sollen solche Artikel? Unter dem Deckmantel des solidarisierendem Journalismus wird hier doch wieder nur die geile Sensation gesucht. Durch solche Berichterstattung [...] mehr...
Wenn das so heruntergekommen ist, wie beschrieben, dann hätte die Senatsverwaltung schon viel früer was tun müssen. Aber da die berliner Verwaltung völlig unfähig ist, lies man es einfach laufen. Da gilt: Die Geister die ich [...] mehr...
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